Abgewürgt Mein mobiles Leiden

Aschewolken, Brösel-Autobahnen, kaputte ICE: Es wird immer schwieriger, halbwegs stressfrei von A nach B zukommen. Dank seines Jobs müsste Autoredakteur Thomas Hillenbrand da eigentlich im Vorteil sein. Stattdessen tritt er auf der Stelle.

Zerbröselnde Autobahn (bei Hamburg): Reisen war auch schon einfacher
DDP

Zerbröselnde Autobahn (bei Hamburg): Reisen war auch schon einfacher


Viele Menschen glauben, als Autoredakteur sei man ständig auf der Piste. Weil uns die Pkw-Hersteller dauernd irgendwelche Rennsemmeln hinstellen, so die landläufige Vorstellung, gleiten wir auf unseren Reisen stets in hochgezüchteten Luxuslimousinen über die Autobahn. Wenn ich Freunden erzähle, dass ich einen Termin in Köln habe, dann sagen sie: "Da fährst du bestimmt wieder mit dem Ferrari hin."

Längere Strecken mit dem Auto fahren? Ich bin doch nicht bescheuert.

Früher, da musste ich aus Kostengründen alle Reisen in einem verratzten Ford Sierra abreißen, der ständig liegenblieb. Angesichts dieser Tortur erschien mir die Deutsche Bahn seinerzeit als erstrebenswerte, wenn auch unbezahlbare, Alternative.

Später lernte ich: Wer Intercity fährt, kommt zwar immer irgendwie an, muss aber zwischendrin unter Umständen stundenlang stehen, frieren, hungern und vor allem: warten. Außerdem darf man nicht rauchen. Deshalb träumte ich wieder vom Auto. Alles würde besser werden, wenn ich endlich ein gescheites Fahrzeug bekäme.

So kann man sich irren.

In den vergangenen Jahren bin ich über unsere Autobahnen gebrettert, vorzugsweise in komfortablen Modellen von Porsche, BMW, Mercedes oder VW. Das ganze macht, kurz gesagt, weitaus weniger Spaß als ich erwartet hatte.

Scylla und Charybdis

Warum? Kurz nach der Wende, als ich erstmals die Autobahn unsicher zu machen begann, hatte ich zwar kein ordentliches Fahrzeug. Dafür waren die Straßen noch besser in Schuss und weitaus weniger befahren. Heute sitze ich in einer Mercedes C-Klasse oder einem Porsche 911. Für diese von Lkw dauerverstopfte, von Baustellen übersäte, löchrige Betonpiste, die sich Autobahn schimpft, wären die bescheidenen Fahrleistungen meines rostigen Sierra freilich völlig ausreichend gewesen.

"Früher war alles besser, auch die Autobahn" - das klingt sehr nach präsenilem Genörgel, deshalb dazu an dieser Stelle einige Zahlen, um zu belegen, dass ich mir nicht einfach die Vergangenheit rosig rede: Die Verkehrsleistung von Lkw hat sich von 1990 bis 2009 um fast 300 Prozent erhöht, auf 472 Milliarden Tonnenkilometer. Die Zahl der Autobahnbaustellen lag Anfang der Neunziger bei etwa 80; derzeit sind es laut Auto Club Europa 498.

Jedes Mal, wenn ich in einem Testfahrzeug im Dauerstau stehe, lasse ich mich in die beheizten Ledersitze sinken und denke mir: "Du Depp, warum hast du nicht die Bahn genommen?". Ich ergehe mich dann in Phantasien von freundlichen Zugbegleiterinnen, die mir knallheißen Espresso an den Platz reichen, während ich entspannt Zeitung lese.

Es gibt kein Entrinnen

Dabei kenne ich die bittere Wahrheit. Während unsere Autobahnen immer voller und immer löchriger wurden, ist ja auch auf der Schiene einiges passiert. Der viel zu spät aufs Abstellgleis verbannte Hartmut Mehdorn, das wird angesichts der Sicherheitsmängel von Berliner S-Bahn bis ICE inzwischen offenbar, hat die Bahn wegen des geplanten Börsengangs kaputtgespart.

Gehen eigentlich nur noch Flugzeuge. Sie bleiben zwar selten liegen, aber überhaupt bis zum Gate zu kommen, ist seit 9/11 eine Tortur. Und selbst wenn man das hinter sich gebracht hat, kann einem immer noch der feurige Isländer mit seinem Asche-Asthma in die Quere kommen. Wobei die Verspätungen der Airlines schon vor dem Ausbruch des Eyjafjallajökull Mehdorn'sche Dimensionen angenommen hatten: 2009 verspätete sich jeder Frankfurter Flug im Schnitt um 39,5 Minuten.

Als ich neulich in einem BMW Z4 zwischen Hamburg und Berlin eine halbe Ewigkeit komfortabel im Dauerstau stand, beschloss ich, der Bahn noch eine letzte Chance zu geben.

Ich erstand für die nächste Reise ein Ticket erster Klasse. Nachdem ich eine Dreiviertelstunde auf das Eintreffen meines ICE gewartet hatte, fuhr ein Interregio vor. Wäre er ein Auto gewesen, hätte man ihn als Youngtimer bezeichnen können. Der Gammelexpress sei "wegen einer planmäßigen Reparatur", wie der Schaffner erklärte, "unser heutiger Ersatzzug".

Das Innere der Wagons sah aus, als ob ein Sankt-Pauli-Fanclub hier unlängst seinen Aufstieg in die Bundesliga gefeiert hätte. Ich ließ mich in das brettharte Gestühl fallen und bestellte einen Kaffee. Er roch wie eine aufgekochte Socke, die man eine halbe Stunde hat ziehen lassen. Will sagen: Er schmeckte nicht nur scheußlich, sondern er war auch kalt.

Autobahnen verstopft, Flughäfen dicht, Bahn entgleist. Vielleicht, das denke ich mir manchmal, sollte man einfach ein paar Jahre zu Hause bleiben, bis sich das alles wieder eingerenkt hat.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Realo, 19.05.2010
1. Leider....
...kann ich Ihren Frust absolut nachvollziehen ! Ich mache es inzwischen so: Für Strecken innerhalb Deutschlands benutze ich das Auto, und fahre viel Nachts. Für Strecken innerhalb Europas nehme ich (wenn möglich) den Bus. Wichtig dabei, es sollten schon 5 Sterne Neoplan Luxusbusse sein die Sie benutzen. ;-)
xitrix 19.05.2010
2. also...
...das nenn ich mal Lästern auf hohem Niveau
Wuschelkopp 19.05.2010
3. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von xitrix...das nenn ich mal Lästern auf hohem Niveau
ich hoffe sie meinen ausschließlich das sprachniveau ;-) herrlicher artikel - da freue ich mich doch auf meine übermorgige Reise nach Holland im Pfingstverkehr in einem alten 190 D - was wird das ein Spaß, ich hör die LKW am Elzer Berg schon hinter mir hupen... In sofern kann ich Ihre beschwerden nur bedingt nachvollziehen: Wenn ein Auto langsam genug ist, ist man schnelligkeit gar nicht mehr gewöhnt - und vermisst dementsprechend nichts.
nemansisab, 19.05.2010
4. Das Geld bleibt bei mir!
Zitat von sysopAschewolken, Brösel-Autobahnen, kaputte ICEs: Es wird immer schwieriger, halbwegs stressfrei von A nach B zukommen. Dank seines Jobs müsste Autoredakteur Thomas Hillenbrand da eigentlich im Vorteil sein. Stattdessen tritt er auf der Stelle. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,695442,00.html
Die aktuellen Umstände bescheren mir derzeit ein paar ruhige - wenn auch verregnete Stunden - in Hamburg. Urlaub mal anders und ich frage mich, warum ich nicht schon früher auf die Idee gekommen bin.....
angoldor 19.05.2010
5. Mobilität
Wenn der Sierra dauernd liegenbleibt, muss man ihn halt reparieren. Wenn der Autoredakteur das kann, versteht sich. Wer im Zug Kaffee und Essen in mieser Qualität teuer bestellt, anstatt das im Bahnhof an irgendeinem Stand zu kaufen, oder sogar, völlig abgefahren, vom Büro oder daheim in der Thermoskanne und Brotdose mitzunehmen, der schreibt solche sinnfreien Artikel. Andreas
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