Wohnwagen Airstream Basecamp Glanz klein

Airstream gilt als Rolls-Royce unter den Wohnwagen. Die silbrigen Alu-Trailer sind groß, robust, luxuriös. Jetzt jedoch bietet die Marke erstmals einen kompakten Einsteiger-Caravan an.

Airstream

Von Jürgen Pander


Zwei Schlafplätze, Küche, Dusche, Klo - das Ganze verpackt in einer Aluminiumhülle, die aussieht wie ein überdimensionaler, von Apple designter Motorradhelm. Selten sah ein Wohnwagen so cool und modern aus wie das Modell Airstream Basecamp. Die größte Überraschung des silbrig schimmernden Caravans: Er ist nur 4,95 Meter lang. Für eine Marke, die sonst bis zu zehn Meter lange Luxusapartments auf Rädern baut, die in den USA häufig als erster Wohnsitz genutzt werden, ist das geradezu eine Revolution.

Der Basecamp sei der "bislang wendigste Wohnwagen" der Firmengeschichte, heißt es in der Airstream-Broschüre zum neuen Modell, das Anfang des Jahres in den USA auf den Markt kam. Schon einmal, 2009, hatte es das Unternehmen mit einem Kompakt-Caravan versucht, doch das Timing war desaströs. Die potenzielle Kundschaft war mit den Folgen der damalige Finanzkrise beschäftigt, aber gewiss nicht mit der Planung eines Wohnwagenkaufs. Das Modell wurde kurzfristig wieder vom Markt genommen.

Jetzt also der zweite Anlauf - und siehe da: Der Absatz brummt. Denn In den USA spricht der Basecamp eine ganz neue Zielgruppe an. "Um den an den Haken zu nehmen, braucht man keinen Pick-up oder SUV, da tut es auch ein für US-Verhältnisse völlig untypisches Zugfahrzeug wie ein Audi A6", sagt Armin Heun, Geschäftsführer beim deutschen Airstream-Importeur, der Firma Roka in Mengerskirchen. Zudem biete das kompakte Modell eine bislang von Wohnanhängern nicht gekannte Flexibilität.

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Wohnwagen Airstream Basecamp: Der Alu-Zwerg

Der Grund dafür sind gleich zwei Türen. Die eine ist wie gewohnt an der rechten Seite platziert, die andere am Heck. Der Clou dabei: Über den Hintereingang können Fahrräder, Surfbretter, Kanus oder sogar ein Motorrad ins Häuschen bugsiert und dort problemlos transportiert werden. Es können bei Bedarf zwei Vorzelte angebaut werden, es gibt etliche Staufächer, große Wasser- und Abwassertanks, eine Heizung und einen Kühlschrank samt Gefrierfach.

Wer sich hierzulande für den Airstream Basecamp interessiert, braucht Geduld, denn aufgrund der hohen Nachfrage in den USA veranschlagt Heun rund sechs bis acht Monate Lieferzeit für hiesige Kunden. Die benötigen darüber hinaus eine gut gefüllte Freizeitkasse , denn inklusive Transport aus den USA, Umrüstung der Gas- und Elektroanlage auf europäische Standards sowie der TÜV-Abnahme kostet der Airstream Basecamp 53.897 Euro. Der Preis liegt um ein Vielfaches über jenen rund 15.500 Euro, die deutsche Wohnwagenkäufer im Durchschnitt für einen Caravan ausgeben. Er liegt andererseits am untersten Ende der Airstream-Preisskala - was der Hauptgrund für deren geringe Verbreitung in Europa sein dürfte.

Airstream-Käufer sind oft Wohnwagen-Neulinge

In Deutschland ist Airstream seit nunmehr zehn Jahren auf dem Markt und verkaufte in dieser Zeit nach Angaben von Roka etwa 200 Wohnwagen. "Allerdings greifen die Kunden bislang meist zu unserem Topmodell 684", berichtet Heun. Der 6,80 Meter lange Silberling mit etwa 17 Quadratmetern Wohnfläche kostet ab 110.000 Euro aufwärts. "Wer sich diesen Caravan kauft, fragt nicht nach dem Preis, sondern der will wissen, wo es die tollsten Plätze gibt." Die meisten deutschen Airstream-Kunden, berichtet Heun weiter, seien Caravan-Einsteiger, die zuvor weder Wohnwagen noch Wohnmobil besessen hätten. "Die wollen genau so ein Teil, weil Optik, Ausstattung und Atmosphäre komplett anders sind als bei anderen Herstellern."

Airstream-Wohnwagen sind allerdings nicht nur Design-Ikonen, sondern auch Symbole für Unabhängigkeit, Abenteuer und - Glamour. Hollywoodstars wohnten am Set in Airstream-Wohnwagen; US-Präsident John F. Kennedy nutzte während seiner Amtszeit einen Airstream-Trailer als mobiles Büro; und als 1969 die Astronauten von Apollo 11 nach ihrer Rückkehr vom Mond wieder auf der Erde gelandet waren, wurden sie zunächst in einem Airstream-Wohnwagen unter Quarantäne gestellt. Eine Vorsorgemaßnahme, falls sie Krankheitserreger vom Mond mitgebracht hätten.

"Wie ein Luftzug über die Straße"

Gegründet wurde die Firma 1931 von Wally Byam, der seine "Airstreams" zunächst aus Sperrholz fertigte. Er nannte sie so, weil sie sich "wie ein Luftzug über die Straße bewegen". Die Assoziation zum Flugzeug passte erst ab 1935: Da kaufte Byam die Firma des Flugzeugingenieurs William Bowlus auf, der stromlinienförmige Wohnwagen aus Aluminium fertigte. Fortan trugen die silbrig glänzenden, ebenso robusten wie leichten Wohnanhänger den Namen Airstream Clipper - denn Clipper nannte ab 1935 auch die Fluggesellschaft Pan Am ihre Maschinen.

Was die Airstream-Wohnwagen - neben ihrer Aluhülle - vor allem auszeichnet, ist das Beharren auf Bewährtem. Deshalb ähneln aktuelle Airstream-Modelle nach wie vor den ersten Typen. Und deshalb, so verkündet es jedenfalls der Hersteller, seien etwa zwei Drittel aller jemals gebauten Airstream-Wohnwagen noch intakt und in Gebrauch. Einige eherne Prinzipien von einst gelten nach wie vor im Werk in Jackson Center im US-Staat Ohio. Zum Beispiel, dass zuerst die Karosserie gefertigt wird, und erst danach die Möbel und alles andere eingebaut werden. Daher passen alle Einbauteile durch die Tür, weshalb sie auch problemlos wieder ausgebaut und repariert oder ersetzt werden können.

Auch wenn das niemand so sagen würde - bei Airstream gilt noch immer die Produktstrategie des Gründers Wally Byam: "Wir machen keine Veränderungen, nur Verbesserungen." Zum Glück jedoch setzen sich die Entwickler manchmal darüber hinweg. Dann entstehen so interessante Neuheiten wie der Basecamp.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 28.06.2017
1.
Schön und teuer. Mit einem normalen Fahrzeug aber wohl kaum zu ziehen. Die Stützlast dürfte jenseits von Gut und Böse sein, wo weit hinten, wie die Achse sitzt...
DerBlicker 28.06.2017
2. viel zu teuer
Wer bitte zahlt für einen 4,95 langen Wohnwagen über 50 000 Euro? Das sind mindestens 30 000 Euro zu viel. Und dann wundern sich Trump und Co, dass ihre Produkte außerhalb der USA unverkäuflich sind.
chrismuc2011 28.06.2017
3.
Den kleinen Airstream kann man sicher viel preiswerter selbst herstellen, zumal ich das Design nicht besonders gelungen finde ( z.B. Gasflaschenabdeckung aus schwarzem Kunststoff), Fahrgestelle, Elektrik, Toiletten, Fenster, Beschläger, Heizung gibt es vorkunfiguriert ( z.B. Fa. Truma). Immerhin ist Airstream mittlerweile vom typisch amerikanischen Barock Interieur abgekommen. Interessant ist noch die Möglichkeit einen alten Airstream als renovierte Hülle zu kaufen und selbst die Innerneinrichtung zu bauen. z.B.: http://classic-caravans.de/
Kudi 28.06.2017
4. Viel zu teuer?
@DerBlicker: Ein Airstream ist erst einmal kein Billigprodukt. Zweitens geht viel Geld drauf, weil in Europa der Staat über die MWSt kräftig abkassiert (gibt es in den USA nicht) und weil die Europäer auf eigenen Sicherheitsstandards (Gas, Elektrik) beharren zu müssen. Schlussendlich wird auch der Importeur noch etwas verdienen wollen. Übrigens: auch Kraftstoff ist in Europa dank der Geldgier des Staats viel teurer als beispielsweise in den USA. Noch Fragen?
All Square 28.06.2017
5. Kult ist immer irrational und zu teuer
Es gibt sogar Leute, die amerikanische Motorräder kaufen. Mit Vernunft oder Sachlichkeit nicht zu begründen.
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