Von Tom Grünweg
Eigentlich galt seine Liebe als Zwölfjähriger dem BMW Isetta. "Doch dann", berichtet Ingo Heitel, 45, "kaufte sich meine Mutter einen alte R4, und ich habe ihn fit gemacht." Ehrensache, dass später, als der Führerschein in der Tasche war, auch Heitel sich als erstes Auto einen R4 zulegte. "Der kostete läppische 45 Mark", sagt er. Dafür war das Auto ziemlich hinüber. Mit Ringschlüssel und Schweißbrenner begann so eine innige Auto-Liaison, die Heitel bis heute nicht mehr losgelassen hat. Und damit er genug Nachschub hat, hortet der Entwicklungsingenieur eines Autozulieferers alles, was es zum R4 zu sammeln gibt.
In einem halben Dutzend Hallen am Fuß der schwäbischen Alb verteilt, bunkert Heitel geradezu Berge von Ersatzteilen, Kataloge, Prospekte, Zeitungsausschnitte, Modellautos, ja selbst dutzende von Werkstatt-Uniformen und Mechaniker-Jacken sowie andere Devotionalien eines Autos, das R4 heißt, das der Sammler aber nie so nennt. Sondern wie die Franzosen sagt er "Quatrelle", weil schließlich die Typbezeichnung "4L" am Blech des Autos klebt.
Anfangs war die Sammelei noch einfach. Schließlich war der R4 ein Erfolgsmodell. Präsentiert vor 50 Jahren, 1961 auf der IAA in Frankfurt, entwickelte sich der genügsame Franzose zum Besteller: In 31 Jahren Bauzeit, also bis 1992, liefen mehr als acht Millionen Exemplare vom Band und machten das Modell zum bislang meistverkauften französischen Auto. Heute dagegen sind die meisten R4 bereits vom Rost zerfressen und die Ersatzteilversorgung wird immer lückenhafter.
Die Stars seiner Sammlung sind natürlich die Autos. Mehr als hundert R4 hat er wohl schon besessen, schätzt Heitel. Heute stehen knapp ein Dutzend R4 in seinen Garagen. Die Autos seien ihm "zugelaufen", sagt er, denn aktiv gesucht nach einem R4 hat er angeblich noch nie. Auch nicht nach dem ältesten R4 mit deutscher Erstzulassung aus dem Jahr 1962, der jetzt in seiner Sammlung steht. Das Auto kostete damals in der Grundausstattung 3830 Mark in Deutschland. Rund 900.000 R4 verkaufte Renault über die Jahre in Deutschland. 2010 waren davon noch rund 7000 zugelassen, meldete das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg.
Je nach Wetter, kommen Plein-Air oder Parisienne aus der Garage
Klar, dass Liebhaber Heitel auch im Alltag mit einem R4 unterwegs ist. Eigentlich sogar mit zweien. Wenn das Wetter besser ist, gondelt er mit einem Modell namens Plein-Air durch die Stadt und übers Land. So luftig wie der fast aller Karosseriebleche beraubte R4 sind Cabrios heute schon längst nicht mehr. Bei feuchter Witterung oder wenn ein Transport ansteht, nimmt Heitel eine blaue Parisienne von 1965.
Das Auto ist eine Art Luxusversion des R4 mit Rattanbemalung, die vor allem die Damenwelt ansprechen sollte. Für Heitel ist das Auto gelebte Entschleunigung: Wenn er die Seitenfenster aufschiebt und sich vom 34 PS starken 850-Kubikzentimeter-Vierzylinder (Renault spendierte den Aggregaten über die Jahre etwas mehr Hubraum und Leistung) über die Schwäbische Alb und durch den Nordschwarzwald kutschieren lässt - mit einem Sprintwert von etwa 35 Sekunden bis Tempo 100 und einer Höchstgeschwindigkeit von 123 km/h. "Mehr Auto braucht auch heute kein Mensch." Nur die coole Standardhaltung der R4-Fahrer, die lässig die Hand auf den Griff der Revolverschaltung ablegen, verkneift sich der Kenner. "Das mögen die Synchronringe gar nicht."
Zwar ist Heitel dem R4 gegenüber seit Jahrzehnten treu, doch ganz sortenrein ist die Sammlung nicht. In seinen Scheunen stehen nämlich auch ein paar ziemlich derangierte Peugeot 203 und 404. "Das ist mein nächstes Projekt", sagt er mit einem Schulterzucken. "Ich kann einfach nichts wegwerfen."
Viel Platz, günstige Ersatzteile, einfach zu reparieren
Irgendwann während des Stöberns in Ersatzteilen und Erinnerungen verrät Heitel auch, warum ausgerechnet er einen Narren an dem praktischen Renault gefressen hat. Klar, dass man ihn damals für wenig Geld kaufen und kinderleicht reparieren konnte, das ist natürlich ein Grund. Dass er sehr viel Platz bietet, macht ihn zum idealen Alltagsbegleiter in allen Lebenslagen. Und dass es zum Anfang seiner Autofahrer- und Sammlerkarriere überall Ersatzteile gab, war auch von Vorteil.
Doch vor allem ist seine anhaltende Liebe eine Trotzreaktion. "Mich hat motiviert, dass jeder über den R4 gelacht und ihm keiner eine große Zukunft zugetraut hat", sagt Heitel. "Wenn das Auto jetzt zum 50. Geburtstag bisweilen sogar als Kultauto bezeichnet wird, ist das für mich jedes Mal ein kleiner Triumph." Nicht nur ein Triumph gegenüber den Edelsammlern im Porsche 911 oder im Mercedes SL. Sondern ein bisschen auch gegenüber Isetta-Fahrern.
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