Ambiente-Beleuchtung: Lichtblick am Autohimmel

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Ambiente-Beleuchtung: Es werde Licht Fotos
Hella

Früher gab es eine Leselampe im Auto. Heute inszenieren die Hersteller in ihren Neuwagen abgedrehte Farbwelten. Was auf den ersten Blick als Esoterik-Gedöns erscheint, erfüllt einen höheren Sinn - es soll den Fahrer weiterhin fürs Autofahren begeistern.

Hartmut Sinkwitz sieht am liebsten Blau. Auf dem Weg zur Arbeit mache Azur ihn einfach wach. "Blaues Meer, blauer Himmel", assoziiert der 47-jährige farbverliebt durchs Telefon, "Blau ist Teil der Natur." Bei ihm wirke die Farbe einfach belebend und stimmungsaufhellend. In seinem Dienstwagen, einer Mercedes S-Klasse, strahlt alles im kühlen Licht: der Fußboden, die Türen, die Mittelkonsole. Sein Wagen, bei Tag und bei Nacht: eine blaue Lagune.

Sinkwitz leitet bei Mercedes das Innenraumdesign. Statt den Modellen nur eine Farbe für die Innenraumbeleuchtung zu gönnen, ließ er ab A-Klasse aufwärts eine moderne Lichtorgel einbauen.

"Mondlicht-Blau", "Sonnenuntergang-Orange" oder "Dämmerrot", heißen beispielsweise drei von sieben wählbaren Tönen in der neuen S-Klasse mit Ambientelicht. Auch Mini, Opel, Land Rover und andere Hersteller folgen dem Trend zum Farbfeuerwerk. Jugendliche Autos sollen dadurch noch mehr den Szeneclub geben, langweilige Beamtenlimousinen den tiefenentspannenden Ruheraum. Außerdem verbessert ein wenig Innenlicht bei Dunkelheit die Sicht nach draußen, fand die Technische Universität Ilmenau heraus.

Im Stau stehen mit Massagefunktion und Mondlicht-Imitat

Was auf den ersten Blick als lustiges Gimmick oder als Esoterik-Gedöns daherkommt, bringt eine bittere Wahrheit ans Licht: Weil das Auto durch Staus in Metropolen Schwäche zeigt, müssen die Ingenieure neue Stärken erfinden. Klassische Disziplinen wie Motorleistung oder Beschleunigungswerte verlieren für den Kunden an Bedeutung. Im Stau zählen andere Werte. Wenn schon stehen, dann aber bitte mit Massagefunktion, Meditationsmusik und Mondschein-Imitat. Gerade Licht ist da ein bewährtes und vergleichsweise billiges Mittel, um eine Wohlfühlatmosphäre zu zaubern.

Durch die Anfang des Jahrhunderts massentauglich gewordene LED-Technik mit ihren Mini-Lämpchen ist dieses Speziallicht erst möglich geworden. Sie geben weniger Wärme ab, passen in die letzte Ritze, sind sparsam und gehen kaum kaputt. In der aktuellen S-Klasse sind über 120 Leuchtdioden für Ambientelicht im Innenraum verbaut. So ist beispielsweise der Bildschirm von einem komplett umlaufenden leuchtenden Farbband umhüllt, dadurch scheint dieser frei in der Luft zu schweben.

Zunächst führten die Autobauer den Lichterzauber in den Top-Modellen ein, Mercedes erstmals 2005 in der S-Klasse. In zwei, drei Jahren fährt jeder Neuwagen auf Europas Straßen damit, glaubt der Entwicklungsleiter Innenlicht, Herbert Wambsganß des Lichtspezialisten Hella. Dann werde der Trend auch die weltweiten Wachstumsmärkte erreichen.

Senioren stehen auf Minttöne, Frauen fliegen auf Amber

Durch die Massenproduktion wurde das luxuriöse LED-Licht weiter demokratisiert: "LEDs sind auf einem Preisniveau angekommen, das es ihnen ermöglicht, mit er Glühlampe zu konkurrieren", erklärt Wambsganß. Allein 30 Prozent des Gesamtumsatzes von etwa 200 Millionen Euro seines Bereiches steuert das Ambientelicht bei, Tendenz steigend. Für Hella ist der Farbtrend im letzten Jahrzehnt zum Wachstumsbringer geworden.

Um den Pkw-Herstellern die moderne LED-Technik schmackhaft zu machen, fahren Wambsganß' Kollegen bei den Autobauern mit einem Innovationsfahrzeug vor, das mehr Farben kennt als jeder Schulmalkasten. Ein Passat, der auf Knopfdruck die Farbe des Innenraumlichts wechselt - von Eisblau bis Lila. Jeder noch so schrille Ton kann durch die sogenannte RGB-Technik gemischt werden. Bei der stecken in einer Leuchtdiode gleich drei Chips für die Farben Rot, Grün und Blau. Auch sogenannte organische Leuchtdioden (OLED), selbstleuchtenden Flächen, die heute schon bei hochwertigen Smartphone-Displays, Fernsehgeräten oder Digitalkameras zum Einsatz kommen, sind schwer im Kommen. Audi entwickelte im Rahmen eines Forschungsprojekts OLED-Heckleuchten für den Sportwagen TT. Mercedes nutzt diese bei der E-Klasse für die Temperaturanzeige der Klimaanlage. Für den großflächigen Einsatz sind OLEDs aber noch nicht ausgereift genug und zu teuer.

Unabhängig vom Preis stehen die Farbpräferenzen der Kunden fest: Frauen fliegen auf goldbraune Ambertöne, Männer lieben blaue Innenräume und Senioren bevorzugen Minttöne, sagt eine Untersuchung von Hella. Daimler fand bei einer Kundenakzeptanz heraus, dass Weiß und Blau die geringsten negativen Gefühle wecken - ausgerechnet die Farben, die der Erzkonkurrent BMW im Emblem trägt. Für Designer Sinkwitz ist das kein Problem. Auch bei seiner nächsten Heimfahrt lässt er sich von kühlem Blau umgeben. Kein ordinäres Blau, sondern ein Ton, an dem Daimler die Exklusivrechte hält.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Blauton patentiert?
arctic_girl 31.12.2013
Werden jetzt langsam alle Mischfarben Eigentum von Konzernen? Magenta bei Telekom und jetzt indigo bei Daimler? Bedenklich, Bedenklich
2. Ich...
maxmehr2008 31.12.2013
...finde das prima. Habe auch im Wohnzimmer LED Ambientebeleuchtung und finde es toll, dass man auf Knopfdruck so schnell unterschiedliche Ambiente schaffen kann. Eine verspielte aber coole Sache.
3. Ein exclusives BLAU
ctwalt 31.12.2013
das NUR Mercedes benutzen darf.......... Nein, wie exclusiv aber auch :-(
4. range rover evoque wer weg will vom mainstream
andreas.breu 31.12.2013
hat hier nicht nur eine alternative sonder definitiv das bessere angebot! sie sollten sich mal den range rover evoque ansehen, hier kann unter verschiedenen farben gewählt werden und die anordnung der effekte ist schlichtweg genial gewählt..., ich habe mich in noch keinem anderen auto so wohl und behaglich gefühlt.... respekt! davon können sich unsere deutschen "vorzeigeautobauer" mal ne scheibe abschneiden!!! betrifft im übrigen nicht nur die ambientebeleuchtung sondern auch den ganzen rest der ausstattung & verarbeitung & design und das zum einstiegspreis von € 33.100,--. adieu ihr GLK´s, X´s, Q´s & tiguans...
5.
Flari 31.12.2013
Zitat von sysop...*Kein ordinäres Blau, sondern ein Ton, an dem Daimler die Exklusivrechte hält.*
Jetzt muss man also schon schnell selber eine Farbe reservieren, bevor sie alle sind? Müssen jetzt Lichtmischpulte eine Sperre für das Daimlerblau aufweisen oder sonst Lizenzgebühren löhnen, bzw. werden ansonsten abgemahnt? Wie sieht es mit den TFT-Displays in den Autos aus? 10 mio Farben abzgl. denen, die gerade jemand für sich registriert hat?
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