Australiens legendäre Pritschenwagen Kult um den Känguru-Jäger

Vorne Pkw, hinten Pick-up - die sogenannten Utes gehören zu Australien wie Wombats oder Foster's-Bier. Die Aussis lieben den eigenwilligen Automischling, der seine Existenz einer empörten Farmersfrau zu verdanken hat.

General Motors

Von Stefan Robert Weißenborn


"Hohe Geschwindigkeiten machen mich nervös." Matt, ein hagerer Bursche Mitte zwanzig, steht neben seinem Auto. Die Aussicht von der Flaniermeile The Strand auf den Pazifik vor der Küste von Queensland ist toll. Doch Autonarren wie Matt, die in Australien "Revheads" genannt werden, richten den Blick lieber auf die Straße. Ihm steht der Sinn nach einer gemächlichen Schaufahrt. Die Meile hoch, die Meile runter, wie es viele Besitzer eines getunten Ute tun.

Utes, das sind seltsame Zwitter: Autos auf Pkw-Basis mit der Ladefläche eines Pick-ups und einer geschlossenen Kabine für zwei Passagiere. Quasi die geschrumpfte Ausgabe der Pick-up-Trucks. In Australien sind die kleinen Pritschen nationale Ikonen. Der Ute ist die einzige automobile Erfindung, die vom fünften Kontinent aus ihren Siegeszug antrat.

Auch Matts rollende Ladefläche ist ein Ute, genauer, ein 1973er Holden HQ. "So fährt mein Auto mit 160", sagt er und macht eine schlingernde Handbewegung. Für hohe Geschwindigkeiten sei sein Holden nicht ausgelegt. "Aber beschleunigen kann er." Bereits acht Jahre schraubt Matt, sechs weitere Jahre stehen wohl noch an, bis der Klassiker so ist, wie er ihn haben will: "Anstelle des Reihensechszylinders kommt ein V8 rein, der Lack hat Flecken, und der Innenraum zerfällt schon fast in seine Einzelteile."

Mit einem bösen Brief fing alles an

Um die Utes wird mittlerweile ein Kult betrieben. Sie sind die beliebtesten Schlitten der Tuning- und Restaurateursszene in Down Under, Ford und Holden haben die Pritschen-Pkw seit Jahrzehnten im Portfolio und bieten ab Werk auch Sportvarianten. Seit 2001 rasen bei einer eigenen Rennserie, der V8 Ute Racing Series, Boliden auf Ute-Basis über Rennstrecken. Doch eigentlich wurde die Autogattung aus der Not des ländlichen Arbeitsalltags vor 80 Jahren geboren - Ute, das steht für utility, Nutzwert.

"Warum bauen Sie nicht ein Fahrzeug, mit dem man sonntags zur Kirche fahren und montags die Schweine zum Markt bringen kann?", empörte sich die Gattin eines Farmers in dem Nest Gippsland 1932 in einem Brief an die Ford Fabrik in Geelong im Bundesstaat Victoria. Zwei Autos konnten sich die meisten Farmer damals nicht leisten. Banken gaben zwar Kredite, aber jeweils nur für ein Fahrzeug. So fuhr ihr Mann lediglich einen offenen Arbeitstruck, dessen verdreckte Sitze keinen Schutz vor Wind und Wetter boten.

Der Wunsch vom Lande wurde erhört. Lewis Thornet Bandt in der Designabteilung bei Ford bekam den Entwicklungsauftrag für das erste Ute. Der 22-Jährige nahm sich ein Ford-Coupé, baute es zurück, bis Platz für die Ladefläche war, verstärkte die Holme. "Im Innerraum entsprach das Auto exakt den Vorstellungen der Farmersfrau: kurbelbare Fenster, komfortable Sitze und ein Dach, durch das es nicht reinregnete", sagte der Ford-Historiker Adrian Ryan in einem Interview mit dem Sender ABC.

Berühmt wie die Kängurus

Bandt wird bis heute Erfinder des Ute genannt, obwohl bereits 1929 der australische Ingenieur James Freeland Leacock ein Auto nach ähnlichem Konzept baute und 1930 patentieren ließ. Doch ging seine Erfindung nie in Serie.

1934 verließ das Ford Coupé Utility als erster Ute überhaupt das Werkstor. Ein Jahr später reiste Bandt mit zwei Exemplaren nach Detroit, um sie Henry Ford zu präsentieren. Der Automogul schmähte die neuartige Karosse mit 1,65 Meter Ladefläche und 544 Kilogramm Zuladung zwar als "Kangaroo chaser" (Känguru-Jäger), nickte sie aber ab. Bei den Farmern schlug das neuartige Vehikel voll ein. "Der Ute ist inzwischen so typisch für Australien geworden wie das Känguru", resümierte Ford-Historiker Ryan.

Die Idee der kleinen Pritsche fand schnell Nachahmer. Holden brachte heute als Klassiker eingestufte Modelle wie den 48-215 FX (1948) oder den Belmont (1971) auf den Markt. Ford legte mit dem XK Falcon Utility (1961) nach.

Siegeszug bis nach Europa

Auch in Amerika feierte das Ute mit dem Ford Ranchero (1967) Erfolge, Chevrolet brachte bereits 1959 den El Camino in die Autohäuser. Ab den sechziger und siebziger Jahren griffen japanische und koreanische Marken die Idee auf und bauten Autos wie den Toyota Crown Coupé Utility, den Subaru Brumby oder den Hyundai Pony Pick-up.

Europa begeisterte sich ebenfalls für die kleine Pritsche, was kein Auto besser dokumentiert als der Mini 95 aus den Siebzigern. Der wohl bekannteste Lasten-Pkw in Deutschland ist der VW Caddy. Ab 1979 verkaufte Volkswagen den auf der US-Version des Golf I basierenden Wagen zunächst in Amerika, dann schaffte er es auch nach Europa - lange bevor der Caddy zum Hochdachkombi für Familien mutierte. Fiat hat mit dem Strada ein vergleichbares Modell immer noch im Programm.

Doch nirgends sind die kleinen Pkw-Pritschen so alltäglich wie in Australien. Nach Angaben der australischen Kfz-Handelskammer FCAI sind jährlich knapp ein Fünftel Utilitys unter den in Australien neu verkauften Autos. Aktuelle Modelle sind der Ford Falcon Ute MKII, ausgestattet mit einem über 300 PS starken Turbo-Sechszylinder, und der Holden Series II Ute, den der Hersteller mit dem Slogan "Built to work. Designed for pleasure" bewirbt.

Einen Steinwurf von Holden-Fahrer Matt entfernt hat der 56-Jährige Wayne Casey seinen 2006er Holden Commodore V6 geparkt. Er lässt den riesigen Deckel der Ladefläche zischend nach oben gleiten und verstaut die Einkäufe. Ähnlich wie für den Farmer von damals ist seine Pritsche reale Nutzfläche: Wenn Kesselbauer Casey auf Montage ist, finden seine Arbeitsgeräte Platz. "Die Ladefläche ist Gold wert, und die zwei Sitze reichen völlig aus."

Lewis Thornet Bandt wurde das von ihm designte Auto übrigens zum Verhängnis. Am 18. März 1975, gerade in den Ruhestand getreten, stieß er in seinem selbst restaurierten 1934er Ford Ute mit einem großen Truck zusammen und starb. Er war auf dem Heimweg von den Dreharbeiten zu einer ABC-Dokumentation über Utes.



insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sumoh 28.10.2012
1. Damit sich niemand blamiert...
...ute wird als "jut" ausgesprochen, nicht wie in der Bildunterschrift unter Bild 1.
michaelXXLF 28.10.2012
2.
Der Mini 95 war ein "panel van" oder "delivery", also ein Kombi ohne hintere Seitenscheiben. 95 weil sein zulässiges Gesamtgewicht 0,95t betrug. Es gab auch einen Mini Pick-up.
felisconcolor 28.10.2012
3. Der VW Caddy
Zitat von sysopGeneral MotorsVorne Pkw, hinten Pick-up - die sogenannten Utes gehören zu Australien wie Wombats oder Foster's-Bier. Die Aussis lieben den eigenwilligen Automischling, der seine Existenz einer empörten Farmersfrau zu verdanken hat. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/australiens-kultwagen-ute-a-862057.html
war für großgewachsene Personen eine Zumutung. Schade das in der Richtung in Europa nicht wirklich weiter gedacht wurde
michaelXXLF 28.10.2012
4.
[Juut], genau. Hier am Ende dieser inzwischen schon klassischen Aussie Werbung gut zu hören. Falcon RTV Ute Ad - "Flooded it mate?" - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=TlAEbqIkoUY)
metallix 28.10.2012
5. Also hier in New Zealand sind diese [juuuts]
auch recht populaer aber oft einfach nur prollige zweisitzer. Dicker V8 und viel chrom und metallic, die Ladeflaeche mit in Wagenfarbe lackiertem Deckel (aber meist leer damit nix verkratzt) und noch moeglichst Edelstahl ROP hinter die Kabine gepflanzt. Hier mal eine recht populaere TV Werbung fuer den Hilux seinerzeit. (Ich weiss, keine ute aber nahe verwandt und praktischer) http://www.youtube.com/watch?v=YpI0q52wHxg&feature=my_favorites&list=FLLUXVz6wtlEx9TId1D_iwyQ
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.