Abgewürgt: Navi an, Gehirn aus

Was ist schlimmer: Ein vorlautes Navigationssystem oder ein Beifahrer mit Falkplan? GPS-Computer bringen ihren Besitzer meistens ans Ziel - doch sie verwandeln selbstbestimmte Autofahrer in motorisierte Zombies. Thomas Hillenbrand möchte seinen Deutschlandatlas wiederhaben.

Verunglückter Lastwagen oberhalb des Rheins bei Nochern (im Mai 2009): Der Fahrer gab später an, sein Navigationssystem habe ihn auf den abschüssigen Weinbergsweg geführt. Zur Großansicht
dpa

Verunglückter Lastwagen oberhalb des Rheins bei Nochern (im Mai 2009): Der Fahrer gab später an, sein Navigationssystem habe ihn auf den abschüssigen Weinbergsweg geführt.

Kurz vor Wuppertal erwog ich, meinem Beifahrer Paul einen Kreuzschlüssel über den Schädel zu dreschen. "Jetzt weiß ich, wo wir raus müssen", sagte er und blätterte unbeholfen in der Karte, "echt jetzt." Das hatte Paul schon vor anderthalb Stunden behauptet. Seitdem umkreisten wir die Stadt wie ein Jumbo ohne Landeerlaubnis. Ich war mir nicht sicher, ob wir es bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen würden.

Kartenlesende Beifahrer waren schon immer mein persönlicher Alptraum. Es gibt drei Typen menschlicher Navigationssysteme, und keines ist zielführend.

Da ist zunächst der Verstockte: Er weiß, wo er ist und wo es hingeht - gibt diese Information aber nur preis, wenn man sie alle 20 Meter abfragt.

Nicht viel besser ist der Straßenausrufer. Er verfügt, was seine tatsächlichen Aufenthaltsort angeht, bestenfalls über vage Ahnungen. Der Ausrufer kann die Beschriftungen auf der Karte zwar lesen, aus den Informationen aber keine mental map konstruieren. Dies versucht er zu überspielen, indem er mit wichtigtuerischer Stimme Anweisungen wie diese gibt: "Einfach an der Schillerzeile in die Gubentwiete abbiegen, bis Du in die Friedrich-Ebert-Allee wechseln kannst." Genauere Richtungsanzeigen vermeidet er. Peinlichst.

Am gefährlichsten jedoch ist der Fuchtler. Wie der Ausrufer verzichtet er auf sinnvolle Kommandos ("zweite links"). Stattdessen ruft er in unregelmäßigen Abständen "da lang", wobei er mit seiner Rechten irgendwo ins Gelände wedelt. Beim Versuch, dieser Handbewegung zu folgen, bin ich schon des öfteren beinahe im Graben gelandet.

Kein intelligentes Leben im Auto

Zum Glück sind diese Zeiten vorbei, es gibt ja Navigationsgeräte. Niemand muss sich heute mehr mit einem Geographie-Legastheniker auf dem Beifahrersitz herumschlagen. Man tippt einfach eine Adresse ein, und das GPS bringt einen hin. Soweit die Theorie. In der Praxis habe ich Navis binnen kurzer Zeit mindestens so innig hassen gelernt wie einen Fuchtler mit Falkplan.

Da ist zunächst die Stimme. Navi-Männer reden stets im Duktus eines öligen Anlageberaters. Die Frauen klingen wie Marietta Slomka auf Valium. In grauenvollem Stupor leiern sie ihre Ansagen herunter: "Nächste. Ausfahrt. Rechts. Abbiegen."

Zudem sind Navis entsetzlich dämlich. Zwar kennen sie, anders als menschliche Kopiloten, sämtliche A40-Ausfahrten zwischen Lütgendortmund und Wachtendonk. Dafür fehlt es ihnen an einem grundlegenden Verständnis physikalischer Prinzipien. So ist ihnen beispielsweise unbekannt, das beim Kontakt zweier Tonnen beschleunigten Blechs mit einem ruhenden Gegenstand eine nicht unerhebliche kinetische Energie freigesetzt wird.

Als ich unlängst mit einem Porsche 911 irgendwo bei Bochum im Stau steckte, krähte Navi-Marietta: "Sofort. Links. Abbiegen." Wollte sie uns umbringen? Aber warum? Vermutlich hatte sie ihr Valium nicht genommen.

Das Schlimmste daran: Fast hätte ich ihrem Suizidkommando Folge geleistet. Denn sobald ich ein Navi anknipse, schaltet mein Gehirn auf Autopilot. Es scheint erstaunlich vielen Menschen so zu gehen (siehe Kasten links); GPS macht aus vorausschauenden Verkehrsteilnehmern grenzdebile Zombiepiloten.

Den Dämlichkeitsrekord hält ein Fernfahrer, den sein GPS von Antalya ins nord-englische Gibraltar leitete. Sein eigentliches Ziel war das 2575 Kilometer entfernte Gibraltar in Spanien. Nicht einmal, als der Trucker per Fähre den Channel überquerte, dämmerte ihm etwas.

Sklaven der Satelliten

Neulich benötigte ich eine halbe Stunde, um vom Frankfurter Flughafen zu einem 700 Meter entfernten Airport-Hotel zu gelangen. Es war bereits stockfinster und Marietta spielte "Fopp den Fahrer" mit mir. An einem Kreisverkehr instruierte sie mich, die vierte Ausfahrt zu nehmen. Auf Höhe der zweiten rief sie plötzlich "Jetzt. Abfahren!" Mehrfach umrundete ich den Kreisel, den Tränen nahe. Fast hätte ich Marietta gefragt, ob ich etwas von ihrem Valium haben kann.

Das alles klingt schlimm, doch es ist erst der Anfang. Schon bald wird Verkehrsminister Tiefensee Richtungstafeln und Verkehrsschilder wegen der flächendeckenden Verbreitung von Navis für überflüssig erklären und bundesweit abmontieren lassen.

Dann werden Millionen orientierungslose Männer, eingelullt von Ambient-Lighting und Sitzheizung, in ihren Luxuskarossen über Deutschlands Straßen schlingern - allesamt Sklaven einer seelenlosen Frauenstimme, die sie von A nach B kommandiert.

Nur die Männer, wohlgemerkt. Sie haben keine andere Wahl. Die weiblichen Autofahrer hingegen werden von diesem schlimmen Schicksal verschont bleiben. Sie können nämlich etwas, das Männer nicht können: Anhalten und nach dem Weg fragen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 293 Beiträge
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1. nur kein Navi...
hrcdf 28.08.2009
Als ich das erste Mal mit NAvi fuhr, stellte ich fest, dass ich trotz Ortskenntnis jede Orientierung verloren hatte. Das ist offensichtlich das Ziel, die Menschen orientierungslos zu machen, damit man sie beliebig in jede noch so idiotische Ecke schicken kann und das in jeder Beziehung. Navis lehne ich seit dem ab, denn ich will meine Selbstbestimmung behalten und wenn ich irgendwo hinfahre, dann breite ich mich vor und habe viel mehr davon, als Stundenlang durch die Gegend zu kurven, irgendwann "da" zu sein und nicht zu wissen wo ich bin. Navis helfen die Menschen zu verdummen, mit dem Argument, ihnen helfen zu wollen. Wenn man seinen Weg kennt und die Stimme sagt eine andere Variante, dann nervt es nur. Und der Nato-Gipfel im letztem Jahr hat auch wunderschön gezeigt, wie man mittels GPS die Masse der Leute in bestimmte Räume lenken und sie von bestimmten Bereichen fernhalten kann: da sagt dann die Stimme, nächste Ausfahrt raus...; obwohl man geradeaus auf freier Autobahn fahren könnte...
2. Mitdenken
Rainer Girbig 28.08.2009
Also zunächst stelle ich befriedigt fest, dass ich über eine Fähigkeit verfüge, die dem Autor abgeht: ich kann mitdenken und das NAVI kontrollieren. Genau genommen verfüge ich über zwei NAVI's, ein Tomtom one und das bordeigene im Auto. Dieses benutze ich wenn ich mit Stau rechnen muss. Diesen Service bietet Tomtom nur gegen zusätzliche Gebühren. Dafür hat es ein Display, wo das Autogerät wiederum nicht mithalten kann. Ich habe mal probiert, beide Geräte zugleich laufen zu lassen. Aber das z.T. gegenläufige Geplapper von gleich zwei Frauen war dann doch zuviel. Jedenfalls gilt beim Gerät mit Display: immer auch mal auf den Bildschirm gucken, das schärft die Sinne ungemein. Und dabei berücksichtigen, dass es praktisch keine absolut aktuelle Software gibt. In irgendeinem Winkel Deutschlands findet sich immer eine Straße oder ein Autobahnabschnitt, den das Navi nicht kennt. Also wer sich dem Gerät zombiehaft ausliefert, hat selbst Schuld. Kleiner Tipp: eine mehrmals gefahrene Strecke kann man auch schnell selbstständig fahren, das schult die Synapsen. Der Weg ins Büro sollte nach einer Woche "sitzen." Damit reduziert sich der Navi-Gebrauch bald auf ein Minimum.
3. noch schlimmer....
axelkli 28.08.2009
....sind Kartenlesende (oder eher versuchende) BeifahrerINNEN ! ;-D
4. Wer braucht das schon?
***p.k*** 28.08.2009
Ich sehe mir die Strecke vorher auf der Straßenkarte an und schreibe evt. einen kleinen Merkzettel mit den wichtigsten Punkten unterwegs. Reicht vollkommen. Und hat den schönen Nebeneffekt, sich auch mal eine Alternativstrecke ansehen zu können, die vielleicht nicht optimal, aber dafür landschaftlich schön ist. Ach ja: und bei längeren Urlaubsfahrten dirigiert mich meine Frau optimal - die kann nämlich Karten lesen...
5. Na ja...
Prach 28.08.2009
... irgendwie ganz amüsant zu lesen, aber nicht gerade realitätsnah. Einfach ein brauchbares System mit aktuellen Karten für um die 120 Euro kaufen, und schon wird man sicher ans Ziel geführt. Die geschilderten Probleme hatte ich vielleicht noch mit Uralt-Systemen vor 5 Jahren, heute tritt so etwas nicht mehr auf. Ich möchte jedenfalls nicht mehr zu den Zeiten zurückkehren, als ich abends im Dunkeln 1 Stunde herumfuhr, weil ich das Hotel nicht mehr fand oder im Gewirr der Ruhrgebiets-Autobahnen in der falschen Richtung unterwegs war. Oder als ich vor Ort erst einmal einen Stadtplan kaufen mußte, weil mein Atlas bzw. meine selbst ausgedruckte Karte viel zu wenig detailliert war.
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Auf nach Nirgendwo: Die schönsten Navi-Pannen
Invasion der Panzer-Battaillone
Das idyllische Dorf Donnington in der englischen Grafschaft Shropshire wird immer wieder von Panzern heimgesucht - die sich allerdings auf Transportlastern befinden. Eigentlich sollen die Ungetüme zum über 20 Kilometer entfernten Militärstützpunkt Donnington Barracks. Stattdessen rollen sie durch das pittoreske Städtchen - und das, wie ein Anwohner in der "Times" klagte, bis zu siebenmal die Woche.
Per GPS zum Einbruch
Wem das Auto geklaut wird, der sollte sich überlegen, ob er im Navigationssystem seine Privatadresse abgespeichert hat - und gegebenenfalls schnell die Polizei rufen. Nach Angaben des britischen "Daily Telegraph" checken Autodiebe neuerdings routinemäßig das GPS-Adressbuch. Dann lassen sie sich von ihrem neuen Wagen mitunter zu der hinterlegten Adresse navigieren, brechen ein und laden sich dann den Kofferraum voll.
Der GPS-Lemming
Robert Jones folgte an einem sonnigen Sonntagmorgen den Anweisungen seines Navis. Er dachte sich nichts dabei, als ihn das Gerät nahe des Dörfchens Gauxholme (Yorkshire) einen schmalen steilen Pfad hinaufschickte. Seinen Fehler bemerkte Jones laut "Daily Telegraph" erst, als die Schnauze seines BMW und die Vorderräder bereits über ein steil abfallendes Kliff ragten. "Ich habe dem Navi vertraut", sagte der Fahrer später, "es glaubt doch niemand, dass es einen über einen Abgrund führt".
Wenn bei Carpi die Sonne im Smog versinkt
Eigentlich wollte das schwedische Ehepaar auf die malerische Urlaubsinsel Capri. Wegen eines Navi-Eingabefehlers landete es laut "BBC" jedoch nicht am Golf von Neapel, sondern in der von Touristen eher selten frequentierten norditalienischen Industriestadt Carpi. Der Umstand, dass Capri eine Insel ist und sie eigentlich hätten übersetzen müssen, war den Schweden nicht aufgefallen.
Drogenschmuggeln? Lieber ohne Navi
Eigentlich hatte der Haschisch-Aficionado aus Michigan nichts zu befürchten - schließlich war er nach einem Besuch bei seinem Dealer bereits auf dem Weg nach Hause. Doch sein Navi machte laut "Fox News" ihm einen Strich durch die Rechnung. Der heimtückische Computer instruierte den Stoner, den St. Clair River zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses beginnt kanadisches Staatsgebiet. Der Fahrer drehte um, fuhr zurück - und wurde bei der Einreise in die USA von amerikanischen Zöllnern gefilzt.
Die falsche Hütte platt gemacht
Ein Abrissunternehmen im US-Staat Georgia war damit beauftragt worden, ein Haus abzureißen. Den Weg zu ihrem Einsatzort wies den Bauarbeitern ein Navigationsgerät. Leider war es laut "Fox News" das falsche Gebäude. Als der rechtmäßige Besitzer abends nach Hause kam, war er obdachlos.
Englands größter Elefantenfriedhof
Das nordenglische Städtchen Spalding gilt als eine der heimtückischsten Navi-Fallen der Welt. Dort existiert eine dauerhafte Brückensperrung, die jedoch offenbar in keiner Datenbank verzeichnet ist. Lkw-Fahrer fahren regelmäßig bis vor die Barriere und können dann nicht mehr wenden. Viele rammen zudem die Brücke. Die Polizei hat bereits mehr als 60 Fälle gezählt und Warntafeln aufgestellt, freilich ohne durchschlagenden Erfolg.
Insel ist nicht gleich Insel
Eine Deutsche wollte mit ihren beiden Kindern nach Dänemark, hatte aber statt des Fährhafens Puttgarden auf Fehmarn in ihr Navi versehentlich Putgarten auf Rügen einprogrammiert. Sie folgte den Anweisungen bis zu dem 350 Kilometer von Fehmarn entfernten Ziel. Da von dem kleinen Ort auf Rügen keine Fähre nach Dänemark fährt, nahm sich die Frau für eine Nacht ein Zimmer.

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