Abgewürgt: Baby über Bord!

"Leon an Bord", "Sansibar" und "Gottseidank, i' bin a' Frank": Millionen von Deutschen verunzieren ihre Autos mit Aufklebern. Aber was wollen sie mit ihren bunten Bapperln eigentlich sagen? Thomas Hillenbrand entschlüsselt die verborgenen Botschaften am Fahrzeugheck.

Auf der der A5 zwischen Hattenbach und Alsfeld hatte ich unlängst notgedrungen Zeit, mir die automobilen Kehrseiten anderer Stauteilnehmer anzuschauen. Zunächst guckte ich eine Viertelstunde auf den fetten Hintern eines Porsche Cayenne. Auf dem Heck des Ungetüms klebte ein kleiner Sticker, der zwei gekreuzte Entermesser zeigte. Ich fand das verwunderlich. Was hat ein Rechtsanwalt (oder vielleicht ein Chefarzt) mit Piraten zu schaffen? Unterstützt er das internationale Freibeutertum? Ist er Mitglied eines Störtebeker-Fanclubs?

Im SPIEGEL erfuhr ich eine Woche später, dass jene Cutlass-Messer das Symbol der Sylter Edelnasen-Fischbude Sansibar sind. Der Chefarzt (oder vielleicht der Kreativdirektor) wollte durch den Sticker auf seinem Porschetrecker keinesfalls kundtun, dass er Bukaniere bevorzugt. Sondern vielmehr, dass er es sich leisten kann, in einem Sylter Nobelrestaurant lauwarme Currywurst zu vertilgen - gemeinsam mit Menschen wie Dieter Bohlen, Mike Krüger oder Günter Netzer. Neid und Bewunderung seiner Dahlemer (oder Harlachinger) Freunde sind ihm zweifelsohne sicher.

Kleinkinder-Warnschild: Warum gibt es eigentlich keine "Schwiegermutter Else im Fond"-Aufkleber?
aufkleber-land.de

Kleinkinder-Warnschild: Warum gibt es eigentlich keine "Schwiegermutter Else im Fond"-Aufkleber?

Bereits anhand von Automarke und Modell lassen sich Mutmaßungen über den Halter eines Fahrzeugs anstellen - kommen dann noch Autoaufkleber hinzu, ergibt sich ein ziemlich gutes Phantombild des Piloten. Während ich im Stau schmorte, schob sich irgendwann ein älterer Volvo-Kombi vor mich. In so einem Fahrzeug sitzt nicht immer ein Deutschlehrer mit Vollbart. Aber wenn hinten drauf "Atomkraft - nein danke" steht, ist kaum eine andere Schlussfolgerung möglich.

"Ich bremse auch für SUVs"

Weitere Bapperl-Autos rollten an mir vorbei. Es gab kein Entrinnen. Informationen, um die ich nicht nachgefragt hatte, prasselten auf mich ein. Ein Saarbrücker Mondeo-Fahrer deklamierte auf der Stoßstange: "Saarländer - es kann nur einen geben". Ein jüngerer Polo-Pilot tat dem Rest der Menschheit per übergroßer Type das Fabrikat seiner Stereoanlage (Kenwood) kund. Und in dem grünen Skoda, der mich mehrfach rüde ausbremste, saßen offensichtlich zwei Kleinkinder, von denen eines Yannick und das andere Nele hieß.

Wen interessiert denn das, bitteschön? Was für eine Art von Mensch möchte seinen Mitbürgern derartiges Zeug mitteilen? Ich fragte unseren Redaktionspsychologen Dr. Christian Stöcker. "Eine allgemeine Diagnose ist da schwierig", tiefenanalysierte er. "Der Kenwood-Fahrer hat sicherlich andere Motivationen als jener mit Korsika-Ferries-Aufkleber." Man kann also mangels Daten nur spekulieren - was mir als studiertem Sozialwissenschaftler nicht schwer fällt. Hier ein paar typische Autoaufkleber und die Soziogramme der dazugehörigen Fahrer.

Und übrigens: Wer wehrlose Wagen beklebt, ist nicht nur ein mutmaßlicher Profilneurotiker, sondern auch ein Rowdy. Laut einer kürzlich im "Journal of Applied Social Psychology" veröffentlichten Studie gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Auto-Beklebung und aggressivem Fahrverhalten. "Je mehr Sticker ein Auto hat, desto aggressiver reagiert der Fahrer", sagt Autor William Szlemko.

Das gibt mir zu denken. Nach meinem Stauerlebnis in Nordhessen fuhr ich nämlich im weiteren Streckenverlauf wie ein Henker, um noch rechtzeitig zu meinem Termin zu kommen. Mein Gerase brachte mir einen (weiteren) Punkt in Flensburg und eine fette Geldbuße ein. Ich sollte mich mehr am Riemen reißen und weniger aggressiv fahren. Oder ob es vielleicht hilft, wenn ich ein paar Aufkleber von meinem Heck kratze?

Schreiben Sie dem Autor an abgewuergt@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1. Wem es gefällt der soll das machen
wolfi55 11.08.2008
Es belästigt niemanden, es tötet keine Kinder auf der Straße und ich kann mir meinen Teil zum Fahrer denken.
2. Bapperl
wanderprediger, 11.08.2008
Ferrari-Aufkleber sind wohl die häufigsten Bapperl auf Autos. Man findet sie überwiegend auf Kleinwagen wie Fiat, Alfa Romeo oder VW Polo. Besonders schlimm, wenn dazu noch ein FC Bayern Aufkleber prangert.
3. Abgewürgt: Baby über Bord!
peterparker1, 11.08.2008
Ach, ich weiß nicht, was die Leute haben. Die Aufkleber sollen dem Rest der Menschheit doch nur mitteilen, welche Vorlieben man selbst hat. Natürlich kann man immer argumentieren, das interessiere doch niemanden, jedoch finde ich, wenn jemand einen Ferrari-Aufkleber drauf hat wie ich (Toyota Paseo), dann gehe ich schon mal auf die Leute zu (auf dem Parkplatz natürlich) und quatsche ein wenig. Das tut dem sozialen Verhalten untereinander mal ganz gut würde ich sagen. Insbesondere die Aufkleber von "Kind an Bord" finde ich persönlich sehr wichtig, da ich dann sehr vorsichtig mit diesem Autofahrer bin. Soll heißen, keine riskanten Überholmanöver, kein nervtötendes Motorgeheule oder Kavalierstarts an den Ampeln. Weil das für die kleinen Mitfahrer des anderen Autos nicht so gut wäre. Alles in allem habe ich persönlich nichts gegen Aufkleber am Auto. Meist ist dies doch sehr amüsant, welche Interessen die Leute so haben...
4. Man will sich halt mitteilen
tomtigerxxl, 11.08.2008
Ich finde diese Kevin an Board Aufkleber ziemlich doof. Allerdings sind sie ja meistens an s.g. Pampersbombern zu finden und können da ein wichtiges Warnzeichen sein. Ich bevorzuge auf meinem Firmenwagen einen Jadebusenaufkleber, der mich mit meinem auswärtigen Kennzeichen von unseren lieben Touristen absetzt. Dies tun viele Einheimische an der Nordsee.
5. -
Hennes 11.08.2008
Wer Aufkleber-Botschaften doof findet, kann sich im SPIEGEL-Shop nach textilen Alternativen umschauen (Kostproben: "Überhol doch, Angeber." oder "Kein Herz für Walker.")
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