Verkehr ohne Regelwut Ein Dorf schafft den Schilderwald ab

Auf der Hauptstraße im niedersächsischen Bohmte macht jeder, was er will. Die Gemeinde hat fast alle Schilder und Verkehrsregeln abgeschafft - trotzdem können Fußgänger mit geschlossenen Augen über die Straße gehen.

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Bauhof in Bohmte: Die Gemeinde hat Kreuzungen von Schildern befreit
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Bauhof in Bohmte: Die Gemeinde hat Kreuzungen von Schildern befreit


Die Hauptverkehrsstraße im niedersächsischen Bohmte ist ein Schock für jeden Durchreisenden. Es gibt keine Regeln, an die man sich halten könnte: kein Vorfahrtsschild, keine Ampel, keinen Zebrastreifen. Genau genommen gibt es nicht einmal eine richtige Straße.

Fahrbahn, Radweg, Bürgersteig: Alles geht hier irgendwie ineinander über - und das bei mehr als 12.000 Autos und Lastwagen, die hier Tag für Tag mitten durch den Ortskern rollen.

Ja, sind die Leute in Bohmte denn verrückt geworden? Eine Hauptverkehrsstraße ohne Verkehrsregeln: Ist das nicht irre gefährlich? "Im Gegenteil", sagt Bohmtes Vizebürgermeisterin Sabine de Buhr-Deichsel. "Seit wir die Schilder abgeschafft haben, fließt der Verkehr nicht nur viel flüssiger, es ist auch sicherer so."

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Tatsächlich hat es seit dem Umbau keinen nennenswerten Unfall gegeben. Weil es keine Regeln gibt, verständigen sich die Verkehrsteilnehmer jetzt mit Blicken und Handzeichen und passen einfach besser auf. Ein Radler biegt gemächlich nach links ab, ein Lieferwagen parkt vor einem Bekleidungsgeschäft, ein Autofahrer wendet. Das alles geschieht, ohne dass der Verkehr ins Stocken geriete. Wo sind sie in Bohmte bloß geblieben: die Rüpelraser, Kampfradler und rücksichtslosen Bürgersteigtrampel?

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Erfinder von "Shared Space", wie die schilderfreien Verkehrszonen genannt werden, ist ein niederländischer Verkehrsplaner namens Hans Monderman. Er war überzeugt: "Wenn man die Leute wie Idioten behandelt, werden sie sich auch so benehmen." Monderman appellierte deshalb lieber an den mündigen Bürger. Das Ziel müsse sein, den Straßenverkehr nach dem Vorbild der in Holland beliebten Eislaufplätze zu organisieren, so Monderman, nämlich gar nicht: "Hier fahren auch alle wie sie wollen, sie achten nur aufeinander."

Doch was ist mit den Fußgängern, wenn es weder Ampeln noch Zebrastreifen gibt? Wie kommen Kinder auf die andere Straßenseite? Wie sollen sich alte Leute, Gehbehinderte und Blinde gegen täglich 12.000 Autos durchsetzen? Bohmtes Vizebürgermeisterin de Buhr-Deichsel kennt eine spektakuläre Methode, um das herauszufinden: einfach Augen zu und los.

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Mehr Sicherheit bei weniger Vorschriften: ein scheinbar paradoxes Phänomen, das sich im Straßenverkehr häufig beobachten lässt. Im niederländischen Drachten ersetzten Verkehrsplaner auf einer Kreuzung die Ampeln durch Wasserfontänen: ein Spektakel, von dem man glauben könnte, es lenke die Verkehrsteilnehmer ab. Doch die Zahl der Unfälle ging zurück. Autos brauchen nun etwa 40 Prozent weniger Zeit als früher, um die Kreuzung zu passieren.

Auf der Kensington High Street in London, eine Einkaufs- und Hauptverkehrsstraße mit vielen Fußgängern, verschwanden 95 Prozent aller Verkehrsschilder. Zwar gibt es noch einige Fußgängerampeln, doch die meisten Passanten laufen einfach irgendwo über die Straße. Auch hier hat sich die Sicherheit verbessert. Die Zahl der getöteten oder schwer verletzten Fußgänger sank um 60 Prozent.

Und wozu gibt es eigentlich überall Fahrbahnmarkierungen? Britische Wissenschaftler fanden heraus, dass die Zahl der Unfälle auf engen Landstraßen zurückgeht, wenn man die Mittellinie von der Fahrbahn abkratzt. In einer Studie verglichen die Experten zwei Straßen in Wiltshire, eine Grafschaft im Südwesten Englands. Die breitere Straße behielt ihre Markierung, auf der schmaleren wurde sie entfernt. Erstaunlicherweise gelang es den Fahrern auf der schmaleren Straße, einen um 40 Prozent größeren Abstand zu den entgegenkommenden Fahrzeugen zu halten.

In Deutschland sind "Shared Space"-Zonen wie in Bohmte leider selten. Der Glaube deutscher Verkehrspolitiker an die Kraft der Regulierung ist ungebrochen. In allen Lebensbereichen tobt der Verbots- und Regulierungswahn.

Etwa 20 Millionen Tafeln stehen hier am Straßenrand: Weltrekord! Und täglich werden es mehr. Erst kürzlich kamen die amtlichen Zeichen "Parkraumbewirtschaftung", "Ende Parkraumbewirtschaftung", "Ende Streckenempfehlung" und das Zusatzzeichen "Inline-Skater zugelassen" hinzu. Ein Piktogramm, das so aussieht, als würden ein Fußgänger und ein Fahrrad auf einem rot-weißen Hämmerchen balancieren, weist auf eine "durchlässige Sackgasse" hin. Und natürlich ist es für eine Kommune auch viel billiger, an einer maroden Straße ein Tempo-30-Schild aufzustellen, anstatt die Schlaglöcher zu stopfen.

Dabei sind Deutschlands Straßen trotz hoher Schilderdichte nicht sicherer als die Straßen anderer Länder. 2012 gab es hier 44 Verkehrstote pro eine Million Einwohner. In der Europäischen Union liegt Deutschland damit nur auf dem achten Platz. Großbritannien (28 Verkehrstote je eine Million Einwohner), Schweden (31), Dänemark (32) und die Niederlande (33) schneiden besser ab. Kann es sein, dass die deutschen Straßen nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Schilderdichte gefährlich sind?

Im Schilderwald fällt es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten. "Mehr als drei Verkehrszeichen pro Sekunde kann der Mensch nicht verarbeiten", heißt es beim ADAC; diese Grenze jedoch sei in den Innenstädten längst überschritten. Zum anderen schläfern Schilder die menschlichen Instinkte ein. Allzu häufig kommt es vor, dass sich ein Autofahrer in sklavischer Ergebenheit an alle Verkehrszeichen hält, dabei jedoch den Verkehr aus den Augen lässt. So passiert es, dass jedes Jahr Tausende Fußgänger, die bei Grün über die Straße gehen, von einem rechts abbiegenden Autofahrer überfahren werden, dessen Ampel ebenfalls Grün zeigte.

Nun würde niemand behaupten, es wäre möglich oder vernünftig, sämtliche Schilder abzuschaffen. Die Frage ist jedoch, ob es so viele sein müssen. Einige Verkehrsexperten glauben, dass etwa ein Drittel aller Verkehrszeichen in Deutschland unverständlich, irreführend oder schlicht überflüssig ist. Das wären fast immerhin fast sieben Millionen Schilder, an die man die Axt anlegen könnte.

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In Bohmte hat nur ein einziges Schild überlebt. Am Anfang der Gemeinschaftsstraße steht jetzt die Tafel "Vorfahrt geändert". Ab da gilt Paragraf 1 Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht."

Auch genervt vom Schilderwald, von sinnlosen Verboten und unverständlichen Zeichen? Lassen Sie uns an Ihrem Ärger teilhaben: Einfach ein Foto schicken an alexander_neubacher@spiegel.de

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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
kantundco 29.09.2014
1. Schon der zweite gute Artikel heute!
Es ist alles andere als paradox, wenn nicht durchgeregeltes Zusammenspiel von Bürgern besser funktioniert, als der Bürokratismus bis ins letzte Glied. Die Leute achten einfach mehr auf ihre Mitbürger und nicht auf Regeln. Man muss den Menschen nur mehr Verantwortung für ihr eigenes Tun übertragen und mehr Vertrauen schenken, dass sie es selbst regeln. Und das gilt nicht nur für den Straßenverkehr, sondern für viele Lebensbereiche. Eine extreme Idee: Wenn die Steuerzahler bei ihrer Einkommenssteuer noch ankreuzen dürften, wohin ihre Arbeitsleistung fließen soll, dann dürfte es auch weniger Steuerhinterzieher geben, da damit die Verantwortung des Einzelnen für den Staat schnell klar werden würde...
susiwolf 29.09.2014
2. Klein anfangen - gross 'rauskommen' ...
Kein Schimpfen mehr auf Radfahrer, Keine Autohupe, Keine LKWs mehr ... die die 'Stärke' herauskehren, kein Fussgänger, der gefährdet ist, Millionen von eingesparten Kosten für die Gemeinde, eine Unfallstatistik, deren Amplituden nur nach unten zeigen ... Wir sind im Paradies gelandet: Auf nach Bohmte, aber dort r ü c k s i c h t s v o l l, sonst knallt's !
der.tommy 29.09.2014
3.
Ausgezeichnet! Ich bin schon immer der Meinung dass die schiere Masse an schildern (an jeder Kreuzung, Einmündung, erneut Vorfahrtschilder, Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzung, Kennzeichnung von Parkverboten teils im meterabstand) eher vom eigentlich verkehrsgeschehen ablenken als für einen flüssigen Verkehr sorgen. Alle Schilder entfernen wird natürlich in Großstädten nicht funktionieren. Aber ein gesundes Maß, vielleicht auch das zurückgreifen auf eindeutige Markierung von Parkflächen mit beispielsweise blauen/gelben/weißen streifen könnten sehr hilfreich sein. Auch auf viele Schilder bzgl. Tempolimit könnte verzichtet werden, da das meist selbsterklärend ist.
max_schwalbe 29.09.2014
4. Endlich!
Das Gefühl, den niederländischen Verkehrsforschers hatte ich schon lange: Wenn alle wissen dass man selbstverantwortlich fahren muss, wird man automatisch vorsichtiger sein. Denn man weiß ja dann, dass auch die anderen "ohne Regeln" fahren. Ich bin auch dafür, sämtliche Geschwindigkeitsbregrenzungen abzuschaffen, das ist alles sinnlos! Allerdings: Hauptstraßen halte ich fr unverzichtbar, außerdem simple Warnschilder an unübersichtlichen Stellen, die für Ortunkundige zur einer Fehleinschätzung der Lage verleiten. Und: Zebrastreifen... DER REST KANN WEG!!!
Immergutelaunefee 29.09.2014
5. utopisch
waren sie schon einmal in Neu Delhi im Verkehr unterwegs? vollkommen ohne Schilder und Regeln... genau, wie hier empfohlen. Und wissen sie was dabei herauskommt? Absolutes Chaos und unzählige Verkehrstote... Das kann also nicht die Lösung sein. Das funktioniert vielleicht an diesen vereinzelten Stellen, eben weil es selten ist. Die Wahrheit liegt vermutlich wie immer irgendwo in der Mitte. ..
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