Architekten als Autodesigner: Die Disziplinlosen

Von Matthias Penzel

Sie entwerfen Städte als Lebensräume für Menschen, Mobilität gehört für sie genauso zum Leben wie die Häuser, die sie bauen. Architekten blicken gerne über den Tellerrand ihrer Disziplin. Manche wagten sich ans Auto - und schufen echte Klassiker.

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Automobiles Citroën

Citroën 2CV: Die Form folgt der Funktion

Sie geben der Stadt Gesicht und Identität, ihre Meisterwerke überdauern Jahrhunderte: Architekten und Baukünstler genießen seit der Antike in sesshaften Kulturen große Anerkennung. Autodesigner haben es da schwerer. Einige erlangen zwar Berühmtheit, wie Bertone oder Pininfarina - doch in der Regel bleiben sie so namenlos wie die Lieferanten von Bildern an Hotelzimmerwänden. Designikonen des Automobilbaus bleiben zwar in Erinnerung, doch ihre Schöpfer nur in Ausnahmefällen. Sie sind Dienstleister.

Die Idee des Industrie-Designs ist nach den ersten Automobilen aufgeblüht. Carl Benz baute um seinen Patentwagen noch gar keine Karosserie, sein Apparat wurde gestaltet wie andere neue Medien jener Zeit. Wie bei Werkzeugen der Steinzeit oder frühen Telegrafen rangierte die Funktion vor der Form. Wer für sein Auto eine ansprechende Form wollte, griff zurück auf ein althergebrachtes Format: das der Kutsche, nur eben ohne Deichsel, aber immer noch so breit wie zwei Pferde nebeneinander. Kutschenbauer wurden Karosseriers - die zum Beispiel für Rolls-Royce das Kleid um den Motorwagen maßschneiderten.

Ästhetik des Luftwiderstandsbeiwerts

Mit zunehmender Zahl in Massen gefertigter Konsumgüter gewann die Verpackung an Bedeutung. "Die Stromlinienform", schrieb der Gestalter Otl Aicher 1984 in "Kritik am Auto", "war nahe daran, eine Stilform des Jahrhunderts zu werden, wie der Spitzbogen für die Gotik". Passend dazu war das Auto für frühe Architekten des Industriezeitalters ein willkommenes Vehikel, um besonders zwischen den Kriegen zu demonstrieren, dass pragmatische mit sinnlichen, funktionale mit ästhetischen Ansprüchen kombinierbar sind.

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Autos und ihre Epoche: Die Geschichte-Erinnerer
Für Le Corbusier war "Kommende Baukunst" (im Original "Vers une architecture" von 1923) sowohl statisch und aus Stein, aber auch in Bewegung und mit Chrom. Seine "Wohnmaschine" Maison Citrohan ist in mehr als der Namensgebung ein Kniefall vor André Citroën, seine städtebauliche Vision für Paris, den "Plan Voisin" sponserte der ehemalige Flugzeughersteller Voisin, dessen Exklusivmobile wiederum von kubistischen Ideen Le Corbusiers profitierten (und dessen Voiture Minimum vom "Goldenen Schnitt").

Auf der anderen Seite des Atlantiks dekorierte Frank Lloyd Wright das neue Ideal amerikanischen Häuserbaus gern mit Automobilen, umgekehrt nutzte der Autoriese General Motors Bauten von Wright als Kulisse, um seine neuen Modelle anzupreisen. Fortschrittliche Architektur und schnelle Automobile, so die Botschaft, gehören beide zum Leben des Erfolgsmenschen.

In einem Punkt galt das Auto Le Corbusier und vielen anderen Architekten sogar als leuchtendes Vorbild: Wenn ein derart kunstvolles und komplexes technisches Gebilde in großen Stückzahlen in großen Stückzahlen und dazu auch noch vergleichweise billig zu produzieren ist, dann müsste dies doch auch im Hausbau möglich sein. Logisch mit den entsprechenden Folge für die Ästhetik - und Grund genug, sich intensiv mit dem Thema Auto zu beschäftigen.

Was Baukunst und Autobau außerdem gemeinsam haben? Neben der vor hundert Jahren neuen Idee, dass etwas Funktionales nicht nur funktionieren, sondern dem Auge gefallen muss, suchen die Entwickler beider Disziplinen emsig nach neuen Werkstoffen, um ihre hochfliegenden Ideen in die Tat umsetzen zu können. So wie Walter Benjamin Eisen als revolutionäres Baumaterial des 19. Jahrhunderts sah, repräsentiert Aluminium für Architekten und Autobauer die Neuzeit. Kunststoffe für die Peripherie mit Karbon an der Spitze der Hightech-Skala mit verlockenden Aussichten für die Zukunft.

Autoanhänger als Stilleben

Passend dazu Marcel Breuers Haus in Hudson Valley, dessen streng gestaltete Wohnelemente an einen für die fünfziger Jahre typischen Alu-Caravan angedockt sind. Das elegante Drive-in-Landhaus als Kathedrale, Architektur-Ikone des 20. Jahrhunderts. Autoanhänger als Stilleben.

Die Disziplinen sind allerdings auch sehr unterschiedlich: Zwar entwerfen die Zeichner von Autos ebenso wie die von Gebäuden alltägliche Gebrauchsgegenstände, zwar sind beide den jeweils aktuellen Moden unterworfen und nur wenige stilprägend - doch letzten Endes ist die Lebenszeit eines Automobils kürzer als die eines Hauses. Nach den Künstlern der Moderne, die noch oft in mehreren Disziplinen tätig waren, kam die Spezialisierung, gesonderte Studienzweige für Möbel- oder Autodesign, Häuser- oder Straßenbau.

Unterrichtet wird Autodesign an kaum mehr als einer Handvoll nennenswerter Hochschulen weltweit. So wie in der Architektur der Statik eine tragende Funktion zukommt, so muss inzwischen jedes Auto vielen Vorgaben und Gesetzen gerecht werden. Wenn Pkw-Hersteller heute Architekten beauftragen, dann zumeist für Entwürfe von Parkplätzen, Firmenmuseen - und nur selten en passant für Studien, die Alltagsansprüchen gar nicht gehorchen müssen. Irgendwo dazwischen, schön und nicht immer alltagstauglich sind Tankstellen - wie die von Jean Prouvé in Lörrach, aber auch jene von Wright, Foster, Mies van der Rohe und anderen Bauhaus-Künstlern.

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1. Architekten sind...
Thomas Mainka 19.12.2011
für mich Freud und Leid zugleich. Als Nichtakademiker überlege ich mir oft, wer denn wohl das eine oder andere Bauwerk verbrochen hat. Man hat manchmal den eindruck, dass diese Herrschaften den eigentlichen zweck ihres Schaffens in den Hintergrund stellen: Es geht um Menschen! 1990 zog die Firma Stinnes Baumarkt von Stuttgart nach Esslingen um. Ein Stararchitekt hat sich dabei verwirklicht und es geschafft, dass das Zeichenbüro in einen runden Raum kam. Man sollte anmerken, dass die Wände dieses Raumes zu 30% aus Glas bestanden und man dort Zeichenbretter ohne gegenlicht unterbringen musste. Den Archiktekten darauf angesprochen, bekam ich eine Antwort die einem durchgeknallten junkie gut gestanden hätte. Diese Riege ist für mich unten durch. Wer noch weitere Beispiele braucht, soll sich den neuen Düsseldorfer Hafen ansehen. Ein weiß verputztes Haus muss man unbedingt direkt ans Wasser bauen. Das wird niemals von Algen befallen. Rost läuft auch niemals die Fassade runter. Fazit: bitte lasst diese Kreaturen niemals Autos bauen. Die haben von nix ne Ahnung, aber davon jede Menge. Wer an meine Worten zweifelt, sollte sich die Hortenhäuser ansehen. Das grenzt an Körperverletzung.
2. Stromlinienform
aviateur 19.12.2011
Zitat von sysopSie entwerfen Städte als Lebensräume für Menschen, Mobilität gehört für sie genauso zum Leben wie die Häuser, die sie*bauen. Architekten blicken gerne über den Tellerrand ihrer Disziplin.*Manche wagten sich ans Auto - und schufen echte Klassiker. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,793070,00.html
Ausgerechnet einen Otl Aicher zu bemühen, wenn über die Stromlinienform von Autos räsonniert werden soll, ist ziemlich fehl am Platze. In seiner "Kritik am Auto" entlarvt er sich als einer, der keine Ahnung vom Thema hat. Er hat nicht einmal begriffen, was der Luftwiderstandsbeiwert zu bedeuten hat. So kommt er zu der bizarren Schlussfolgerung, dass ein Kleinwagen (Fiat Uno, wenn ich mich richtig erinnere) aerodynamisch günstiger sei als ein Rennwagen, weil letzterer den höheren cw-Wert aufweise. Aicher war eben nicht nur Gestalter, sondern auch Ideologe.
3. ...
Flans 19.12.2011
So interessant das Thema Architekten als Autodesigner sein könnte, so enttäuschend ist dieser eigenartig inkonsistente Artikel. Man könnte vieles anmerken, doch möchte ich mich auf eine Korrektur beschränken: Der von mir sehr geschätzte Robert Opron hat - insbesondere während seiner Zeit bei Citroën - wegweisendes Design geschaffen, das nicht zu unterschätzenden Einfluss auf zahlreiche Modelle anderer Hersteller in den nachfolgenden Jahren hatte, doch an der Gestaltung des Renault Espace hat er meinem Kenntnisstand nach - wenn überhaupt - nicht maßgeblich mitgewirkt. Dessen Ursprungsidee stammt aus dem Hause Matra und wurde - zunächst für Talbot innerhalb des PSA Konzerns vorgesehen - zu Beginn der 80er Jahre erfolglos bei Citroën vorgestellt, um letztlich bei der Konkurrenz von Renault - sehr erfolgreich - realisiert zu werden. Der erste Entwurf Antoine Volanis von 1979 weist bereits zahlreiche charakteristische Merkmale des Produktionsmodells auf - einige Bilder und ein Abriss der Entstehungsgeschichte findet sich beispielsweise hier (in Französisch): La Renault Espace I 1984-1991 - Anciennes 80's - FORUM Anciennes - FORUM auto mythiques et d'exception (http://www.forum-auto.com/automobiles-mythiques-exception/section5/sujet322118.htm)
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