A 555 Europas erste Autobahn wird 75

"So werden die Straßen der Zukunft aussehen", sagte Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer, als er am 6. August 1932 im Süden der Domstadt eine neue Verkehrsverbindung eröffnet – die erste Autobahn Deutschlands.


Köln - Adenauer sollte Recht behalten: Die 20 Kilometer lange Straße zwischen Köln und Bonn, die vor 75 Jahren mit einer Sternfahrt für den Verkehr freigegeben wurde, gilt heute als erste deutsche Autobahn. Zwar lautete ihre offizielle Bezeichnung noch Kraftwagenstraße, und einen Mittelstreifen gab es auch noch nicht. Aber dafür besaß die neue Straße zwei Bahnen pro Fahrtrichtung, und sie war auf kompletter Länge kreuzungsfrei.

A 555 zwischen Köln und Bonn: "Vierspurige kreuzungsfreie Straße"
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A 555 zwischen Köln und Bonn: "Vierspurige kreuzungsfreie Straße"

Mit der Berliner Avus war zwar bereits 1921 auf deutschem Boden die erste autobahnähnliche Strecke der Welt eröffnet worden. Doch die privat finanzierte und gebührenpflichtige Avus diente vor allem als Renn- und Teststrecke. Die Fahrt über die neue Kölner Fernstraße war dagegen für alle Kraftwagen gebührenfrei. Somit schlug die Geburtsstunde der Autobahn in Deutschland 1932 - elf Jahre nach Freigabe der Avus, und zugleich auch ein knappes halbes Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die bis heute verbreitete Überzeugung, Hitler habe die Autobahnen erfunden und nicht nur ihren Ausbau forciert, entpuppt sich damit als Nazi-Propaganda.

18.000 Autos pro Tag

Schon 1927 hatte es einen Plan für den Bau eines 22.000 Kilometer langen Netzes ein- und zweibahniger Fernstraßen durch Deutschland gegeben. Wegen der 1929 durch den New Yorker Börsenkrach ausgelösten Weltwirtschaftskrise wurde das Vorhaben aber zu den Akten gelegt. Dies änderte freilich nichts daran, dass die Verkehrsprobleme ständig wuchsen: Allein von 1920 bis 1925 war die Zahl der Kraftwagen im Deutschen Reich von 75.000 auf 256.000 gestiegen - eine Zunahme, der sich das damalige Straßennetz nicht mehr gewachsen zeigte.

So wurde zwischen Köln und Bonn der Bau einer kreuzungsfreien vierspurigen Straße vorangetrieben - immerhin war die alte Landstraße zwischen den beiden rheinischen Städten seinerzeit mit bis zu 18.000 Autos pro Tag die am stärksten befahrene des gesamten Deutschen Reiches. Zum Vergleich: Spitzenreiter ist heute die Autobahn 100 in Berlin - mit mehr als 165.000 Fahrzeugen am Tag. Die Arbeiten an der Kraftwagenstraße Köln-Bonn begannen 1929 und wurden weitgehend von Hand ausgeführt, denn der Bau war auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die vielen Erwerbslosen in der Region. So steuerte der Staat zu den Gesamtkosten von rund 8,6 Millionen Reichsmark rund 3,8 Millionen aus der Arbeitslosenfürsorge bei.

Spezielle Verkehrsregeln

Klar, dass für die neuartige Straße auch spezielle Verkehrsregeln galten. Im Gegensatz zu den anderen öffentlichen Straßen war sie ausschließlich Kraftwagen vorbehalten, wie die "Kölnische Zeitung" am 5. August 1932 berichtete: "Durch eine besondere Polizeiverordnung ist jeder andere Verkehr wie Fußgänger-, Fuhrwerks-, Radfahr-, Kraftradfahr- und Reitverkehr verboten." Zur Eröffnung der Kraftwagenstraße huldigte das Blatt der schönen neuen Autowelt: Als das grüne Band zur Freigabe der Straße durchschnitten worden sei "und die Fahrzeuge der Teilnehmer des schlichten Festakts in langer Schlange auf die breite, mit grauschwarzem Splitt bedeckte Straße fuhren, da musste Fachleuten wie Laien das automobilfreudige Herz höher schlagen".

Auch der spätere CDU-Bundeskanzler Adenauer zeigte sich beglückt, dass der Bau der ersten Autobahn fürderhin mit "seinem" Köln verbunden sein würde. "Dass diese verkehrstechnische Neuerung, deren Inbetriebnahme einen neuen Zeitabschnitt in der deutschen Verkehrswirtschaft einleitet, ihren Ausgang in Köln nimmt, darf in uns das Gefühl des Stolzes und der Befriedigung wecken", schrieb der damalige OB in der "Kölnischen Zeitung". Die ersten Autobahn-Planer zeigten übrigens durchaus Weitblick: Ausgelegt war die neue Straße bereits für Tempo 120, obwohl es die Autos damals durchschnittlich gerade mal auf 60 Stundenkilometer brachten.

Aus den ersten 20 Kilometern im Rheinland ist in den vergangenen 75 Jahren ein Autobahnnetz von bundesweit rund 12.400 Kilometern Länge geworden. Zu ihm zählt auch die alte Kraftwagenstraße Köln-Bonn: Sie wurde 1955 als A 555 in das Fernstraßennetz integriert und 1965/66 auf sechs Spuren ausgebaut - natürlich mit Mittelstreifen.

Von Richard Heister, AFP



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