Adiós Vocho Käfer-Sterben am Taxistand

An keinem Ort hat der Käfer so lange das Bild geprägt wie in Mexiko-Stadt. Dort sind mindestens 13.000 "Vochos" als Taxen unterwegs. Doch seit VW die Produktion 2003 eingestellt hat, geht es dem Oldtimer an den Kragen. Taxifahrer Alberto Osmaya kommen da fast die Tränen.

Aus Mexiko-Stadt berichtet


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Adiós Vocho: Bald läuft er nicht mehr
Das sind Bilder wie aus alten Zeiten: Wohin man auch blickt auf den Straßen von Mexiko - überall krabbeln noch die Käfer. Zwar hat VW auch in Mittelamerika längst die Produktion des Klassikers eingestellt, und 2003 lief im Werk in Puebla endgültig die letzte von insgesamt mehr als 21 Millionen Knutschkugeln vom Band. Doch in der Landeshauptstadt ist der liebevoll "Vocho" genannte Buckel-Porsche auch fünf Jahre danach noch immer so präsent wie bei uns sein Nachfolger Golf. Vor allem als Taxi begegnet einem der Dauerbrenner heute noch an jeder Ecke. Zwar gibt es anders als früher längst ein Dutzend weiterer Modelle im gewerblichen Personenverkehr, doch mindestens ein Drittel der etwa 40.000 Taxen in der Stadt Mexiko tuckern auch heute noch mit dem klassischen Boxer-Sound durch die überfüllten Straßen der 20-Millionen-Metropole.

In einem davon sitzt Alberto Osmaya. Der 46-Jährige fährt seit mittlerweile 14 Jahren Taxi und besitzt jetzt seinen zweiten Käfer, den er 2000 für etwa 55.000 Pesos, also heute rund 3615 Euro, gekauft hat. Das Lenkrad hängt zwar ein bisschen schief und hat mittlerweile reichlich Spiel, und auf der Rückbank tarnt eine gammlige Wolldecke nur mühsam die Wunden, die der Zahn der Zeit in die Sitzbezüge geschlagen hat. Doch Osmaya strahlt und genießt jeden Kilometer in seinem Vocho. "Das Auto ist wie ein Esel. Ein bisschen störrisch, aber am Ende komme ich überall damit hin", sagt der Taxifahrer und tritt so kräftig aufs Gas, dass der 1,6-Liter-Motor im Heck mächtig durch das fingerdicke Auspuffröhrchen röhrt. Sonderlich schnell geht es trotzdem nicht voran. Denn erstens sind die Straßen in der Regel dicht, und zweitens hat sein Käfer gerade einmal 46 PS. "Immerhin schaffe ich damit draußen auf der Landstraße 120 Sachen", sagt Osmaya.

Alle Fahrgäste sitzen auf der Rückbank

Viel Komfort erwarten dürfen seine Kunden allerdings nicht: Weil der Käfer nur zwei Türen hat, wurde der Beifahrersitz bei allen Vocho-Taxen kurzerhand ausgebaut. Die Passagiere müssen sich auf die enge Rückbank quetschen, hören die plärrende Musik aus dem Nachrüst-Radio und können nur hoffen, dass der Fahrer hin und wieder mal das Fenster öffnet, während der Boxer ihnen kräftig den Rücken wärmt. So eng es auch aussieht: Platzprobleme gibt es nicht. "Immerhin darf ich drei Fahrgäste mitnehmen", sagt Osmaya. Und wenn es sein muss, passen auch vier hinein, schickt er mit einem Augenzwinkern hinterher. Für das kleine Gepäck gibt es die altbekannte Ablage hinter den Sitzen. Und große Koffer stapelt er dort, wo andere Autos den Beifahrersitz haben.

Taxifahren in Mexiko ist nicht bequem, dafür kassiert Osmaya auch nur einen Bruchteil seiner europäischen Kollegen: Die Grundgebühr liegt bei umgerechnet etwa 40 Cent, und jede weitere Verrechnungseinheit aus Minuten und Kilometern kostet sechs Cent. Kein Wunder, dass er jeden Tag von 6 bis 18 Uhr am Steuer sitzt, damit er über die Runden kommt. Immerhin war seine Ausbildung schnell und billig. Zwar braucht er wie bei uns eine Art Personenbeförderungsschein, einen Nachweis der Ortskenntnis hat von ihm keiner verlangt. "In der größten Stadt der Welt wäre das ohnehin chancenlos. Das kann sich keiner merken", sagt der Taxifahrer. Da muss der Kunde schon selber wissen, wo er hin will: "Wenn er mir zumindest die grobe Richtung sagen kann, dann finde ich das auch."

Treues Gefährt, schnelle Reparatur

Die Laufleistung seines Autos hat Osmaya längst vergessen. "300.000, 400.000 Kilometer, woher soll ich das noch wissen", sagt er und blickt auf das winzige Rundinstrument, das auf der Fläche eines Bierdeckels alle Informationen zeigt, für die man in einem Neuwagen drei Anzeigen und ein halbes Dutzend Monitore braucht. Bis jetzt hat ihn sein Vocho nie im Stich gelassen. Selbst der Motor ist noch original, nur die Kolben hat er vor ein paar Wochen richten lassen.

Die allermeisten Reparaturen erledigt er allerdings selbst – und zwar direkt am Straßenrand. Ein neues Kupplungsseil und eine Dose Fett liegen deshalb schon im Fußraum, und die Werkstatt hat er vorn unter der mit einem Vorhängeschloss gesicherten Haube: Wagenheber, Ersatzteile, Schraubenschlüssel, Spraydosen, alles an Bord. "Es gibt fast nichts, was ich nicht auf der Stelle reparieren könnte", schwärmt Osmaya - und billiger als beim Käfer sind Reparaturen bei keinem anderen Auto: Ein neue Bremse kostet 100 Pesos (etwa sieben Euro), und alle anderen Ersatzteile gibt es für höchstens das Doppelte.

Andere Autos bläst es von der Straße

Trotzdem rückt auch für Alberto Osmaya der Abschied von seinem geliebten Käfer näher: Länger als acht Jahre dürfen Taxis in Mexiko nicht fahren. Zwar sind die letzten Käfer im VW Werk Puebla vor fünf Jahren vom Band gelaufen, so dass dem Vocho noch drei Jahre bleiben. Doch Osmayas Buckel-Porsche mit der Nummer A 76210 ist jetzt im letzten Jahr. Dann muss ein Neuwagen her. Während sich andere über ein bisschen Luxus wie elektrische Fensterheber, vier Türen, einen Beifahrersitz oder gar eine Klimaanlage freuen würden, kommen dem Mexikaner beim Gedanken daran fast die Tränen.

Denn der Billig-Polo VW Pointer ist für ihn ebenso wenig eine Alternative wie der altbackene Nissan Tsuru oder sein moderner Nachfolger Platina, der baugleich ist mit dem Stufenheck-Modell des Renault Clio. Und den Hyundai Atos, den viele seiner Kollegen fahren, "den bläst es ja von der Straße, wenn er von einem Lastwagen überholt wird". Was Alberto Osmaya, der auch privat im Vocho unterwegs ist und selbst nach einem Lottogewinn nicht auf einen BMW oder Mercedes umsteigen würde, in Zukunft fahren soll, dazu ist ihm noch nichts Schlaues eingefallen. "Denn ein Auto wie den Käfer gibt es nicht noch mal."



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