Ausstellung "50 Jahre Porsche 911" Große Nummer

Vom zierlichen Coupé zur Wuchtbrumme - die wichtigste Porsche-Baureihe hat in einem halben Jahrhundert eine erstaunliche Metamorphose durchgemacht. Das Hamburger Automuseum Prototyp zeichnet die Entwicklung der "Neunelfer" nach - mit Modellen aus allen Epochen.

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Photographers Hamburg

Behutsam bewegt wurde der weiß-blaue Porsche nicht. Im Gegenteil: Jacky Ickx hat ihn 1986 zwischen Paris und Dakar geradezu malträtiert. Auf Tausenden Rallye-Kilometern scheuerte der Sahara-Sand den Vorderwagen auf. Auch der beigefarbene Serien-Porsche von 1966, der Ickx' Wagen gegenübersteht und auf den ersten Blick makellos erscheint, offenbart bei näherem Hinschauen Narben und verblasste Lackpartien, etwa an der Fahrertür. "Man sieht heute noch, wo der Fahrer bei heruntergekurbeltem Fenster den Arm ablegte", sagt Simon Braker, Kurator der Ausstellung "50 Jahre Porsche 911" im Hamburger Automuseum Prototyp. "Die Autos, die hier stehen, haben alle ihre Geschichte, und die hat eben Spuren hinterlassen."

Ein gutes Dutzend Porsches mit Patina hat Braker für die Zeitreise durch die Modellgeschichte des bekanntesten deutschen Sportwagens zusammengetragen. Einige stammen aus dem Stuttgarter Museum der Marke, der Großteil gehört privaten Leihgebern. Die Ausstellung spannt den Bogen von frühen Versuchsfahrzeugen über die Carreras und Turbos der Siebziger und Achtziger bis zu den hochpotenten Leichtbau-GTs aus den ersten Jahren dieses Jahrtausends. "Mit diesem Querschnitt wollen wir zeigen, wie es Porsche gelungen ist, seinen Kunden mit einer einzigen Baureihe eine Vielfalt an Möglichkeiten im Alltag zu bieten - und mit demselben Modell zugleich jahrzehntelang Motorsport-Erfolge wie am Fließband zu sammeln", sagt Braker.

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Porsche-911-Ausstellung: Sportler mit Breitenwirkung

Porsches Neuer präsentierte sich bei der Premiere 1963 deutlich dynamischer und kraftvoller als der rundliche Ur-Porsche 356 (der zum direkten Vergleich ebenfalls in der Ausstellung steht). Sein Sechszylinder-Boxer entwickelte 130 PS, was bei einem Gewicht von nur 1100 Kilogramm für eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 200 km/h genügte. Der 911 kostete allerdings auch gut 5000 Mark mehr als der bewährte 365. Um die bisherige Kundschaft nicht zu verschrecken oder finanziell zu überfordern, baute Porsche noch einige Jahre eine 911-Version mit dem 90-PS-Motor des Vorgängermodells - und nannte ihn kurzerhand 912.

Rennsieg mit geborgtem 911er aus dem Autohaus

Die wahre Mission des neuen Modells war allerdings von Anfang an: Leistung, Leistung, Leistung. Porsches sportliche Ambitionen ließen die Ingenieure immer neue Rennvarianten, Leistungsspritzen, Leichtbau-Lösungen ersinnen. Der 911 beherrschte auf Anhieb die Rallyestrecken und bald auch die Gran-Tourismo-Kurse. Geradezu dreist mutet der Coup des englischen Rennfahrers Vic Elford an: Er gewann 1967 ein Rallyecross-Rennen mit einem Serien-911er, den er sich übers Wochenende beim britischen Porsche-Importeur geborgt hatte.

In der permanenten Weiterentwicklung des 911 befruchteten sich Renn- und Serienfahrzeuge gegenseitig. Ein Beispiel dafür ist der "Entenbürzel", der den 300 PS starken Carrera RSR 2.8 von 1973 vor dem Abheben bewahrte. Noch größere Spoiler montierten die Ingenieure später dem 911 Turbo aufs Heck. An den beiden in der Ausstellung gezeigten Modellen ist denn auch abzulesen, wie der anfangs fast zierliche Neunelfer durch die stetige Aufrüstung zu einem immer bulligeren Boliden heranwuchs.

Missratener Prototyp, gelungener Targa

Die Metamorphosen des 911 illustrieren weitere bemerkenswerte Einzelstücke. Dazu zählt ein 911-Prototyp von 1959, der schon alle Charakteristika des späteren Modells besaß - bis auf dessen langen Coupé-Rücken. Weil Designer Ferdinand Alexander Porsche den 911-Urmeter erst einmal als vollwertigen Viersitzer baute, geht dessen Dach zwecks Kopffreiheit im Fond in eine überdimensionale Heckscheibe über. Auf Anhieb gelungen war dagegen der Targa, die eigensinnige Cabrio-Variante des 911 mit dem breiten Sturzbügel. Eine Kuriosität ist schließlich der millionste 911er, ein Carrera S, der ab 1996 im Polizeidienst auf baden-württembergischen Autobahnen den Rasern Paroli bot.

Abgerundet wird die Sonderschau durch unterhaltsame Exponate wie Werbemittel, Porsche-Nippes und technische Simulationen. Ein Auspuff-Schnittmodell bläst den Sound eines Porsche 911 GT3 von 2003 in den Ausstellungsraum. Und einer Farbkarte von 1970 ist zu entnehmen, dass die Porsche-Kunden der Woodstock-Ära bei den Außenfarben nur die Wahl zwischen bunt und quietschbunt hatten. Der 911 war zum Beispiel in Pastellblau, Bahiarot und Blutorange bestellbar. Schwarz oder Silber dagegen suchten Interessenten vergebens - heute unvorstellbar.

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