Amerikanisches Autodesign: Heilig's Blechle

Von Jürgen Pander

Amerikanisches Autodesign: Im Sog der Heckflosse Fotos
GM

Autos made in Amerika, da denkt man sofort an ausladende Heckflossen und Exzesse in Chrom. Doch aus den Designbüros der US-Hersteller stammen - neben erschreckend seelenlosen Entwürfen - auch schlicht schöne Fahrzeuge. Ein neues Buch hat sie alle versammelt.

Motorhauben im Format von Tischtennisplatten, Chromschmuck nach Art von Kronjuwelen und Heckflossen wie Flugzeugleitwerke - Autos aus den USA sahen zeitweise so aus, als seien sie von größenwahnsinnigen Utopisten entworfen.

Es gab natürlich auch dezentere Karosserien, uninspirierte Straßenkreuzer, vor Kraft schier überquellende Muscle-Cars, rundliche Blasenautos und schließlich, nach dem 11. September 2001, wieder kantiges Heavy Metal als Ausdruck des Verteidigungswillens einer ganzen Autonation.

So ungefähr lassen sich die wichtigsten Designphasen der US-Autoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg aufzählen. Man muss allerdings sehr viel genauer hinschauen, um erkennen zu können, welche Kreativität und Qualität in diesen bisweilen bizarren Formen schlummert.

Autos aus den USA - ein großes Missverständnis

Genau das tut Paolo Tummineli, Design-Professor an der Fakultät für Kulturwissenschaften an der FH Köln, in seinem jüngsten Buch "Car Design America". Auf 392 Seiten und in mehr als 400 Bildern setzt er die Geschichte des Autodesigns in den USA in Beziehung zu den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Strömungen des Riesenlands, in dem heute mehr als 300 Millionen Menschen leben, denen mehr als 250 Millionen Autos zur Verfügung stehen.

Dicke Schlitten mit simpler Technik - so lautet das Klischee vom Auto made in USA. "Diese Perspektive ändert sich jedoch", schreibt Tumminelli, "sobald man das Automobil nicht als technisches Gesamtkunstwerk, sondern als Kulturgut betrachtet." Erst Amerika habe das kreative und strategische Potential des Designs erkannt und daraus ein System von Marken, Modellen und Varianten geschaffen, "das weltweit Maßstäbe setzte".

Entscheidend geprägt wurde das automobile Produktgefüge Amerikas ab Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vom damaligen Chef von General Motors, Alfred P. Sloan. Der entwickelte eine Marken- und Modellstrategie, in der nahezu jeder Kunde ein passendes Angebot in einer bestimmten Preisklasse fand. Wer ein neues Auto wollte, konnte es in Raten zahlen, sein altes Modell in Zahlung geben und durfte sich jedes Jahr auf ein neu gestyltes Modell freuen - für letztere Verheißung zeichnete über Jahrzehnte GM-Chefdesigner Harley Earl verantwortlich.

Technik von der Stange, Karosserien vom Maßschneider

Hinter der Vielfalt steckte eine List. "Vom 1957er Chevrolet gab es 19 Modelle", schreibt Tumminelli, "in neun Karosserieformen und drei Linien unterteilt - allesamt konstruktiv identisch." Das Vorgehen, durch Designvarianten ein ganzes Sortiment an Autos hervorzuzaubern, unter denen immer die gleiche Substanz steckt, gilt inzwischen als Industriestandard.

Gerade schickt sich beispielsweise VW an, mit sogenannten modularen Baukästen größter Autokonzern der Welt zu werden. Das ist sicher komplexer, als einfach nur andere Hüte auf eine Standard-Plattform zu stülpen, doch die Grundidee ist dieselbe: Vielfalt wird durch Standardisierung erst möglich.

Für Autodesigner in den USA hatte dieses System den Vorteil, dass sie sich richtig austoben konnten - schließlich wurde alle zwölf Monate ein frisches Styling gebraucht. Die fünfziger Jahre waren die Heydays der Bombast-Entwicklung, die jäh abbrach als 1960 der Ford Falcon erschien, eine vom damals verantwortlichen Manager Robert McNamara auf den Weg gebrachter Wagen, der aussah, als wäre er in der Ausnüchterungszelle entstanden.

Wie Washington das US-Autodesign beeinflusste

Kreiert wurde das Auto und alle nachfolgenden Wagen mit geradlinig-modern-sportlichem Stil explizit für die Generation der Baby-Boomer, denen man nicht mehr den Barock andrehen konnte, mit denen ihre Eltern herumkutschiert waren. 1964 dann veränderte der Ford Mustang, das erste Pony-Car, wiederum alles. "Dieser Wagen bot das beste Sex-Leistungs-Verhältnis der Automobilgeschichte", schreibt Tumminelli. Die Karre verkaufte sich wie geschnitten Brot.

Danach kam nicht mehr viel aus den USA, urteilt der Design-Experte, was das Autodesign substantiell vorangebracht hat. Ab den siebziger Jahren dominierten die Europäer, und unter ihnen zunächst die Designstudios in Norditalien, die weitere formale Entwicklung - vor allem durch den radikalen Einsatz der Keilform, der harten Linien und der scharfen Kanten.

In den USA bestimmten neue Sicherheitsstandards, die von der 1970 gegründeten National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) vorgegeben wurden, zudem die weitere Automobilentwicklung maßgeblich. Die sogenannten "Bumper Laws" schrieben den Einsatz von Gummi und Kunststoff für Stoßstangen vor und würgten die Chromorgien binnen wenigen Jahren ab.

1978 war es die Gas Guzzler Tax, eine Strafsteuer für Hersteller, deren Modellpalette den maximal erlaubten Durchschnittsverbrauch von umgerechnet rund 10,5 Liter je 100 Kilometer übertraf, die Größe, Identität und Design der Autos massiv beeinflusste.

Was dabei heraus kam, stellt Tumminelli auf den letzten rund hundert Seiten des Buchs vor. Es sind vielfach Autos, denen man die Unsicherheit ansieht, die damals in den Designbüros geherrscht haben muss. Und es sind Resultate der damals neuen Designmöglichkeiten durch den Computer, "anhand dessen neuartige Oberflächen modelliert werden konnten", wie Tumminelli schreibt. "Was früher eckig war, wurde nun wieder rund - doch es handelte sich dabei weder um das geometrisch Runde der Vierziger noch um das dynamisch Runde der Fünfziger, sondern um das willkürlich Runde im Stil einer Achterbahnfahrt. Das schmeckte dem Kunden zu Beginn, doch allmählich wurde allen davon übel."

Erst Ende der neunziger Jahre hatte sich die Branche stilistisch wieder einigermaßen gefangen - mit Retro-Experimenten, wuchtigen Pick-ups und natürlich aufgrund der abermals alle Grenzen sprengenden Geländewagen. Wirklich kreativ aber war US-Autodesign schon lange nicht mehr. Schlusswort Tumminelli: "Geht es so weiter, kann - mit Ausnahme von Remakes wie dem Camaro und dem Challenger oder Ikonen wie dem Jeep - von einem wiedererkennbaren amerikanischen Automobildesign keine Rede mehr sein."

Paolo Tumminelli: "Car Design America. Myths, Brands, People", Verlag teNeues, 392 Seiten, 49.90 Euro.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Genaugenommen...
yoh! 24.05.2012
Zitat von sysopAutos made in Amerika, da denkt man sofort an ausladende Heckflossen und Exzesse in Chrom. Doch aus den Designbüros der US-Hersteller stammen - neben erschreckend seelenlosen Entwürfen - auch schlicht schöne Fahrzeuge. Ein neues Buch hat sie alle versammelt. Auto-Design in den USA, erklärt von Paolo Tumminelli - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,834242,00.html)
gab es doch nur zwei wirklich aufregenden "typisch amerikanische" Designphasen: das "Jet-Age" in den späten 50ern mit Heckflosse und Raketenrücklicht und die Muscle-Cars von Ende 60 bis Anfang 70. Unter der Haube blieb letztlich alles identisch ...sogar bis 2000 ;-) Für die Reparatur der Kopfdichtung eines 2000er Taurus bekam ich als Ersatzteil die Dichtung eines 57er (!!!) Ford-Pickups und fand einen Gußkopf (nicht Alu!) vor, der noch nicht einmal geplant wreden musste. Nur oben drüber wurde ein Haufen unnützer Computerkram installiert... Zurück zu den alten Autozeiten! Amis sind definitiv "umweltschonend" bei den aktuellen Benzinpreisen!
2.
wakaba 24.05.2012
Zitat von yoh!gab es doch nur zwei wirklich aufregenden "typisch amerikanische" Designphasen: das "Jet-Age" in den späten 50ern mit Heckflosse und Raketenrücklicht und die Muscle-Cars von Ende 60 bis Anfang 70. Unter der Haube blieb letztlich alles identisch ...sogar bis 2000 ;-) Für die Reparatur der Kopfdichtung eines 2000er Taurus bekam ich als Ersatzteil die Dichtung eines 57er (!!!) Ford-Pickups und fand einen Gußkopf (nicht Alu!) vor, der noch nicht einmal geplant wreden musste. Nur oben drüber wurde ein Haufen unnützer Computerkram installiert... Zurück zu den alten Autozeiten! Amis sind definitiv "umweltschonend" bei den aktuellen Benzinpreisen!
Die "Streamliner" aus den 40igern sind auch toll. Nicht vergessen werden sollte der Moment als die Amerikaner den Sprung vom autobasierenden "Utility" zum truckbasierenden "Suv" um 1965 machten. 4x4 Stationwagons gabs seit ca. 1947 von Willys und Kaiser. Ein anderer automotiver Meilenstein sind sicher die frühen Jeeps und Pickups mit handgeschaltetem Standardantrieb und extrem guten 4 und 6 Zylinder Reihenmotoren. Daher muss unterschieden werden zwischen der automobilen Automatik/Ac Massenware mit projektierten 4 Jahre Lebensdauer und den "Small utility" die 10 Jahre oder mehr halten mussten bei einfacher und günstiger Wartung. Dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt und in manchen Gegenden der USA gibts fast nur noch die 4 Zylinder Small Pickups weil extrem oekonomisch und praktisch. Die Musclecar Zeit gabs eigentlich gar nicht. Weniger als 100 000 Autos über 13 Jahre (59-72, 409 - 454) Produktionszeit aller Hersteller erfüllen die Definition. Es war eine Zeit des Uebergangs zu Utility (ca.4 Mio. Einheiten). Das Buch ist also eine Sammlung schöner Bilder ohne den tatsächlichen Megatrend zu behandeln.
3. Asphaltschiffe
Romiman 24.05.2012
Einfach himmlisch, diese Asphaltschiffe. (Ich hatte 2 davon) Die sahen nicht nur toll aus, sie boten auch unheimlich viel Platz sowie Fahr- und -Bedienkomfort. Ihre Ausrichtung auf lässiges Cruisen ist für das allgemeine Miteinander im Straßenverkehr viel bekömmlicher als der engstirnige "Sportsgeist" der hiesigen, heutigen Mobilität...
4. Ich glaube
felisconcolor 24.05.2012
Zitat von sysopSchlusswort Tumminelli: "Geht es so weiter, kann - mit Ausnahme von Remakes wie dem Camaro und dem Challenger oder Ikonen wie dem Jeep - von einem wiedererkennbaren amerikanischen Automobildesign keine Rede mehr sein."
das kann man mittlerweile auf jedes Autodesign übertragen. Ein wirkliches Wiedererkennungsmerkmal gibt es doch kaum noch. Alles wird dem Gott "Verbrauch" geopfert. Wobei Individualität eines Design damit überhaupt nichts zu tun hat. Schon ältere Fahrzeuge wiesen einen sehr guten cW Wert auf. Ich denke es liegt an dem Spielzeug Computermanufacturing und auf Computern und in der Fertigung kann man nun mal an effektivsten Arbeiten wenn man ein und das selbe Design immer und immer wieder durch Copy und Paste verwendet. Schade eigentlich. Aber das Ganze vermissen eh nur Menschen die im Auto noch etwas anderes sehen als nur einen Luft- und Platzverbraucher sehen, was generell verboten werden sollte. Die Ästhetik ist einer elenden Gleichmacherei gewichen. Individualität ist doppelplusungut
5. Relationship
pcpero 24.05.2012
Zitat von sysopAutos made in Amerika, da denkt man sofort an ausladende Heckflossen und Exzesse in Chrom. Doch aus den Designbüros der US-Hersteller stammen - neben erschreckend seelenlosen Entwürfen - auch schlicht schöne Fahrzeuge. Ein neues Buch hat sie alle versammelt. Auto-Design in den USA, erklärt von Paolo Tumminelli - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,834242,00.html)
Diese Design-Schönheiten lassen natürlich jedes Autoliebhaberherz höher schlagen, und Tachikardie droht sogar beim Anblick der StingRays. Man muss aber diese Ikonen vor dem Hintergrund des american way of life, Think Big, betrachten, und vor Spritpreisen von 18ct und darunter. Daraus resultiert dann die heutige Energiebilanz der USA, die in Relation zur Einwohnerzahl den welthöchsten Energieverbrauch haben. Somit können diese Schönheiten gleich mit den Elfenbeinschnitzereien zu den kulturhistorischen Verirrungen gezählt werden. Obgleich: so ein Caddy oder Chevy oder Mac oder Pitty(Peterbuilt) oder oder ist doch geil, oder?
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