Abgewürgt Wir war'n die Jungs von der Opel-Gang

General Motors geht es dreckig - und auch die Zukunft der deutschen Tochter Opel ist ungewiss. Doch ohne die Automarke aus Rüsselsheim würde dem deutschen Straßenbild etwas fehlen. Thomas Hillenbrand erinnert sich wehmütig an jene Zeit, als der Blitz auf dem Kühler noch eine Haltung war.


Wir wohnten damals mitten in Opel-Land, genauer gesagt in Essen-Huttrop. Eingeklemmt zwischen Bahngleisen und A40, zwischen vergammelten Wohnhäusern und Industriebrachen. Als meine Freundin zu Geld kam, da zögerte sie nicht lange. Sie kaufte einen Opel Kadett B, cremefarben, mit roten Ledersitzen. Ein teures Liebhaberstück - sie hätte auch ein BMW-Cabrio kaufen können oder einen gebrauchten Baby-Benz. Aber sie dachte nicht dran. Opel, was denn sonst.

Wenn ich mir vorstelle, dass die Automarke aus Rüsselsheim wegen des taumelnden GM-Konzerns über den Main gehen könnte, wird mir ganz anders. Viele Leute sind der Meinung, dass die Welt auch mit fünf oder sechs Autoherstellern auskäme - und dass gerade Opel niemand vermissen würde. Weil die Marke fad sei, farblos, verzichtbar. Als die Freundin mit dem B-Kadett entschwunden war, kaufte ich mir mein erstes halbwegs neuwertiges Auto. Wieder landete ich bei Opel. Ein Astra, mit einer zugegebenermaßen etwas peinlichen Sportaustattung. Aber gab es Alternativen? Nein! Mercedes assoziierte ich mit schmerbäuchigen Mittfünfzigern. Audi und BMW waren mir entschieden zu bayerisch. VW? Fuhr meine Mutter.

Ehrliche Autos ohne Schnörkel

Opel hingegen stand für ordentliche Qualität zu einem fairen Preis. Made in Bochum. Opel war ehrlich. Irgendwie straight, irgendwie unschnöselig. In Essen bedeute das was. Ein Opel war keine Angeberkarre. Nicht per se. Natürlich konnte man seinen Ascona verspoilern und mit Punkt-Gurten ausstatten. Man konnte es aber auch lassen. Beides war okay.

Zu guter Letzt hatte Opel, diese vermeintliche Spießerkarre, auch immer etwas Rebellisches. Meine Helden, die "Toten Hosen", adelten die Marke mit einem legendären Song: "Wir sind die Jungs von der Opel-Gang, wir haben alle abgehängt." Dieses Lied hat vermutlich mehr Kadetts und Rekords verkauft als alle Marketingkampagnen.

In den vergangenen Jahren habe ich meine Marke dann nicht mehr so recht verstanden. Die goldenen Zeiten waren natürlich schon längst vorbei - doch was da zuletzt aus dem Opel-Werk rollte, war nicht mehr mein Ding. Vor allem der Vectra und der Astra sahen mit ihren breiten Chromspangen aus, als ob sie von ukrainischen Industriedesignern entworfen worden wären. Die geraden Linien, für die ich den Kadett so liebte - wo waren die hin?

Außerdem setzte wieder der Größenwahn ein. Auch bei Opel sollte jetzt alles Premium sein. Dabei sind die Rüsselsheimer in der Vergangenheit schon mehrfach vom Oberklasse-Karussel geflogen. Opel, ausgerechnet dieser ehrliche Jakob, denkt heutzutage über Wellness-Konzepte fürs Auto nach - Parfümzerstäuber und Ambient-Lighting für den Innenraum. In Essen täte man sagen tun: "Hömma, dat is doch Kappes".

Spitzenqualität trotz Unterstützung aus Detroit

Zumindest unter der Haube ist alles in Ordnung. Motoren von Opel sind erstklassig, gerade erst hat die Marke den Qualitätsreport der "Autobild" gewonnen. Das ist schon per se nicht schlecht. Angesichts der Tatsache, dass in den Neunzigern eine ganze Armada unfähiger GM-Manager in schnellem Wechsel durch Rüsselheim ritt und Opel verschlimmbesserte, ist es eine ziemlich beeindruckende Leistung. Man sehe sich nur die andere europäischen Liegenschaft von GM an: Saab. Die Marke ist so gut wie hinüber und hat rein gar nichts von dem exzentrischen Stil bewahrt, der die Schweden berühmt gemacht hat. Ironie des Schicksals: Der Opel Insignia ist das Auto des Jahres 2008. Opel hat also gute Produkte, gute Qualität - und vermutlich viele wehmütige Fans. Helfen wird es möglicherweise nichts. Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer sagt, niemand werde Opel kaufen. Vermutlich hat er recht.

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Wenn GM Pleite ginge, es würde mich nicht kümmern. Stürbe Opel, wäre ich todtraurig. In Deutschland gäbe es dann nur noch sogenannte Premium-Hersteller, die unbedingt alle wahnsinnig betucht, exklusiv und großspurig daherkommen wollen. Aber keine Marke mit guten Gebrauchsautos mehr, ehrlich, ohne Allüren.

Falls Opel eines Tages dicht macht, dann heißt es den Fuchsschwanz am Ascona befestigen, die Fenster herunterkurbeln und noch einmal laut mit den "Hosen" mitsingen: "Wir sind die Jungs von der Opel-Gang, wir haben alle abgehängt ... dann geht's los in tollem Spurt, wir schließen nie den Gurt."



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Seite 1
kdshp 19.12.2008
1. Aw
Zitat von sysopGeneral Motors geht es dreckig - und auch die Zukunft der deutschen Tochter Opel ist ungewiss. Doch ohne die Automarke aus Rüsselsheim würde dem deutschen Straßenbild etwas fehlen. Thomas Hillenbrand erinnert sich wehmütig an jene Zeit, als der Blitz auf dem Kühler noch eine Haltung war. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,596696,00.html
Hallo, was soll den fehlen ? Heute ist ein auto doch was ganz anderes als in den 70-80igern. Also mir fehlt nix wenn Opel weg ist und wenn zuviel produziert wird und Opel abgewickelt wird ist das auch ok. UND Tschüssssssss
derweise 19.12.2008
2. Opel war auch schon ohne GM!
Opel war auch schon ohne GM! Und am besten wird es das wieder!
Dumme Fragen 19.12.2008
3. Tja...
ein Freund fährt nen alten Saab 900, dieses schöne alte Hechtmaul, ich fahre einen alten Golf II (er ist wieder durch den TÜV!!!), und das wehmütige Gefühl des Autors können wir alle nachempfinden! Von den aktuellen Modellen aller Hersteller kann uns keins dazu bewegen, unsere Konten zu leeren... Da mieten wir uns lieber öfters in der Garage ein und schrauben selber rum!
Jacky Thrilla, 19.12.2008
4. Opel is wie wenn's de fliechst!
Wenn ich mir meine Autogeschichte so angucke, muss ich doch sagen, dass ich auch ein Opel Fan bin: 1. Auto: E Kadett, Bj 86, 1,4i, 60 PS 100Jahre Opel Edition 2. VW Polo II (86C), BJ 84, 1,1 50 PS 3. VW Golf II (den aber zusammen mit meiner damaligen Freundin, den hatte sie mitgebracht) 4. Ford Fiesta (nur ganz kurz) Dazwischen ganz lange Fahrrad und ÖPNV 5. E Kadett "Frisco", 1,8i 90 PS, tiefer, breiter, härter ;o) 6. E Kadett GSi, 2,0 8V (der kleine GSi) 115 PS, noch tiefer, noch breiter, noch härter ;oP 7. heute: Astra G, 2,2, 147 PS fast original Zustand...noch... Ich bin auch schon ne Menge anderer Wagen gefahren, aber mich zieht es eigentlich immer zu Opel hin, obwohl der aktuelle Astra eine echte Designsünde ist, ich hoffe, Opel geht nicht unter und baut bald wieder Autos, die man als 4 - 6 Jahre alten Gebrauchten gerne kauft. Grüße JT
simonda 19.12.2008
5. Und Tschüss :)
Naja wenn Opel weg ist wird das auch keinen Walzer spielen. Ich bin schon einige Opel gefahren und ganz ehrlich da gibt es hunderte von alternativen. Ich bleib dabei: Die besten Autos kommen Heutzutage aus Japan. Und nur weil Opel vor 30 Jahren mal ein paar gute Autos hatte... Das ist das gleiche Problem wie bei den Amis, die hatten mal gute Autos. Aber die Zeit ist vorbei! Außerdem: "In Deutschland gäbe es dann nur noch sogenannte Premium-Hersteller" Was ist mit VW? die sind nun wirklich kein Premium. (außer premium bedeutet überteuert)
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