Abgewürgt Ein Herz für Scheibenputzer

Keine Scheibe ist vor ihnen sicher: An Großstadt-Kreuzungen lauern häufig Putzkolonnen und wienern gegen eine kleine Spende Autofenster. Eine Berlinerin vertreibt neuerdings Aufkleber, die den Wischmob fernhalten sollen - das ist ziemlich herzlos, findet Thomas Hillenbrand.


Auf dem Weg zur Arbeit lauern mir täglich Punker auf und erbitten Hartgeld. Sie gehören zu einer größeren Gruppe, die nahe der S-Bahn biwakiert. Ihrem Altglasvorrat nach zu urteilen, werden die eingeworbenen Gelder vornehmlich in Bier der Marke Oettinger investiert.

Ich gebe ihnen nie etwas.

Anders verhält es sich, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Auch hier gibt es buntbehaarte Wegelagerer. In ihren Dead-Kennedys-Shirts stehen sie an der Ausfallstraße. Sobald es Rot wird, stürmen sie die Kreuzung und bieten eine Scheibenpolitur an.

Ich gebe ihnen immer Geld.

Anti-Scheibenputz-Aufkleber: Moderne Form des Türschilds mit der Aufschrift "Betteln und Hausieren verboten"

Anti-Scheibenputz-Aufkleber: Moderne Form des Türschilds mit der Aufschrift "Betteln und Hausieren verboten"

Dabei ist meine Scheibe eigentlich sauber - zumindest sauber genug, um den grinsenden Punk mit seinem schmuddeligen Lappen prima sehen zu können. Noch nie habe ich an einer Ampel gestanden und gedacht: "Mensch, wenn jetzt jemand meine Scheibe wienern würde". Dennoch lasse ich die Punks stets putzen.

Anderen geht das Gefeudel hingegen mordsmäßig auf den Zeiger. Zum Beispiel Tanja Trültzsch: Sie verkauft Anti-Putz-Aufkleber, die man sich auf die Windschutzscheibe pappen kann. Darauf ist ein Mensch mit einem Wischer zu sehen, der durchgestrichen ist.

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"Die Idee kam mir spontan, als mir gleich an zwei aufeinanderfolgenden Ampeln unfreiwillig die Scheiben gewischt wurden", schreibt die Berlinerin auf ihrer Web-Seite mach-ich-lieber-selber.de. Sie fahre einen 69er MG-Roadster und wolle ihren Oldtimer lieber eigenhändig waschen und abledern. Deshalb sind putzbeflissene Punks oder Obdachlose für sie ein "Ärgernis".

Wer in einer Großstadt wie Berlin oder Hamburg wohnt, der wird täglich ungefähr zehnmal wegen irgendetwas angegangen - und es bleibt wohl nicht aus, dass man angesichts all der Schnorrerei etwas abweisend wird.

Aber der Selberputzer-Aufkleber erscheint mir ungewöhnlich hartherzig. Die meisten Bagaluten halten uns einfach die Hand unter die Nase, was einem nach zehn Stunden auf der Arbeit mitunter sauer aufstößt. Die Wischer hingegen versuchen wenigstens, etwas für ihr Geld zu tun. Natürlich ist die Putzofferte weder sonderlich originell, noch ist sie allzu hilfreich. Aber es ist der gute Wille, der zählt.

Punks putzen nicht gerne

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Neulich, an einem nieselig-kalten Hamburger Morgen, tauchte vor meinem Kühler ein Mann mit grünlichen Haaren auf. Auf seinem Pulli stand "Blitzkrieg Bop", in der Hand hielt er einen Putzeimer. Er legte fragend den Kopf schief und malte mir mit seinem Wischer ein kleines Herz auf die Windschutzscheibe.

Vermutlich hätte der arme Kerl auch lieber in einem warmen, trockenen Automobil gesessen. Wer sich diesen Anti-Putz-Sticker auf die Scheibe pappt, der kann fürs Heck gleich noch einen weiteren bestellen. Er ist bereits seit mehren Jahren in Umlauf. Auf ihm steht: "Eure Armut kotzt mich an".

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insgesamt 50 Beiträge
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fabianb78 04.06.2009
1. Nur nervend...
Wenn es mal einfache Punks wären, die mir dauernd die Scheiben putzen wollen. Aber nein, es sind leider auch sehr düster dreinblickende Gestalten aus dem Ostblock die mir auf einmal ein Herz auf die Scheibe schmieren. Sehr verärgert mache ich ihnen mit einem Blick klar, dass sie hier den falschen Wagen angefasst haben. Sollten sie dennoch nicht aufhören merken Sie, wie kalt ein Wasserstrahl aus meiner Scheibenwaschanlage ist. Aber es kommt auch mal anders, wenn man den Gesellen klar macht das man keine Scheibenreinigung möchte (wozu auch, es fängt ja gerade an zu regnen), kriegt man ein freundliches "Ar...loch" zu hören. Da ist man froh, wenn der Wagen eine automatische Verriegelung der Türen hat. Aber ja, es gibt natürlich auch die Punks. Denen habe ich auch schon erlaubt mir mal die Scheibe zu putzen. Dankbar wie der Punk war, hat er mir einen Kratzer in den Kotflügel gemacht da die vielen Metallketten die an seiner Hose hängen, sich nicht soo gut mit dem Lack vertragen haben. Na danke....
keoki, 04.06.2009
2. Aufkleber
Habe auf der Heckscheibe des 20 Jahren alten Golf I den ich nun fahre: INSOLVENT 2007
Wicked, 04.06.2009
3. Super Idee
Hab mir gleich 3 bestellt!
GerwinZwo 04.06.2009
4. Nötigung
Oft genug wird eben nicht gefragt, sondern es wird einfach drauflos geputzt. Dann ist man in ner Zwickmühle. Fühle mich dann genötigt, ähnlich wie beim Drücker an der Tür, der einem nen Zeitungsabo aufschwätzen will. Es belibt so und so ein ungutes Gefühl zurück. Und wenns dumm kommt, wird man noch angemosert, wenn man nix gibt..ne danke. Ich begrüße also den Aufkleber sehr.
mavoe 04.06.2009
5. Asien
Da gab es das Phänomen schon vor 20 Jahren, in den Großstädten dort, bei Stau oder so. Ich nenne jetzt keine Städte dort. Das war da schon so, von Pakistan bis Indonesien...Danach war meine Windschutzscheibe i.A. mehr verschmutzt als vorher... Grüße aus Berlin
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