Alte Jeeps in den Anden Packesel mit Ausdauer

Hunderte Jeep-Modelle aus den fünfziger Jahren leisten in den kolumbianischen Anden bis heute Schwerstarbeit. Das Modell, mit dem die US-Army 1945 in Deutschland eingezog, dient in Südamerika als Transporter für Lebensmittel, Möbel und Menschen.

Von Peter Marz


Yesid Mora lächelt verlegen: Die Frage, wie viele Kilometer seine Valentina auf dem Buckel hat, überfordert ihn. Der rote Jeep, benannt nach seiner sechsjährigen Tochter, wurde 1954 gebaut, und der Kilometerzähler verharrt seit Monaten auf 20.133. Lieber fragt er einen älteren Kollegen, der ebenfalls auf Passagiere wartet. "Luis, was meinst du, wieviel hat der wohl drauf?" Der Angesprochene - graues Haar, Brille, Cowboyhut - wienert gerade das Gestänge seines Jeeps Baujahr 1952. "Über eine Million Kilometer auf jeden Fall", schätzt Luis. Die beiden Männer leben in der Kleinstadt Calarcá in der kolumbianischen Kaffee-Provinz Quindío.

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Jeep: Bergkönig auf vier Rädern
Allein dort verkehren über 150 Jeeps, im ganzen Land dürften es Tausende sein. Das Modell, mit dem die US-Army einst in Deutschland einzog und Jeep zum Synonym für Geländewagen machte, ist in Kolumbien eine lebende Legende - und hoch geschätztes Transportmittel auf unwegsamen Andenhängen. Viele der Geländegänger sind älter als ein halbes Jahrhundert. Hergestellt wurden sie von Willys-Overland in Toledo, Ohio. Yesid hat seinen seit acht Jahren; damals kostete er 7,5 Millionen Pesos, heute rund 2600 Euro.

15 Passagiere auf der Ladefläche

Der 37-Jährige - dunkler Teint, freundliche Augen, militärisch kurzes Haar - lenkt mit der rechten Hand, die Linke ruht entspannt im offenen Fenster. Mit ungefähr 40 Stundenkilometern tuckert er durch Calarcá, doch die Tachonadel zeigt auf Null. Wie immer streikt auch der Kilometerzähler. "Der ist bei den meisten kaputt", sagt er, "das kommt vom vielen Rückwärtsfahren."

Ein Ruck erschüttert den Jeep, der Zündschlüssel fällt aus dem Schloss - den Motor stört das wenig. Yesid fischt den Schlüssel vom Blechboden, behält ihn in der linken Hand und fährt weiter. Fünf Minuten später entschließt er sich, ihn wieder ins Schloss zu stecken. Zwei Passagiere sitzen neben ihm, und 15 drängen sich auf der Ladefläche, darunter zwei kleine Jungen, ein Angler und sechs Plataneros, Tagelöhner auf dem Weg zur Bananenernte an den Andenhängen oberhalb von Calarcá.

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Patrik Dietrich
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Eigentlich seien nur zehn Passagiere erlaubt, sagt Yesid. Aber die Polizei drückt ein Auge zu. "Man kann die Leute ja nicht einen halben Tag warten lassen bis zur nächsten Fahrt." Yesids bedrucktes T-Shirt schmücken Wörter wie "Speed-Generation" und "Diesel". Über das erste mit der Geschwindigkeit würden seine Freunde lächeln, denn sie bezeichnen den Jeep spöttisch als "Tortuguita" - "kleine Schildkröte". Aber trotzdem will Yesid einen Dieselmotor einbauen. Auf den steilen Pfaden, über die er täglich schaukelt, schluckt seine Valentina jetzt rund 15 Liter Benzin auf 20 Kilometer.

Tausend Kilo Ladung sind kein Problem

Er biegt in einen Feldweg ein. Vorbei an Kaffeeplantagen und Bananenstauden geht es bergauf. Unten im Tal ziehen milchige Wolkenstreifen über eine tiefgrüne Ebene, und ab und zu fallen ein paar Regentropfen. Die meisten Routen werden zwei bis dreimal täglich befahren, sie führen zu entlegenen Weilern wie Granada, Yesids heutigem Ziel. Kaum jemand besitzt dort einen Geländewagen - ohne die Offroad-Taxis müssten die Bauern mehrere Stunden marschieren, um in die Stadt zu gelangen.

Auch für den Transport von Kaffee und Kochbananen sind die Willys unentbehrlich. Rund tausend Kilo Ladung verträgt das 1,3 Tonnen schwere Gefährt. Calarcá ist im ganzen Land berühmt für seinen Yipao-Wettkampf, bei dem die Wagen so schwer und fantasievoll wie möglich beladen werden. Käfige mit Truthähnen, Hühnern und Ziegen sieht man da, Möbel aller Art, gekrönt von Fernsehern, Grammophonen, einem Jesusbild und, wenn möglich, dem Opa. Offenbar schwindelfrei, thront er in zwei Meter Höhe auf einem Holzstuhl und winkt ins Publikum, das Spalier steht, während die Jeeps langsam durch die Straßen defilieren.

An Yesids Rückspiegel kleben ein Bündel Weizenähren und ein fleckiger 2000-Pesos-Schein, Talismane, die Brot und Geld bringen sollen. Und an der Handbremse hängt ein Baby-Stiefelchen der Tochter. "Auch das ist ein Glücksbringer", schmunzelt Yesid. Ans Bremspedal hat er ein winziges "Escapulario" gebunden, ein Stück Schnur mit einem fingerkuppengroßen Medaillon der Heiligen Jungfrau.

Kaum Gegenverkehr für den Willy

Gegenverkehr bleibt aus auf dem engen Pfad, abgesehen von einem Reiter und zwei Motorradfahrern auf Geländemaschinen. Vor einem kleinen Bauernhof wartet ein junger Mann mit einem Sack Kaffeebohnen. "Kannst du den für mich verkaufen?" Yesid nickt: "Ja. Ich verkaufe ihn bei Jaime und bringe dir das Geld und die Quittung." Er hievt den Sack aufs Dach und verzurrt ihn mit einem Strick.

Der Kilometerzähler steht noch immer auf 20.133, als Yesid gegen 9 Uhr nach Calarcá zurückkehrt. Valentina ist Stammgast in der Werkstatt. Und doch: "Der Wagen, der einen Willys ersetzt, muss noch erfunden werden", ist der Kolumbianer überzeugt. "Diese Kraft, diese Bodenhaftung. Auch wenn er in Schräglage gerät, umkippen tut er so leicht nicht."



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