Abgewürgt: Aufstand der Abgeschleppten

Von

Zu wenig Parkplätze und Kommunen in Geldnot - kein Wunder, dass Abschleppdienste Hochkonjunktur haben. Allmählich formiert sich jedoch Widerstand: Viele moderne Autos wollen sich partout nicht mehr deportieren lassen.

Hightech-Schlepper: Der Golf des Kolumnisten verlässt rückwärts die Tiefgarage Zur Großansicht
Tom Hillenbrand

Hightech-Schlepper: Der Golf des Kolumnisten verlässt rückwärts die Tiefgarage

Als irgendwelche Paselacken im Spaßbad meine Jacke klauten, blieb mir keine andere Wahl, als den Abschleppwagen zu rufen. Denn für Ferdi, meinen grünen Golf, gibt es dummerweise keinen Ersatzschlüssel.

Normalerweise werde ich völlig ohne eigenes Zutun abgeschleppt. Weil ich moderne Parkbewirtschaftung ablehne, landet mein Auto immer wieder auf irgendwelchen Verwahrplätzen. Als ich nun aber in der Tiefgarage des Schwimmbads auf den ADAC wartete und die nur 1,90 Meter hohe Betondecke betrachtete, fragte ich mich, wie sie Ferdi wohl aus diesem Maulwurfsbau rausholen würden.

Normalerweise hieven Abschleppdienste Autos ja mit einem Kran auf die Ladefläche. Aber diese Möglichkeit schied hier offensichtlich aus. Der ADAC-Mann sah das genau so. "Muss ein Spezialfahrzeug her. Das dauert."

Wenigstens, fügte er tröstend hinzu, sei mein Golf uralt. "Wieso ist das gut?", fragte ich. "Weil sich Neuwagen Scheiße abschleppen lassen", entgegnete er. Dann fuhr er weg.

Abschleppboom trotz renitenten Autos

Die nächsten Stunden verbrachte ich in der klirrend kalten Tiefgarage. Ich hatte Angst, die Paselacken könnten mit meinem Schlüssel zurückkommen und Ferdi stehlen. Immerhin hatte ich so Zeit, über ein seltsames Phänomen zu meditieren: das Park-Paradoxon.

Wenn man nicht gerade eine einbeinige Frau mit Kind ist, darf man ja nirgendwo mehr parken. Über die Einhaltung des flächendeckenden Parkverbots wachen klamme Kommunen spätestens seit der Finanzkrise gestrenger denn je. Folglich wird mehr abgeschleppt. Zahlen sind hierzu leider nicht zu finden, aber zumindest gefühlt ist es so.

Gleichzeitig wird es jedoch immer schwieriger, Autos zu entfernen. Das liegt daran, dass die Leute ihre Kisten mangels Parkraums an immer bekloppteren Orten abstellen: In Unterführungen. In der dritten Reihe. In fremden Carports. Sie da rauszupopeln, ist schwierig.

Die Abschleppdienste haben deshalb technisch aufgerüstet. Mein Fahrer kam mit einem Isuzu-Pickup, der bei "The Transformers" als Komparse mitspielen könnte. Der hintere Teil des Autos ließ sich in eine Art ferngesteuerten Robo-Gabelstapler verwandeln, der gestrandete Fahrzeuge aus jeder noch so engen Parklücke schaufeln kann.

Am schlimmsten sind die Dickschiffe

"Gut, dass sie keinen neuen Golf haben", sagte der Abschleppmann. "Oder gar", er machte nun ein Gesicht, als spräche er über den Leibhaftigen, "eine S-Klasse".

Moderne Autos, und das ist ein weiterer Aspekt des Park-Paradoxons, sind nämlich der Alptraum jedes Abschleppdienstes. Sie wollen nicht deportiert werden. Man kann aufgrund neuartiger Sicherheitstüren keinen Draht mehr durch die Ritze stecken, um den Gang rauszunehmen. Elektronische Wegfahrsperren blockieren die Räder vollständig. Und viele Autos veranstalten außerdem einen Mordskrach, sobald man sie allzu forsch betatscht.

"Für eine S-Klasse", sagte der Abschleppmann, "brauchen wir sechs Kollegen". Bei dem bizarren Manöver müssen zunächst vier kleine Rollbretter unter die Räder des Zweitonners geschoben werden. Warum? Weil sich die fette Sau von selbst keinen Millimeter bewegt, darum. Überdimensionierte Allradler könne man mitunter gar nicht mehr abschleppen, so der Fachmann.

Das gab mir zu denken. Während Ferdi rückwärts aus dem Parkhaus gezerrt wurde, überlegte ich zum ersten Mal in meinem Leben, mir einen dieser übergroßen Ami-Pickups anzuschaffen, vielleicht einen Ford F-650.

Auf der Ladefläche hätten ein paar Dutzend Quartzsandsäcke Platz, das Gewicht des Trucks ließe sich so auf vier bis fünf Tonnen hochjazzen. Dann könnte ich endlich überall parken, ohne jemals wieder abgeschleppt zu werden.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Antwort
archie, 07.12.2010
Wie wärs mit Bus und Bahn in der Stadt? Da können Sie sich mit Dönerdeutsch sprechenden Jugendlichen um den Sitzplatz prügeln. Der Halt an jeder Gießkanne ist auch selbstverständlich. Oder man fährt gar nicht erst rein. Auf der grünen Wiese gibt es auch tolle Einkaufsmärkte. Und Parkplatz umsonst haben die auch.
2. Kein Mitleid
blackcyclist2010 07.12.2010
Man könnte auch das Fahrrad von Zeit zu Zeit benutzen. Spart immer Geld, meist Zeit und man hat etwas Bewegung an der frischen Luft.
3.
Micirio 07.12.2010
Kurzer Einwand: Und was ist wenn sie mit ihrem auf 5 Tonnen hochgeputschten Amischlitten mal im Graben landen, das Getriebe hinüber ist oder ihre Frau Falsch getankt hat? Wie sieht es dann mit dem Abschleppen aus? Wäre wohl vorerst eine Kosten-Nutzen-Rechnung angebracht ;-) Beste Grüße, ein ehemaliger ADAC-Calltaker
4. In eine Innenstadt mit dem Auto?
the_flying_horse, 07.12.2010
In eine Innenstadt mit dem Auto? Nur wenn es absolut unvermeidbar ist, sonst lohnt sich nirgends. Keine Parkplätze, nur Stress oder enge alte Hochgaragen, wo man so dicht geparkt wird, das man hinterher nicht mehr in sein Auto rein kommt... Gerade in die Innenstädte sind die öffentlichen Verkehrsmittel meist gut ausgebaut, für ein paar Haltestellen passt das schon. Also, wenn man von auswärts kommt, in einem Vorort parken und ein paar Haltestellen mit Bus/Bahn fahren, wer näher dran wohnt, sowieso. Oder wie hier schon bemerkt wurde, zu einem Einkaufszentrum auf die grüne Wiese. Die Politiker beschweren sich ja schon jahrelang, das die Innenstädte veröden und alle zu den großen Einkaufszentren außerhalb fahren - gleichzeitig werden immer mehr Parkplätze in Halteverbotzonen verwandelt und ein paar Knöllchenschreiber mehr eingestellt... aber gegen die Dummheit unserer Politiker ist halt kein Kraut gewachsen...
5. Mir kommen die Tränen
prefec2 07.12.2010
Wer schon in der Stadt wohnt kann auch gut ohne Auto auskommen. In Köln wäre das eine wahre Wonne wenn das mehr so sehen würden. In Kiel wäre das toll, weil dann die Fußwege wieder den Menschen zur Verfügung gestellt werden könnten. In Berlin frage ich mich auch immer warum die bei dem Nahverkehrssystem sich überhaupt das Chaos antun. Das muss an der masochistischen Grundhaltung von großstädtischen Autobesitzern liegen. Und dann passt es auch, dass sie abgeschleppt werden. Je öfter desto besser. Das schmerzt doch bestimmt schön. Wer hinter Pusemuckel wohnt also auf dem Land der mag ja ein Auto für ganz praktisch halten. Aber in Städten wo der Bus/U-Bahn/S-Bahn alle 15 min fährt und man sonst auch mit dem Rad überall hinkommt. Allein wirklich fies, dass man dem Auto die Jacke geklaut hat. Das ist natürlich ein Unding.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fahrkultur
RSS
alles zum Thema Abgewürgt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 65 Kommentare

Zum Autor
Benne Ochs
Tom Hillenbrand berichtet aus München über Wirtschaft, Technologie und Geek Culture. Wenn die Nachrichtenlage es zulässt, schreibt er Krimis.

Aktuelles zu