Audi-Motorrad Z02 "Wir sind doch kein Fahrradhersteller"

1976 liefen beim heutigen Premiumhersteller Audi biedere Kleinwagen wie der Audi 50 vom Band - aber heimlich wurden schwere Motorräder geplant. Roland Gumpert, der Erfinder der Z02, erinnert sich, wie ein humorloser Jurist aus Wolfsburg dem Projekt ein jähes Ende setzte.


Auf so einen Verbündeten hatte der Ingenieur Roland Gumpert gewartet. Mitte 1972 heuerte bei seinem Arbeitgeber Audi ein forscher Hauptabteilungsleiter für Sonderaufgaben an: Ferdinand Piëch. Der neue Mann, er kam von Porsche, sorgte für frischen Wind bei den biederen Autobauern in Ingolstadt. Als einer seiner ersten Maßnahmen peitschte Piëch durch, dass kein neues Modell mehr ohne ausführliche Sommer- und Wintertests in die Produktion gehen solle.

"Das war die Geburtsstunde der Sommer- und Wintererprobungsfahrten. Für die Organisation der nun eingeführten Tests war ich Ferdinand Piëch direkt verantwortlich."

Roland Gumpert hatte Maschinenbau in Graz studiert und 1969 gleich nach dem Examen bei Audi in Ingolstadt angeheuert: zunächst als Versuchsingenieur und dann als Typbegleiter beim Kleinwagen Audi 50. Später war er Abteilungsleiter der Versuchsabteilung, in der er auch seiner Leidenschaft frönen konnte: Motorrädern.

"Ich hatte schon immer an Motorradln rumgeschraubt, meine erste Maschine war eine alte Zweitakter-Puch. Und bei Audi gab es ja die alten Neckarsulmer NSU- und DKW-Leute, die nach Ingolstadt gekommen waren. Zweirad-Tradition und Know-How gab es also noch, und Ferdinand Piëch war ja auf seine Art auch ein Motorrad-Verrückter. Als wir mit der Idee rausgerückt sind, in unserer Versuchsabteilung ein Audi-Motorrad zu bauen, war er sofort begeistert, hat aber gesagt: 'Machen Sie das heimlich. Bevor das rauskommt, müssen wir was Brauchbares vorweisen können.'"

BMW-Motorrad als Grundlage

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Jochen Vorfelder
Jochen Vorfelder ist passionierter Motorradfahrer. Er berichtet seit Jahren über die Bike-Szene und betreibt das Blog Moto1203. In der Rubrik Schräglage berichtet er für SPIEGEL ONLINE regelmäßig über die neuesten Zweirad-Entwicklungen. Alle bisher erschienen Schräglage-Folgen

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Im Sommer 1975 bauten Gumpert, sein Werkstattmeister Bernd Jäger und zwei Mechaniker in einer Ecke ihrer Versuchsabteilung einen kleinen, abgeschlossenen Holzverschlag für ihr klandestines Projekt. Gumpert kaufte bei BMW in Ingolstadt eine gebrauchte R 90S, ließ das Gefährt völlig auseinandernehmen, und pflanzte an Stelle des bayerischen Boxer-Motors ein Audi-Aggregat ein: den 60 PS starken Vierzylinder des Audi 50 mit knapp 1,1 Liter Hubraum. Um den wassergekühlten Trumm mit dem außen liegenden Zahnriemen einzupassen, wurde der BMW-Rahmen flugs passend geschweißt und statt des Kardans eine handgefertigte Schwinge verbaut. Für die Kraftübertragung griffen Gumpert und seine Crew auf eine Kette - das Getriebe und die Kupplung der Versuchsmaschine stammten aus einer ausgeschlachteten Commando des britischen Herstellers Norton.

"Statt den Audi-Vergasern haben wir uns welche von Bing ausgesucht, die Auspuffkrümmer haben wir selber gebaut, genauso die Alu-Deckel, mit denen der Zahnriemen und die Kupplung verkleidet sind. Und das Design war auf der Höhe des damaligen Geschmacks - teilweise natürlich mit den BMW-Teilen, aber auch mit den Gussrädern von Ronal und dem kleinen Handschuhfach im Tank. Ein klasse Motorradl."

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