Tagebuch Allgäu-Orient-Rallye, Teil 2: Ballern bis Baku

Allgäu-Orient-Rallye, Teil zwei: Jetzt wird's Ernst Fotos
Dana Sinaida Ersing

Auf die harte Tour: Ende April brach Paul-Janosch Ersing in einem alten Mini zur Allgäu-Orient-Rallye auf - und postete Bilder vom Trip aus Deutschland nach Aserbaidschan auf dem Facebook-Kanal von SPIEGEL ONLINE. Fehlt nur noch ein ausführlicher Abschlussbericht. Hier ist der zweite Teil.

Die Rallye-Organisatoren hatten sich für Istanbul allerhand ausgedacht, aber wir verzichteten auf das illegale Rennen mit Le-Mans-Start quer durch den Berufsverkehr. Mit einer Stunde Vorsprung nahmen wir die Autofähre, die uns zum asiatischen Teil der türkischen Metropole brachte.

Auch auf dem neuen Kontinent rannten die kleinen Autos ohne Probleme. Die einzige Meldung aus der Kategorie Fahrzeugwartung: Fireman, der rote Mini, hatte im Laufe der Rallye einen leicht erhöhten Öl-Durst entwickelt. Jeden Morgen wurden einige Schlucke nachgefüllt, das war's aber auch schon.

Während die Routenauswahl von Oberstaufen bis Istanbul jedem Team vollkommen selbst überlassen war, enthielt das Rallye-Roadbook ab Istanbul für jeden Abend ein anzufahrendes Etappenziel. Wir aber wollten so schnell wie möglich ans Schwarze Meer und entschieden uns für den Regelbruch. Damit waren wir raus aus der Wertung, aber mit unseren nicht eben übermotorisierten Minis hatten wir eh keine echten Siegschancen.

Wie man bei der Rast zu Starruhm kommt

Statt nach Corum im Landesinnern zu fahren, steuerten wir das historische Städtchen Safranbolu an. Etwas mehr als 300 Kilometer türkische Landstraße lagen vor uns, die perfekte Tagesdistanz für einen alten Mini. Rückblickend war uns schleierhaft, wie wir am zweiten Rallye-Tag knapp 700 Kilometer (von Ljubljana nach Dubrovnik) schaffen konnten.

Am nächsten Tag erreichten wir zur Mittagszeit das Schwarze Meer. Graues Meer traf es besser, derart dicht war der Nebel. Zudem regnete es in Strömen. Beim Mittagessen - wie gewohnt gab es Pide, Börek oder Kebab - wurde ein Kollege der Lokalzeitung auf uns aufmerksam und bat um Interview samt Gruppenfoto. Tags darauf landete ein Link zum Zeitungsartikel in unserem elektronischen Postfach.

Am neunten Rallye-Tag bauten wir in Samsun zum ersten Mal seit dem Start der Rallye unsere Zelte auf und rollten Isomatten und Schlafsäcke aus. Dank Ohrstöpsel und enormer Müdigkeit war die Schlafqualität bei einigen Team-Mitgliedern überraschend gut. Andere bekamen kaum ein Auge zu und drohten am nächsten Morgen mit Abreise, sollten wir noch einmal inmitten 600 trinkfester deutscher Landsleute campieren. Wir waren uns schnell einig, dass es bei diesem einen Mal bleiben wird.

Das Wetter ist schlecht, die Stimmung im Team bescheiden

Der Abschnitt von Samsun nach Trabzon (330 Kilometer) führte immer an der Küste entlang und war aufgrund des schlechten Wetters und der bescheidenen Stimmung im Team aber eher trist. Als Gegenmittel zu dem sich anbahnenden Gruppen-Koller entschieden wir uns für einen Umweg zu einem der Glanzlichter der Schwarzmeerregion: das Kloster Sumela, 45 Kilometer südlich von Trabzon. Die Fotos im Reiseführer waren beeindruckend, das griechisch-orthodoxe Kloster scheint am Felsen zu kleben.

Ohne Murren bewältigten die drei Minis die steile Passstraße, doch dann endete die Fahrt im dichten Nebel. Während ein Teil des Teams das Klostergebäude besichtigte, eröffnete uns ein Getränkeverkäufer auf dem Parkplatz seine ganz eigene Wahrheit über Sumela: "Nebel ist hier üblich, und es regnet eigentlich fast immer - etwa sieben Monate im Jahr. Die restlichen drei Monate ist die Straße meistens gesperrt, weil zu viel Schnee liegt."

Es dämmerte bereits, als wir die Abfahrt zurück ins Tal antraten. Die vor uns liegende Straße führte weg vom Schwarzen Meer, über hohe Berge - und befindet sich gegenwärtig im Bau. Schwere Lastwagen kamen uns entgegen, die langsam in der Dunkelheit verschwindende Landschaft war schroff. In der auf 1150 Metern Höhe liegenden Stadt Gümüshane ("Silberhaus") ergatterten wir mit etwas Glück noch freie Zimmer in einem an eine Tankstelle angeschlossenen Hotel.

Werkstattbesuch von "Fireman"

Auf dem Weg nach Kars, dem nächsten Etappenziel, machten wir in Erzurum Rast. Der rote Mini musste in die Werkstatt. Insgeheim hatten alle im Team angesichts des heftigen Klapperns aus der Gegend des rechten Vorderrads mit einer ernsten Panne gerechnet. Doch es war nur ein loses Ankerblech, ein Schutz vor Verschmutzung der Bremse. Werkstattbesitzer Osman schob den Wagenheber unter den Mini und drei Minuten später war das Problem mit Muskelkraft beseitigt - wir fuhren ohne Ankerblech weiter.

Eine Fahrt vom Allgäu in den Orient bietet allerhand Überraschungen, darauf waren wir eingestellt. Am Grenzübergang nach Georgien wartete dann auch schon die nächste: Die Zöllner waren freundlich, die Einreise verlief problemlos - allerdings führte unsere Frage nach dem Abschluss einer temporären Kfz-Versicherung zu Stirnrunzeln. Nein, so etwas gäbe es hier nicht.

Nun gut, dachten wir, dann fahren wir also noch vorsichtiger als ohnehin schon. Leider wurde bereits nach wenigen Kilometern klar, dass wir hier die einzigen Verkehrsteilnehmer mit derartigen Vorsätzen waren: Nirgendwo sonst auf der gesamten Rallye war die Anarchie auf den Straßen größer als in Georgien. Als ein voll beladener Lkw knapp an uns vorbeirauschte, bedankten wir uns herzlich bei unseren Schutzengeln. Ein paar Zentimeter Abstand weniger und auch eine Kfz-Versicherung hätte nicht mehr viel gebracht.

Bizarre Rituale an der georgischen Grenze

Nach anderthalb Tagen in Tiflis näherten wir uns der aserbaidschanischen Grenze. Der Abschied aus Georgien bot ein irres Potpourri aus Eindrücken: Die letzten Kilometer schlichen wir hinter einem Militär-Konvoi her, und am Grenzübergang zeigten uns Segway fahrende Zöllner ihre Lieblingslieder im MP3-Format, die sie offensichtlich den ganzen Tag über die Beschallungsanlage des Grenzpostens in Richtung Aserbaidschan spielten.

Sechs Stempel und etwas Offiziers-Small-Talk später - inzwischen waren wir darin recht geübt - rollten die Minis auf aserbaidschanischen Boden. Hinter einem Reisebus kam plötzlich ein Polizei-Jeep hervorgeschossen, der sich mit eingeschaltetem Blaulicht an die Spitze unseres Mini-Konvois setzte. Mit einer derart offiziellen Begrüßungszeremonie hatten wir nicht gerechnet. Bis in die 140 Kilometer entfernte Stadt Gäncä wechselten sich die Polizeiautos alle paar Kilometer ab, und auf Dauer wurde uns die Dauerüberwachung unangenehm. An einer Tankstelle gelang es uns endlich, unsere Aufpasser abzuschütteln.

Ohne Polizeieskorte war die Fahrt durch das Zielland unseres Abenteuers wesentlich spannender und entspannter zugleich. Die Menschen am Straßenrand winkten uns wieder zu. "Germany, very good", radebrechte der Betreiber eines kleinen Straßencafés. Weil er von unserem Besuch derart überwältigt war, weigerte er sich, das ihm zustehende Geld für den Tee anzunehmen. Die letzte Nacht vor der Zielankunft in Baku blieben wir in Scheki, am Fuße des Großen Kaukasus. Hinter den über 4000 Meter hohen Gipfeln liegt Russland. Europa war weit weg.

Verkehrschaos in Baku

Wir konnten kaum glauben, dass die Fahrt bald zu Ende sein sollte. Die wüstenartige Landschaft rechts und links der schnurgeraden Schnellstraße nach Baku war alles andere als einladend. Oft hatten wir uns ausgemalt, wie Baku plötzlich aus dem Nichts am Horizont auftaucht. Aber die aserbaidschanische Hauptstadt steckte unter einer dichten Dunstglocke, nicht mal die im Reiseführer erwähnten Ölförderanlagen waren zu sehen.

Erst kurz vor Erreichen des Küstenboulevards sahen wir zum ersten Mal das Kaspische Meer. Da waren wir dann schon mitten im Verkehrschaos - und von einer organisierten Rallye-Zielankunft fehlte jede Spur. Nach einer guten Stunde beendeten wir die erfolglose Suche nach anderen bereits eingetroffenen Teams und fuhren ins Hotel.

Während uns die Nachricht erreichte, dass die anderen Teams auf einen staubigen Platz etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt gelotst worden waren, hatten wir einen wichtigen Termin: Beim örtlichen BMW-Importeur, der zu Ehren unserer Ankunft einen Empfang organisiert hatte, wollten wir unsere Autos möglichst gewinnbringend loswerden.

Minis im Dreierpack

Glücklicherweise äußerte ein älterer Herr Interesse an unseren Minis, er wollte sie im Dreierpack kaufen und künftig für Werbemaßnahmen nutzen. Das war insofern bemerkenswert, da alte Autos in Aserbaidschan nicht gern gesehen sind. Alles, was älter als 15 Jahre ist (oder die Euro-2-Norm nicht erfüllt), erhält hier keine Zulassung mehr. Der Youngtimer-Kult ist am Kaspischen Meer noch unbekannt.

Vier Stunden nach dem entscheidenden Handschlag wurden wir am Hotel abgeholt, und die drei Minis fuhren zum letzten Mal mit deutschen Kennzeichen. Zur Übergabe an den Käufer ging es quer durch das nächtliche Baku, vorbei an den zahlreichen Lichtinstallationen. Der Tisch auf der Terrasse war gedeckt, Tee und Kaffee standen bereit. Während die Fahrzeugpapiere und die Pässe kopiert und die zweisprachigen Kaufverträge verfasst wurden, hielt der neue Mini-Eigner eine spontane Rede über die wirtschaftliche Lage Aserbaidschans.

Zurück im Hotel durchstöberten wir die Blogs der anderen Teams und waren schockiert über die dort erhobenen Vorwürfe. Was mit den 300 deutschen Gebrauchtwagen passieren sollte, die es nach Baku geschafft hatten, war offensichtlich völlig unklar. Empörung über das Rallye-Organsiationskomitee und Enttäuschung über die wenig feierliche Ankunft in Baku wechselten sich ab.

Schon am nächsten Morgen stieg der gesamte Tross trotz allem in drei Charter-Maschinen und flog nach Jordanien - wir aber blieben in Baku. Während der in Jordanien abgehaltenen Siegerehrung trat Cheforganisator Wilfried Gehr ans Rednerpult (Auszüge der Rede gibt es hier).

Der Auftritt zeigte ein Stück weit auf, weshalb sich die Allgäu-Orient-Rallye als "eines der letzten automobilen Abenteuer dieser Welt" bezeichnet: Abenteuerlich waren nämlich nicht nur die Strapazen unterwegs, sondern auch die mitunter etwas kindliche Naivität der Veranstalter. Wer beim nächsten Mal dabei sein will, sollte sich darüber im Klaren sein.

Den ersten Teil des Rallyetagebuchs finden Sie hier.

Den Vorbericht zur Allgäu-Orient-Rallye finden Sie hier.

Paul-Janosch Ersing (30) ist freier Journalist und lebt in Tübingen. Gemeinsam mit TV-Moderator Andreas Jancke betreibt er das Independent-Videoblog www.temporama.de. Über die Allgäu-Orient-Rallye 2012 berichtete er täglich live auf der Facebook-Seite von "Spiegel Online Auto".

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Jochen aus F 27.05.2012
Tolle Bilder. Ein irrer Trip. Da würde ich die Enttäuschung über die mangelnde Organisation ausblenden. Die Reise habt Ihr für Euch gemacht, nicht um zu gewinnen, und es ist auch völlig nebensächlich, ob in Aserbaidschan der Erlös der Gebrauchtwagen erst irgendwelchen Weltverbesseren zufällt, oder auf direktem Weg bei den örtlichen Clans versickert.
2. AOR ist halt anders
wuestensanitaeter 29.05.2012
wie gesagt, um das mit zu machen, muss man schon " gesund sein " ! kaotisch von anfang bis ende - aber spaß machts man bereitet sich ein jahr vor - und wie geschrieben - kommt doch alles anders. einer dreht dann immer am rad und eines von drei autos bekomt immer probleme wenn ich nochmal 3000 euro übrig habe würde ich es nochmal machen - es ist eben einfach was genial gans anderes Ingo - wüstensanitäter 2011
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