Alfa Romeo 155, Baujahr 1992: Bella Italia für die Familie

Aus dem Straßenbild so gut wie verschwunden ist der Alfa Romeo 155 von SPIEGEL-ONLINE-Leser Christian Böhner. Das Kraftpaket mit dem Stufenheck glänzt neben Schnelligkeit mit Fahrqualitäten, die auch eine Familie mit Kinderwagen und viel Gepäck begeistern können.

Alfa Romeo 155: Verkannter und vergessener Italo-Keil Fotos
Christian Böhner

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Christian Böhner über das Leben mit seinem Alfa Romeo 155 2.0 T.S, Baujahr 1992.

Im Herbst 2007 stand fest: Ein neuer Alltagswagen musste her. Am besten ein Kombi, denn meine liebe Freundin war schwanger, und wir würden eine Familie gründen. Da in meinem Leben die prägnanten Phasen immer auch durch ein spezielles Automobil begleitet wurden, begann eine intensive Suche nach einem neuen Vehikel.

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Die zehn schönsten Alfa Romeo: Belle macchine
Eines war klar. Es musste ein Wagen mit Stil sein, gern auch 15 Jahre alt, und maximal 2000 Euro durfte er kosten. Nach einigen Recherche-Umwegen über ältere Mercedes-T-Modelle, BMW 3er Touring und Volvo Kombi landeten wir erneut bei Alfa Romeo. Eine 72er Alfa-Berlina stand ja schon in der Tiefgarage - als unantastbares Kulturgut - und nun hatte mich erneut das Alfa-Virus befallen. Die Entscheidung fiel auf den Alfa 155. Hä? 155? Meine Freundin war verwirrt. "Komm schon, du weißt doch, dieser Italo-Keil mit dem hohen Kofferraum, so eine typische Neunziger-Jahre-Stufenhecklimousine und sogar DTM-Sieger", klärte ich auf.

Mein Umfeld war über- und ich gefordert. Ich fand einen guten Wagen bei einem "wahren" Alfisto für 1500 Euro mit TÜV und fuhr mit Einfachfahrschein und Tageskennzeichen nach Duisburg. Als ich den 92er Alfa 155 2.0 T.S. (144 PS mit Steuerkette und Doppelzündung) dann das erste Mal sah, war es um mich geschehen. Da stand er im Nieselregen, leuchtend rot, herausfordernd wartend. Eine Diva, eine Legende, heute vielfach verkannt, abgewrackt, vergessen. Es folgte eine kurze Testfahrt und der Blick unters Auto. Der Wagen hatte keinen Rost, keine Dellen. Die Stoffsitze waren heil, er roch neutral und war dezent tiefergelegt - alles fein.

Ich war total im Alfa-Fieber - so sehr, dass uns der Experte einen Wagen mit versteckten Fehlern andrehen konnte. So war die Lichtmaschine nicht richtig angeschlossen und der Auspuff dreist geflickt. Mein lieber Freund Kay half mir beim Aussortieren der ersten Macken und siehe da, der 210 km/h schnelle Keil lief prächtig. Gleich im ersten Winter fuhren wir auf unserer Hochzeitsreise nach Prag. Später erledigte der 155 brav die anstehenden Transportfahrten für Wickelkommode und andere Dinge des Familienbedarfs.

Unterschätzer Mittelklassewagen mit einer phantastischen Motorlaufkultur

Anspringen bei extremer Kälte - kein Problem. Auf langen Fahrten lief der unterschätze Mittelklassewagen treu und mit einer phantastischen Motorlaufkultur bis ins Allgäu und zurück. Auch mit Tochter, Kinderwagen und Gepäckmassen an Bord hatten wir zum Glück den von mir versprochenen ausreichenden Stauraum zur Verfügung.

Aber das kann nicht alles gewesen sein, nicht bei einem so motorsportverrückten Menschen wie mir. 100 Jahre Alfa Romeo standen dieses Jahr zu Buche, und überall wurde geschrieben und ausgestellt. Nannini, o Nannini, Nicola Larini, Christian Danner und andere Piloten fuhren auf dem 450-PS-Monster medienwirksam ihre Siege ein. In vier Jahren schafften es die 155er immerhin 38-mal auf Platz eins in der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft. Auch bei anderen Tourenwagen-Rennserien siegten die knallroten Rennboliden aus Milano. Alfa-Milano? Na ja, man muss ehrlicherweise sagen, dass der 155 zur ersten Generation der Fiats unter den Alfas zählt. Es steht tatsächlich auch Fiat im Fahrzeugschein, genauso wie heute bei den Ferraris. So ist das Unvermeidliche mittlerweile akzeptabel.

Dieses Jahr war es also an der Zeit, den roten Renner ein bisschen aufzupeppen. Felgen, Reifen, Fahrwerk und natürlich Sticker-Beklebung für das echte Rennfeeling waren angesagt. Ich erstand Alu-Felgen in klassischer Optik, Modell "Mugello" - nach der toskanischen Rennstrecke. Reifen in 225er Breite und schön flach, damit das 17-Zoll-Rad auch sauber in die Radhäuser passt, Montage in Hamburg. In Sachen Fahrwerk wurden ein Tieferlegungssatz und spezielle Sportstabilisatoren für Vorder- und Hinterachse verbaut.

Den leicht verblichenen roten Lack "Rosso Alfa 130" haben wir fachgerecht aufpoliert, wobei das Ferrari-Airbrush des italienischen Vorbesitzers auf dem Tankdeckel erhalten blieb. Es gehört nach 3 Jahren irgendwie dazu. Tatsächlich fährt meine flotte Frau auch mit dem etwas auffälligeren 155er fröhlich zur Arbeit, und für unsere Tochter bleibt der Renner auch nach dem Tuning weiterhin schlicht "das rote Auto".

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1. x
mmueller60 09.12.2010
Was für eine Prollschüssel... sogar mit Aufklebern von Zulieferern der Automobilindustrie auf den Seiten. Und erst diese Felgen.
2. .
Beteigueze 09.12.2010
ok, die Zubehör-Aufkleber würde ich auch nicht anbringen, aber das Kleeblatt schon. Und die Felgen passen doch ganz gut, da hab ich schon ganz andere gesehen. Das Auto als "Proll-Schüssel" zu titulieren ist fast schon etwas beleidigend. Der geneigt Leser möge sich mal in entsprechenden Foren wie BMWsyndikat oder Auto-Plenum umsehen, da gibt es wahre Prollschüsseln zu bestaunen.
3. Mein erster Alfa
Rainer Girbig 10.12.2010
Ich stand auch 2007 vor dem Wunsch, nach drei kreuzbraven Familienkutschen endlich mal "ein schönes Auto" zu erwerben. Gebraucht musste es zwar sein, aber doch jung. Mitte der neunziger Jahre hatte ich nach schwerem Ringen bereits einen Passat dem Alfa 33 Sportwagon vorgezogen. Jetzt fiel meine Wahl auf einen der schönsten Kombis, die man für wenig Geld kaufen kann: Alfa 156 Sportwagon. Bescheiden wie ich bin, mit zurückhaltender Motorisierung (1,8l). Aber ich habe den Kauf nicht bereut. Selbst meine volljährigen Kinder fanden den Wagen endlich cool.
4. Bei den Fotos muß ich heulen
fpunktwpunkt 10.12.2010
Zitat von Rainer GirbigIch stand auch 2007 vor dem Wunsch, nach drei kreuzbraven Familienkutschen endlich mal "ein schönes Auto" zu erwerben. Gebraucht musste es zwar sein, aber doch jung. Mitte der neunziger Jahre hatte ich nach schwerem Ringen bereits einen Passat dem Alfa 33 Sportwagon vorgezogen. Jetzt fiel meine Wahl auf einen der schönsten Kombis, die man für wenig Geld kaufen kann: Alfa 156 Sportwagon. Bescheiden wie ich bin, mit zurückhaltender Motorisierung (1,8l). Aber ich habe den Kauf nicht bereut. Selbst meine volljährigen Kinder fanden den Wagen endlich cool.
Ich habe meine Bella (155 1.8TS) vor knapp 2 Wochen abgegeben. Km - Stand 278.500, ist aber gelaufen, wie ein schweizer Uhrwerk. Nur das (fast) komplette Fahrwerk war hinüber - heul... Keines Weg eine Prollschüssel. Ein sehr sportliches Auto, halt mit vier Türenn. Jetzt fahre ich nen 156er 1.8 TS. Ich kann Euch sagen: 2 grundsätzlich verschiedene Autos. Der 156er ist eine Familienlimosine, der 155er eigentlich nicht. Gruß f.w. P.S. Der Sport Wagon ist der schönste Kombi!
5. Wirklich verkannt: der 33er QV 4
djsaeng 11.12.2010
Servus, Ja, Schade dass der beschriebende 155 verbastelt worden ist. Die Felgen sind nicht Original und die Aufkleber kommentiere ich ebenfalls nicht weiter. Ich schlage einen Rückbau auf die Imola-Ausstattung vor: damit wird es noch edler. Aufkleber und Tankdeckel müssen weg. Ich hatte mal einen rosso 33er QV mit permantenten Allrad. Das Fahrzeug war in der Originalausstattung eine Augenweide und originalem Kleeblatt. Ebenso toll waren die Fahrleistungen und unter der Haube gabs pure Renntechnik: 4 Zylinder Boxer 16 V mit Einzeldrosselklappenanlage. Ich finde, dass dieses Modell vor Jahren ebenfalls verkannt worden ist. Heute sucht man vergeblich nach einem solchen Modell. Mit einem späteren 155er 1.8er hatte ich leider Pech. Das war das Ende meines Alfisti-Seins. Gruss.
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Markus Gölzer
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