Architektur-Schönheiten Danke für die schöne Tanke

Die eine, erbaut 1938, wird heute als Autobahnkapelle genutzt. In einer anderen wohnt ein Papagei. Tankstellen sind Zeugen ihrer Zeit - und verändern sich mit ihr. Joachim Gies hat festgehalten, was aus ihnen geworden ist.

Ein Interview von


  • Joachim Gies, 29, freiberuflicher Fotograf aus Köln, möchte später gerne in einer ehemaligen Tankstelle wohnen. Er hätte auch nach China fliegen und dort Hochhäuser fotografieren können, wollte aber wissen, was vor seiner Tür passiert. Also hat er Tankstellen ausfindig gemacht, die keine mehr sind. www.joachim-gies.de
SPIEGEL ONLINE: Sie sind insgesamt 13.000 Kilometer gefahren, um ehemalige Tankstellen in Nordrhein-Westfalen zu fotografieren. Warum so viel Aufwand?

Gies: Mit den Fotografien wollte ich eine Art Zeugnis ablegen. Diese Form der Architektur erzählt ganz viel über den Strukturwandel und die damalige Zeit. In der Zeit des Wirtschaftswunders ging es bei den Tankstellen noch um Design und nicht nur um reinen Profit. Da hat man sich noch was getraut. Ich finde, das ist eine ganz wichtige Geschichte im Autoland Deutschland. Und die Tankstellen gehören einfach dazu. Es wäre schade, wenn die irgendwann mal abgerissen und vergessen sind.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie daran gereizt?

Gies: Wir hatten im Fotografie-Studium das Thema "Strukturwandel im Ruhrgebiet". Eines Tages fiel mir eine kleine Tankstelle in der Kölner Innenstadt auf, die mittlerweile abgerissen wurde. Ich habe mich damals gefragt: Warum steht die leer? Warum haben die kleinen Tankstellen zugemacht? Und was passiert mit den ehemaligen Tankstellen? Seitdem sind mir ganz viele aufgefallen, die aus ihrem verborgenen Dasein geschlüpft sind. In der vorhandenen Architektur der Tankstelle finden sich darin jetzt beispielsweise Bäcker oder ein Friseursalon mit Kunstausstellungen.

Ehemalige Tankstelle in Halver: Heute ein Friseursalon mit Kunstausstellungen

Ehemalige Tankstelle in Halver: Heute ein Friseursalon mit Kunstausstellungen

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die Tankstellen im Laufe der Zeit verändert?

Gies: In den Fünfziger- und Sechzigerjahren spiegelt die Architektur die Wirtschaftswunderjahre wider. Gerade in den Fünfzigerjahren hat man die Dächer der Tankstellen sehr schmal gebaut, die neue Form, die der Spannbeton ermöglicht hat. Das hatte so eine Eleganz, eine Leichtigkeit. In den Siebzigerjahren zeigt sich dann, dass das Individuelle der Tankstellen verloren gegangen ist und sie aussehen, wie man sie heute kennt: große Metalldächer und wenig Eigenständiges. In den Fünfzigerjahren haben die Ölkonzerne sich noch durch ihre Architektur identifiziert - eine Aral-Tankstelle war klar an der Form zu erkennen, nicht wie heute nur an der Farbe.

Bildband "Abgetankt"

Bildband "Abgetankt"

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt haben Sie 61 Tankstellen fotografiert.

Gies: Es waren 80, aber 61 haben es in mein Buch geschafft. Ursprünglich war die Liste noch viel länger: Insgesamt 300 Tankstellen habe ich im Ruhrgebiet, im Sauerland, im Bergischen Land sowie im Rheinland ausfindig gemacht. Das war gar nicht so einfach. Tankstellen verlieren an Bedeutung, wenn man dort nicht mehr Sprit zapfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Mal eben einen Kumpel fragen hat dabei nicht gereicht, oder?

Gies: Natürlich habe ich mich zuerst in meinem Umfeld umgehört. Allerdings eher Schulterzucken geerntet. Mir kam dann der Gedanke, ins Historische Archiv der Stadt Köln zu gehen. Dort habe ich mir die "Gelben Seiten" von 1970 geschnappt - und unter Tankstellen waren da auch zahlreiche aufgelistet.

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet die Branchenbücher von 1970?

Gies: Weil bereits 1973 die Ölkrise begann und danach das große Tankstellensterben einsetzte. In den Sechzigerjahren gab es hierzulande 48.000 Tankstellen. Die Zahl ist jetzt - also heutzutage - auf 14.000 geschrumpft. Das ist einfach enorm.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Gies: Ich habe eine Auswahl getroffen und vorab im Internet bei Google Street View angeschaut. Dann bin ich mit dem Auto hingefahren, die Ernüchterung war jedoch groß: Viele Tankstellen gab es schon nicht mehr. Die Street-View-Aufnahmen sind von 2008, das wusste ich nur damals nicht. Aber es hat mir die Dringlichkeit vor Augen geführt, wie wichtig es ist, diese Bauten zu dokumentieren. Daraufhin habe ich langjährige Anwohner in den Regionen ausfindig gemacht und mit ihnen gesprochen. Die erinnerten sich oft an ehemalige Tankstellen, die es tatsächlich noch gab. Dorthin habe ich mich dann auf den Weg gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wonach haben Sie dann ausgewählt?

Gies: Mir war wichtig, dass noch genug Tankstelle zu sehen war. Vielfach wurden die komplett umgebaut oder verbaut, sodass die typischen Merkmale fehlten. Das war aber nicht, wonach ich gesucht habe. Ich wollte, dass es noch immer ein Dach gibt, die Zu- und Abfahrten, ein Kassenhäuschen und die Zapfinsel - eben das, was eine Tankstelle einst ausgemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Fotografiert haben Sie die Tankstellen dann bei Abenddämmerung. Warum war Ihnen das wichtig?

Viersen: Auto-Werkstatt für Renault R4 und Anhänger-Verleih

Viersen: Auto-Werkstatt für Renault R4 und Anhänger-Verleih

Gies: Der Blick wird auf die Tankstelle gelenkt, wenn das Innere des ehemaligen Kassenhäuschens leuchtet. Und man erkennt sehr gut, dass darin jetzt keine Tankstelle mehr ist. Auf der anderen Seite kann man noch immer etwas vom Umfeld erkennen. Mir ist nämlich auch wichtig, dass man sieht, wo steht die Tankstellen überhaupt - beispielsweise inmitten von Wohnsiedlungen oder am Stadtrand.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich denn ein Muster bei der Umnutzung ehemaliger Tankstellen erkennen?

Gies: Die Vielfalt hat mich überrascht! Von einer Autobahnkapelle über Wohnhäuser bis zum Schnellimbiss ist alles dabei. Aber natürlich überwiegt alles, was mit Auto zu tun hat. Kfz-Zubehör wie Reifenverkauf und natürlich Werkstätten sind häufig vertreten. Letzteres bietet sich an, denn bereits früher hatten die Tankstellen ja meist eine eigene Werkstatt. Auch Autohändler sind häufige Nachnutzer.

Marienheide: Im ehemaligen Kassenhäuschen wohnt Graupapagei Werner

Marienheide: Im ehemaligen Kassenhäuschen wohnt Graupapagei Werner

SPIEGEL ONLINE: Hat sich bei Ihnen etwas besonders eingeprägt - weil sie damit nicht gerechnet hätten?

Gies: Eine ehemalige Tankstelle wird von einem Graupapagei namens Werner bewohnt. Das ist schon sehr außergewöhnlich. Die Besitzerin des Vogels hat früher selbst in der Tankstelle gearbeitet, dann wurde der Verkehr umgelegt und die Tankstelle musste schließen. Sie hat sich dann daneben ein Wohnhaus gebaut und das Kassenhäuschen für Papagei Werner hergerichtet. Auf dem Bild sieht man ihn auch darin sitzen. Das ist mein Favorit.

[ABGETANKT]
Die Ausstellung
Die Fotografien zur Ausstellung "Abgetankt" sind noch bis zum 24. April in Düsseldorf (Haus der Architekten, Zollhof 1) zu sehen. Öffnungszeiten: Mo. - Fr. 08:00-17:00 Uhr, Eintritt ist frei.
Das Buch
Der Bildband "Abgetankt" mit 61 Fotografien ehemaliger Tankstellen kann auf der Webseite www.abgetankt.de bestellt werden.
Die Fortsetzung
Noch im Sommer 2015 will Joachim Gies sein Projekt ausweiten und ehemalige Tankstellen in ganz Deutschland fotografieren. Hinweise dazu nimmt er gerne auf seiner Webseite entgegen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rjlegrand 23.03.2015
1. Wunderbare Bilder
Der Überschrift des Artikels ist nichts hinzuzufügen. Endlich einmal ein Bericht, der einen rundum freut; mehr davon! Vielen Dank an den Fotografen, der mehr kann als die üblichen Photoshop-Schönheiten montieren und an den Verfasser!
k70-ingo 23.03.2015
2.
Die Currywurst-Tankstelle in Dorsten hat beim Ranking "Beste Pommes im Ruhrgebiet" eine hohe Plazierung, ein Drive In ist sie allerdings nicht.
archback 23.03.2015
3.
Bider von "ehemaligen Tankstellen" gibt es massenhaft im Internet, selbst die BILD zeigt uns da prächtige Exemplare. Einfach mal googeln.
typomann 23.03.2015
4. Da fehlt eine der Schönsten!
Die Tankstelle »Metropol« in der Georgenstrasse in München.
k70-ingo 23.03.2015
5.
Zitat von typomannDie Tankstelle »Metropol« in der Georgenstrasse in München.
Der Autor hat sich auf NRW beschränkt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.