Alfa Romeo Alfasud Caimano Gib Glas!

Eine Karosserie wie ein windschiefes Gewächshaus: Die Automobilgeschichte ist voll von fantastischen Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. Dieses Mal: Der Alfa Romeo Alfasud Caimano.

Fiat Chrysler Automobiles

Von Jürgen Pander


So einen Auftrag wünscht man sich als Autodesigner: Gestalten Sie einen Traumwagen, bei dem klar ist, dass er niemals Chancen auf eine Serienproduktion hat. Das ungefähr war die Ansage, die der italienische Autodesigner Giorgetto Giugiaro - er entwarf ein paar Jahre später den ersten VW Golf - Anfang der Siebzigerjahre von Alfa Romeo erhielt.

Genaugenommen war dieses noch zu entwerfende Traumauto aber nur ein Sidekick: Giugiaro und seine Firma Italdesign hatten nämlich kurz zuvor den Alfa Romeo Sud fertig gestellt, den ersten Kompaktwagen des italienischen Herstellers und zudem dessen erstes Serienmodell mit Frontantrieb.

Auf dem Autosalon in Turin 1971 sollte der Alfasud vorgestellt werden - mit einem Traumauto an seiner Seite, um maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Einzige Bedingung für das Fantasiefahrzeug: Es sollte die Technik des Alfasud nutzen.

Verstellbarer Spoiler, Glaskuppel statt Dach

Giugiaro nutzte den Spielraum derart kühn, dass der Wagen noch heute wirkt wie weit aus der Zukunft herbeigebeamt. Auf einer Alfasud-Plattform mit um 20 Zentimeter gekürztem Radstand formten die Kreativen von Italdesign eine Keilskulptur, die je nach Perspektive wirkt wie eine Weltraumauto, ein Sportwagen unter Frischhaltefolie oder ein windschiefes Gewächshaus. Ganz sicher ist dieses Gefährt ein Hingucker ersten Ranges und derart futuristisch gedacht und gemacht, dass bis heute keine der in diesem Fahrzeug erstmals vorgestellten Ideen in einem Serienauto übernommen wurde.

Über die beiden Sitze, die vielmehr Liegen sind, wölbt sich eine flache Glaskuppel, die nur komplett mit den seitlichen Türausschnitten nach vorne aufgeklappt werden kann. Bis auf zwei winzige Frischluftluken in den Flanken unterhalb der Kuppel gibt es keine weiteren Öffnungen. Über der Hinterachse bilden B- und C-Säule der Karosserie eine Art vollverglastes Zelt, das die Funktion eines überdimensionalen Überrollbügels hat und auf dessen First sich ein Spoiler in vier Stufen von jeweils 8 Grad zusätzlicher Neigung bis zu einem Winkel von 32 Grad aufstellen lässt.

Ein Cockpit wie von einem anderen Stern

Geradezu fantastisch muten auch die Instrumente des Caimano an. In denen stehen nämlich die Zeiger fest, und stattdessen drehen sich die zylinderförmigen Skalen. Natürlich gibt es Klappscheinwerfer, um nur ja eine möglichst geschlossene Frontpartie hinzukriegen, und es gibt bizarr gestaltete Felgen, um dem Eindruck des Runden entgegenzuwirken. 1971 zählte nur die Kante, der Knick, der Keil.

Der leichte Knick in der vorderen Haube wiederum ist dem darunterliegenden Motor geschuldet. Bei dem handelte es sich um das Serienaggregat des Alfasud, einen 1,2-Liter-Vierzylinder-Boxer mit 68 PS. Auf dem Autosalon in Turin vor 45 Jahren war der Caimano der Star. Und das Kalkül von Alfa Romeo ging ebenfalls auf, denn der Alfasud wurde in den folgenden zwölf Jahren gut eine Million Mal gebaut - so oft wie kein anderes Alfa Romeo Modell.

Das keilförmige Traumauto von damals wiederum steht heute im Alfa-Romeo-Werksmuseum "La macchina del tempo" im Mailänder Vorort Arese. Womöglich schaut sich doch noch einmal ein Designer etwas für ein Serienmodell ab.



insgesamt 20 Beiträge
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f36md2 03.04.2016
1. Nikon-Kameras - ebenfalls gestylt von GG in Italien
So ein Super-Designer wie Giorgio Giugiaro brauchte ab und zu "Freiräume", um zu zeigen, dass es auch extrem laufen kann, außerdem stylte er andere Produkte, zum Beispiel die Nikon-Profikameras Nikon F3, F4 und D4, wirklich sehr gelungene Arbeiten. Unter den Autos aus seiner Feder gefällt mit immer noch der Alfa Romea Giulia, auch der Fiat Panda und einige Traktoren von Deutz sind GG-Entwürfe. So weit mir bekannt ist, hatte er nicht für Mercedes gearbeitet, "spiessiges Design" passte auch nicht zu ihm. Leider klaffte zwischen dem Italo-Design und der italienischen Vearbeitung eine große Lücke. Ein Freund (Design-Fan) kaufte sich damals einen Alfasud, nach einem Jahr rieselte es innerhalb der Heckklappe beim Öffnen derselben - es war der Rost, der schon innen bröckelte. Wieder ein Jahr später zeigte sich die Alfa-Kiste in weiten Teilen durchgerostet. Ein anderer Bekannter wollte unbedingt einen Fiat Ritmo (schönes Auto, ebenfalls von Giurgiaro), auch dieser Wagen hatte relativ schnell "braune Stellen". So kann es gehen!
rathat 03.04.2016
2.
Die Front könnte ein Mercedes C111 sein und auf den Zeichnungen sieht der Wagen eigentlich recht geschmackvoll und zugleich dynamisch aus. Wie ein Klassiker eben. Das Endresultat hingegen kann man trefflich streiten. Allein das Alfa-Logo auf der Motorhaube, was aussieht, wie ein chinesisches Schriftzeichen, bis hin zu dem mMn misslungenen Stummelheck. Dieser Wagen zeigt: es gibt Wagen, die sollten für immer eine wunderschöne Zeichnung bleiben, denn die Illusion ist manchmal schöner als die Realität.
rompipalle 03.04.2016
3. Der rieselnde Rost.....
Das war der Selbstbetrug bei Fiat und dem italienischem Staat. Wenn man die alte Productions Straße nach Russland (Fiat Lada!) eintauscht/vertauscht gegen Russischen Stahl aus der Planwirtschaft.... P.S. Aber in der Epoche hatten so viele Hersteller Probleme mit dem Durchrosten.
crunchy_frog 03.04.2016
4.
Sehr schöner Bericht über eine bemerkenswerte Studie, die nun nicht wirklich jeder kennt. Kleines Update: das Original steht nicht mehr in Mailand, sondern lässt sich in der Klassikstadt Frankfurt besichtigen.
pevoraal 03.04.2016
5. Rost
Die ersten Golf kamen schon rostig beim Kunden an - selbst erlebt beim weißen 1.3 Golf mit Rost an der Dachkannte ( hatten die Wagen früher - wie Regenrinne)
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