Abgewürgt: Die ehrlichste Automarke der Welt

Daihatsu verschwindet aus Europa - ein Jammer, findet Tom Hillenbrand. Schön waren die Autos der Japaner zwar nicht. Aber die Billigmarke aus Fernost war eine der wenigen, die wirklich hielt, was sie versprach.

Daihatsu: Ärmlich aber ehrlich Fotos

Als ich das erste Mal einen Daihatsu erblickte, musste ich lachen. Das war 1991. Ich wollte mit einem Freund von Hamburg nach Frankfurt, und er fuhr mit dem vielleicht hässlichsten Auto vor, das ich je gesehen hatte.

Sobald wir auf der Autobahn waren, lachte ich noch mehr. Der Dreizylinder-Motor jaulte überfordert, die Kiste schlingerte über den Asphalt, alles schepperte. Das einzige, was gut funktionierte, war der Zigarettenanzünder. So eine Schüssel, versprach ich mir, kaufst Du Dir niemals.

Jetzt sehe ich das anders. Heute erscheint es mir als großer Verlust, dass Daihatsu bald vom europäischen Markt verschwindet. Denn außer vielleicht noch Dacia ist die Toyota-Tochter eine der wenigen Automarken, die wirklich hält, was sie verspricht.

Die weiße Marke unter den Pkw

Kfz-Hersteller wollen einem statt eines Autos immer auch noch ein Erlebnis verkaufen, eine Idee. BMW verspricht mir "Freunde am Fahren", Audi einen technischen Vorsprung und Seat "Auto emoción".

Das ist stets ein bisschen albern (vor allem bei Seat). Umso erfrischender war Daihatsu. Die Japaner versprechen überhaupt nichts - außer einer Kiste, die von A nach B fährt, ohne komplett auseinanderzufallen. Das gegebene Versprechen hält Daihatsu, anders als die meisten anderen Automarken.

Wären Autos Milchtüten im Supermarktregal, dann wäre Daihatsu die schnöde weiße Packung. Solche Handelsware gibt es in der Autowelt leider kaum noch. Selbst ehemalige Billigheimer wie Skoda machen neuerdings auf edel - und sind entsprechend teuer. Daihatsu hingegen war das Basisprodukt, das No-Frills-Auto - perfekt für all jene, denen eigentlich piepegal ist, mit welchem Gefährt sie unterwegs sind.

Zu unprätentiös für Deutschland

Dass der Mutterkonzern Toyota seine Tochter in Europa 2013 vom Markt nimmt, hat vor allem mit dem ungünstigen Wechselkurs zu tun. Die Autos werden in Fernost produziert, da bleibt zurzeit wegen des starken Yen nicht viel übrig. Aber es scheint mir auch ein Zeichen dafür zu sein, dass die Phase der Zurückhaltung beim Autokauf endgültig vorbei ist.

Mitte 2008, als der Ölpreis ein Allzeithoch erreichte und die Wirtschaft kriselte, waren kleine Autos auf einmal in. Die Abwrackprämie beförderte diesen Trend 2009, dank der Rabattierung war ein Daihatsu Cuore für unter 7000 Euro zu haben, die Marke erlebte einen Boom.

Die Freude währte nicht lang. Inzwischen will niemand mehr einen Daihatsu. Nur noch 5300 Stück wurden 2010 verkauft. Überhaupt scheint der Trend zu unprätentiösen Kleinwagen gestoppt. Wer in die Segmentstatistik schaut, der sieht das dickste Plus heute wieder bei Sportwagen und Allradmonstern. Jedes zehnte neuzugelassene Fahrzeug ist inzwischen ein SUV.

Ich habe stets mit Verve die These vertreten, das Auto als Statussymbol habe seine besten Zeiten hinter sich; dafür gibt es gute Argumente, aber wenn man sich die aktuellen Absatzzahlen anschaut, dann sieht es so aus, als ob die Deutschen ihre Blechkameraden doch inniger lieber als angenommen.

Für eine utilitaristische, unglamouröse Automarke wie Daihatsu haben sie nicht allzu viel übrig. Es gilt wohl weiterhin das, was mir ein Auto-Manager vor Jahren seufzend erzählte: "Die Deutschen kaufen Autos die sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen."

Der Mann wusste, wovon er sprach - er arbeitete nämlich für Daihatsu.

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insgesamt 96 Beiträge
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1. Oh bitte!
Palatinius 31.01.2011
Also bitte! Etwas mehr Realismus wäre angebracht! Hässliche Autos, die einen von A nach B bringen gibt es noch mehr als genug auf dem Markt. Viel zu viele, um genau zu sein. Es ist nun mal nicht so, dass Europa mit brennender Ungeduld auf den nächsten Daihatsu warten würde. Daihatsu ist ebenso wenig ein Verlust, wie es Opel gewesen wäre. Die Marke ist nun mal verzichtbar, so hart es klingen mag. Daihatsu hatte vielleicht Potenzial, irgendwelche Kundenzufriedenheitsstatistiken anzuführen. Aber in den meisten Fällen gewinnt solche Vergleiche doch stets die Marke, die zugleich auch die anspruchslosesten Kunden hat. Und die werden immer und überall ein Auto finden, die sie von A nach B bringt. Ob da jetzt "Suzuki" oder "Mazda" oder was auch immer drauf stehen mag - wen interessierts. Wahrscheinlich nicht mal die Daihatsu-Kundschaft selbst.
2. Das erste...
martinita 31.01.2011
Mein erstes Auto war 1982 ein Cuore. Zwei Zylinder, 27 PS, nach 10 min. auf 120 Tacho, aber er lief und lief... eine überdachte Zündkerze, aber preiswert. Bei km 155.000 kam ein Taxi von links. Als Totalschaden verkauft und ihn dann zwei Jahre wiedergesehen: mit neuer Farbe, aber am Kennzeichen wiedererkannt. Eine Blechdose, aber wirklich unkaputtbar.
3. Cuore: 10m² Teppich, 2 Gärfässer, Stangen und Kleinzeug
propagare 31.01.2011
Das alles habe ich mal in einen Cuore(!) reinbekommen nachdem ich durch Zufall keinen anderen Leihwagen mehr bekommen hatte. Das Ding hatte am Ende noch genug Platz über um meine Beifahrerin bequem sitzen zu lassen. Motor und Fahrwerk sowie Verbrauch waren Klasse. Ich fand das Ding super! Schade um Deutschland, aber wir backen auch bald kleinere Blödchen...
4. Schade
shechinah 31.01.2011
Unser Cuore - so hässlich er auch ist - hat jetzt 130000 km auf der Uhr ohne auch nur einmal eine Werkstatt (außer Bremsen und Service) zu sehen. Das Preis-Leistung Verhältnis ist kaum zu toppen.
5. .
woowoo 31.01.2011
mal ehrlich: daihatsu´s sind was für enge, japanische innenstädte. und dann noch dieser name...und dieses aussehen...und diese preise, denn günstig sind sie nicht gerade, dafür bekommt man halt auch schon einen gut ausgestatteten kia/hyundai mit 5 bzw. 7 jahren garantie.
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Zum Autor
Benne Ochs
Tom Hillenbrand berichtet aus München über Wirtschaft, Technologie und Geek Culture. Wenn die Nachrichtenlage es zulässt, schreibt er Krimis.

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