Audi 100 C4, Baujahr 1991: Mit Hut und Wackeldackel

Moderne Sicherheitsausstattung, solides Fahrverhalten, sparsamer Verbrauch und nach 18 Jahren keinerlei Rost - dafür nimmt SPIEGEL-ONLINE-Leser Björn Theis mit seinem Audi 100 gern in Kauf, von seinen Kollegen liebevoll als Sonntagsfahrer beschimpft zu werden.

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Björn Theis über das Leben mit seinem Audi 100, Bj. 1991, 2,8 l Hubraum, 174 PS.

Fahrer mit Hut - fährt immer gut! Wenn es ein Auto gibt, auf das dieses Vorurteil zutrifft, dann ist es wohl der alte Audi 100. Schon vor etlichen Jahren hatte mir mein Opa einen Lodenhut in München gekauft. Der gehörte damals zur typischen Ausstattung eines Audi-100-Fahrers, zumindest in Bayern. Mit der Anschaffung zähle ich auch zu dieser Spezies. Als Enddreißiger passe ich zwar nicht ins Klischee des Sonntagsfahrers, doch ginge es nach meinen Kollegen, bin ich beim Erwerb des Audi 100 automatisch um mehrere Jahrzehnte gealtert.

Trage ich den Hut nicht, liegt er auf der Ablage. Die ist so groß, dass dort problemlos mehrere Kopfbedeckungen Platz fänden - gemeinsam mit einem ganzen Rudel Wackeldackel. Seit meinen Kindertagen steht Audi 100 als Synonym für bodenständiges und großspuriges Autofahren. Er stammt aus einer Zeit, in der ein Slogan wie "Vorsprung durch Technik" noch echten Fortschritt bedeutete. Ausgestattet ist der Wagen mit Procon-ten. Bis zum Kauf wusste ich nicht einmal, was damit gemeint ist; mir waren lediglich die großen Aufkleber auf der Heckscheibe aufgefallen.

Mit Drahtseil um die Lenksäule

Inzwischen habe ich gelernt, dass sich dahinter ein Mechanismus verbirgt, der das Lenkrad bei einem Unfall mittels Drahtseilen blitzschnell vom Fahrer wegzieht und gleichzeitig den Sicherheitsgurt strafft. Zum Glück habe ich das System nie testen müssen, und mittlerweile ist es aus Sicherheitsbedenken wegen der Gefahr für die Beine auch eingestellt worden.

Aktueller Stand der Technik war damals auch das flexible Saugrohr am Motor, durch das der Weg der Luftzufuhr in die Zylinder je nach Drehzahl verkürzt oder verlängert werden kann. Das erhöht die Leistung und spart Sprit. Mein Audi braucht ziemlich genau zehn Liter Super auf 100 Kilometer, egal ob flotte Autobahnfahrt oder Stop-and-Go-Verkehr. Das ist nicht viel mehr als vergleichbare Autos heute.

Die verzinkte Karosse besaß zehn Jahre Garantie gegen Durchrostung - mittlerweile liege ich acht Jahre darüber und habe bisher nicht eine Roststelle entdeckt. Was will man mehr? ABS? Hat er auch. Und einen riesigen Kofferraum mit Skisack. Apropos Skisack: Im Schnee fährt der Wagen dank Vorderradantrieb ausgezeichnet.

Solides Schnurren auf der Autobahn

Seit Sommer 2001 fahre ich den Audi 100 nun. Der Vorbesitzer war damit sehr wenig und schonend unterwegs, entsprechend gut und sehr gepflegt war sein Zustand. Die Probefahrt mit dem Garagenwagen überzeugte mich vollends: ein satter V6-Motor mit 2,8 Litern Hubraum, 174 PS und Fünfganggetriebe. Damit ist der Wagen äußerst gut motorisiert, lässt sich in jeder Lage flott beschleunigen und schnurrt mit Halbgas 180 km/h solide auf der Autobahn. Es ginge auch schneller, aber meine Beifahrerin ("Fahr bitte nicht so schnell") fungiert als Tempomat.

Dank des langen Radstands liegt der Audi gut auf der Straße und stabil in der Kurve. Seine Länge ist jedoch auch ein Nachteil: In den ersten Monaten habe ich jedes Mal beim Einparken in der Tiefgarage die Wand geküsst und bei der Parkplatzsuche in der Stadt hat so mancher Smartfahrer schon geparkt und eingekauft, bevor ich überhaupt eine Parklücke gefunden habe.

Kleine Macken tauchen hin und wieder auf: Die Anzeige für die Kühlwassertemperatur ist defekt. Laut Hersteller liegt das an der Elektronik; zur Reparatur müsste das gesamte Armaturenbrett ausgebaut werden. Darauf habe ich aus Kostengründen bisher verzichtet, zumal die Öltemperaturanzeige zuverlässig funktioniert und ich so stets sehe, ob der Audi zu heiß wird. Einmal musste die Zylinderkopfdichtung gewechselt werden. Der Wagen verlor Öl in der Tiefgarage, und der Hausmeister streute grimmig Sägemehl. Ansonsten ist alles in Ordnung und für die 4500 Euro, die ich damals für den Wagen bezahlte, habe ich sehr viel Auto bekommen.

Ich werde den Wagen wohl bis zu seiner letzten Fahrt behalten. Er hat jetzt 224.000 km runter. Auf welche Ablage ich danach meinen Hut legen werde, weiß ich noch nicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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    Seite 1    
1. Audi C90
jhessemaster 14.06.2009
Gute Nachricht. Ich habe in Kanada einen C90 Quattro, Baujahr 1993. Den 100 gab es hier nicht. Den Wagen liebe ich. Er wurde gebraucht gekauft; der vorige Eigentuemer hat mir nicht gesagt, dass der Wagen einen Unfall hatte. So musste ich vor zwei Jahren einige kleine Roststellen beseitigen lassen. Letzten Monat hat der wagen seine 300,000 Km Marke ueberschritten; und er laeuft und laeuft. Ja, abgesehen vom 'Timing Belt', Brems Erneuerung (Belaege und Scheiben)und EINER Batterie, hatte ich soweit keinen Aerger. Viel Glueck mit Ihrem Wagen. J. Hesse, Kanada
2. Hält noch viel länger.....
Benjowi 14.06.2009
Kann ich nur wärmstens empfehlen-das Auto hält locker 300000 km und mehr und ist für 30 Jahre gut. Dabei sollte man allerdings den "Aggregateträger" im Auge behalten, denn selbst 2mm Stahl ist nach solchen Zeiten im "Salzbad" angreifbar. Das alles gilt übrigens auch für den Nachfolger A6 mit der 6 Zylinder-Maschine. Die Wagen sind in fast allen Belangen den aktuellen Ausgaben ebenbürtig, mäßig im Verbrauch und geradezu unkaputtbar!
3. ...
M. Michaelis 14.06.2009
Zitat von sysopModerne Sicherheitsausstattung, solides Fahrverhalten, sparsamer Verbrauch und nach 18 Jahren keinerlei Rost - dafür nimmt SPIEGEL-ONLINE-Leser Björn Theis mit seinem Audi 100 gern in Kauf, von seinen Kollegen liebevoll als Sonntagsfahrer beschimpft zu werden.
Fahre selbst ein solches Modell und muss sagen, ein robustes, zuverlässiges qualitativ überzeugendes Altfahrzeug. Würde ich jederzeit wieder kaufen.
4. Futuristisch
wakaba 14.06.2009
Zitat von M. MichaelisFahre selbst ein solches Modell und muss sagen, ein robustes, zuverlässiges qualitativ überzeugendes Altfahrzeug. Würde ich jederzeit wieder kaufen.
Sah oft aus wie wenn ein Raumschiff zwischen käsigen 70iger Kisten gelandet ist. Speziell der Avant schwebte geradezu.
5. Mit dem Audi 100 C3 fing es an
philippz 14.06.2009
Der C3 hatte auch 'ne vollverzinkte Karosserie und war das erste wirklich Aerodynamische Auto auf dem Markt. Vor einigen Tagen sah ich einen 7 Jahre alten S-Klasse MB hier in USA auf der Strasse und der hatte schon mehrere Rost stellen. Ich wette dass ein 22 Jahre alter C3 noch rostfrei ist. Danke für die Reportage - hoffentlich gibt es in 100K KM einen update.
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