Auto-Schrauber Hilf dir selbst, dann hilft dir Etzold

Generationen von Autobesitzern haben seine Werke verschlungen. Rüdiger Etzolds "So wird's gemacht"-Bücher gelten als die Bibel der Schrauber. Das Problem: Wer liest heute noch die Bibel?

Tina Demetriades

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SPIEGEL ONLINE: Herr Etzold, Autos werden technisch immer komplexer. Kann man an modernen Fahrzeugen überhaupt noch etwas selbst reparieren?

Etzold: Natürlich! Im Auto steckt überwiegend noch Mechanik, und daran lässt sich schrauben. Wenn sie den Kotflügel von einem Golf in der Werkstatt austauschen lassen, kostet das rund 500 Euro. Über das Internet kriegen sie den für 150 Euro fertig lackiert und können ihn problemlos anbringen. Auch der Motor ist immer noch mechanisch, nur das Motormanagement wird mittlerweile elektronisch gesteuert. Dafür sind die Autos zuverlässiger als früher.

SPIEGEL ONLINE: Aber im vergangenen Jahr gab es einen Rückruf-Rekord. Viele Autos wurden ab Werk mit einem Fehler ausgeliefert. Wie erklären Sie sich diese Qualitätsprobleme?

Etzold: Bei den sehr kurzen Entwicklungszyklen der Autos bleibt oft weniger Zeit für die Qualitätskontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Hat das auch Folgen für Schrauber?

Etzold: Ja, leider. In der Fertigung muss es immer schneller gehen, Bauteile werden nach produktionstechnischen Vorgaben konstruiert. Wie das später repariert werden soll, ist dann weniger wichtig. Dann muss beispielsweise ein komplett neuer Spiegel samt Gehäuse her, weil das Auswechseln des Spiegelglases nicht vorgesehen ist.

Zur Person
  • Tina Demetriades
    Rüdiger Etzold wurde 1940 auf der ostfriesischen Insel Norderney geboren. Er ist ausgebildeter Kfz-Mechaniker und studierter Fahrzeugtechniker. Seit 1974 verfasst er die Buchreihe "So wird's gemacht". Generationen von Hobbyschraubern und Sparfüchsen gibt er darin Anleitungen, wie sie Reparaturarbeiten an ihrem Auto selbst erledigen können. Mehr als 150 Ausgaben zu verschiedenen Fahrzeugmodellen sind bislang erschienen, die Reihe hat eine Gesamtauflage von mehr als sechs Millionen Exemplaren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie jemanden mit einer Panne am Straßenrand liegen sehen, halten Sie dann an und versuchen zu helfen?

Etzold: In der Regel schon. Aber um einen Schaden aufspüren und reparieren zu können, brauche ich ein Handbuch.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie die Bedienungsanleitung des Wagens oder eines Ihrer Bücher?

Etzold: Eines meiner Bücher. In den Bedienungsanleitungen von heute stehen keine Selbsthilfe-Tipps mehr drin. Da heißt es nur immer: Fahren Sie in die Werkstatt. Viele Probleme am Motor können gar nicht mehr verortet werden. Um den Fehler zu finden, braucht man ein elektronisches Auslesegerät. Gleichzeitig ist die iPhone-Generation technisch nicht mehr so versiert. Durch den gewachsenen Wohlstand sind sie nicht mehr auf eigene Fertigkeiten angewiesen, sondern haben das Geld, das Auto in die Werkstatt zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Es reicht also nicht, einfach eines Ihrer Bücher zur Hand zu nehmen und sich aufs Auto zu stürzen.

Etzold: Nein, man kann mit einem Buch keinem Menschen das Schrauben beibringen. Ein gewisses Geschick muss schon vorhanden sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie bei sich dieses Geschick entdeckt?

Etzold: Ich bin auf Norderney aufgewachsen, wir gehörten in den Fünfzigerjahren zu den ersten, die dort ein motorisiertes Fahrzeug besaßen. Die Badegäste auf der Insel wurden damals noch mit Pferdekutschen abgeholt. Wir hatten eine NSU Quick und eine Vespa. Die mussten dauernd repariert werden. Damals gab es keine Anleitungen, darüber habe ich mich geärgert und mir vorgenommen, das irgendwann zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche "So wird's gemacht"-Ausgabe sind Sie besonders stolz?

Etzold: Auf die Bände über BMW-Modelle. Ich bat den Hersteller damals um die Werkstattunterlagen. Daraufhin ließ man mich wissen: "Einen BMW repariert man nicht selbst!" Ich bekam die Unterlagen dennoch, und mittlerweile haben wir 500.000 Reparatur-Bücher für BMW-Modelle verkauft. Das gleiche gilt für Mercedes-Bände. Die Ausgabe über den VW Käfer wollte ich dagegen gar nicht mehr machen. Damals, Ende der Siebziger, war der Käfer out, man kaufte den Golf. Ich dachte, ein Käfer-Buch lohnt sich nicht mehr. Mein Verlag hat mich dann überredet. Mittlerweile gibt es davon die 25. Auflage, 110.000 Exemplare wurden verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ausgabe ist der Bestseller?

Etzold: Der Band über den Golf I, der hat sich mehr als 300.000-mal verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Für den Golf VII gibt es auch ein Buch. Wie verkauft sich das?

Etzold: Die Hälfte der Auflage ist schon verkauft. Allerdings muss das Fahrzeug erst einmal in die Jahre kommen, damit der Band sehr gut läuft. Vorher gibt es ja kaum was zu reparieren. Lassen Sie es mich so sagen: Früher herrschte eine größere Affinität zum Auto. Wer ein neues Auto kaufte, besorgte sich oft auch das Buch dazu. Dieses Interesse hat abgenommen. Vielen Jugendlichen ist das Handy viel wichtiger als ein Wagen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Autos stehen in Ihrer Garage?

Etzold: Ein Karmann Ghia, den besitze ich seit 34 Jahren. Das ist bis heute mein Lieblingsauto, weil ich daran problemlos alles selbst machen kann. Außerdem habe ich einen Audi A2 und A4 sowie einen Mercedes SL. Was mir in der Sammlung fehlt, ist ein Karmann GF Buggy.

SPIEGEL ONLINE: Dabei haben Sie diesen Wagen doch selbst mitentwickelt.

Etzold: Ja, eigentlich hätte ich den Prototyp bekommen sollen. Aber einer meiner Kollegen hat ihn damals gegen einen Baum gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wann gibt es die erste "So wird's gemacht"-Ausgabe von einem Hybrid- oder Elektroauto?

Etzold: Gar nicht. Wegen der Hochspannung wagen die Leute bei so einem Auto nicht mal, die Scheinwerfer auszubauen.

SPIEGEL ONLINE: Der nächste große automobile Entwicklungsschritt soll das selbst fahrende Auto werden. Damit könnte die Leidenschaft fürs Automobil weiter sinken: Wenn der Mensch nicht mehr am Steuer sitzt, wird er auch bestimmt nicht mehr schrauben wollen.

Etzold: So wird es sein. Beim Autofahren bin ich allerdings selbst für jede Entlastung dankbar. Dann kann ich unterwegs öfter ins Internet. Ich informiere mich fast nur noch im Web. Aber für unsere Buchreihe ist das eine starke Konkurrenz: Google löst jedes Problem. In Foren gibt es auf jede Frage zur Autoreparatur eine Antwort. Ob die gut oder schlecht ist, sei dahingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Viele "So wird's gemacht"-Bände stehen mittlerweile auch gratis im Internet.

Etzold: Das sind Bände, die nicht mehr im Handel angeboten werden. Die Seite wird sehr gut besucht. Ich lebe allerdings vom Verkauf meiner Bücher.

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Seite 1
keksguru 24.06.2014
1. teilweise viel zu komplizierte Anleitungen
ich bin ebenfalls ein sehr erfahrener Autobastler, und der gute Mann schreibt allzuoft nur das was in den Servicebüchern der Autohersteller drinsteht und die sind eher auf Maximierung des Werkstattaufwandes und nicht auf Minimierung des Reparaturaufwandes ausgerichtet. Klassiker ist bei ihm immer wieder die Zylinderkopfdichtung - die ich bei etlcihen Motoren in 15-30 Minuten schaffe, aber wenn ich seine Anleitung abweiche muß man a) teures Spezialwekzeug kaufen b) unnötig viele Teile trennen oder abbauen c) der Aufwand steigt auf mehrere Stunden. Hinweise an die Redaktion oder an den Autor bleiben unbeantwortet. Leider.
radler_muc 24.06.2014
2. Hauptproblem ist heutzutage Spezialwerkzeug
Ich verstehe nicht, warum die zunehmende Elektronik ein Problem sein soll. Es gibt z.B. für VAG-Fahrzeuge ein sehr gutes Diagnoseprogramm zu kaufen. Das eigentliche Problem ist heutzutage, daß immer mehr Spezialwerkzeug benötigt wird. Und das ist sehr teuer - rentiert sich nicht für den einmaligen Einsatz. Früher ging fast alles ohne - zumindest wenn man etwas findig war. Dennoch kann man nachwievor sehr viel selber machen. Sparen tut man dann auch, weil man nicht die überteuerten Ersatzteilpreise des Autoherstellers zahlen muß. Im freien Telehandel kosten die selben Sachen (ich rede nicht von Billigschrott ala ebay, sondern von den die Teilen der Erstausrüster) meist nur die Hälfte.
Dogbert 24.06.2014
3. Da haben Sie was verwechselt
Zitat von keksguruich bin ebenfalls ein sehr erfahrener Autobastler, und der gute Mann schreibt allzuoft nur das was in den Servicebüchern der Autohersteller drinsteht und die sind eher auf Maximierung des Werkstattaufwandes und nicht auf Minimierung des Reparaturaufwandes ausgerichtet. Klassiker ist bei ihm immer wieder die Zylinderkopfdichtung - die ich bei etlcihen Motoren in 15-30 Minuten schaffe, aber wenn ich seine Anleitung abweiche muß man a) teures Spezialwekzeug kaufen b) unnötig viele Teile trennen oder abbauen c) der Aufwand steigt auf mehrere Stunden. Hinweise an die Redaktion oder an den Autor bleiben unbeantwortet. Leider.
der Mann schreibt Anleitungen für PKW, nicht für Einzylinder Zweitaktmore. Da schafft man vielleicht die ZKD in der von Ihnen erhofften Zeit
mikaiser 24.06.2014
4. Dank an Herrn Etzold
Mit meinem ersten R4 musste ich natürlich sein Buch dazu haben. Es hat mir damals sehr geholfen, allerlei selbst zu erledigen. Aber beim R4 lösten ja ein 13er Maulschlüssel und eine Kombizange fast jedes Problem. Heute gehöre ich auch zu denen, die in den immer enger werden, kabelverhangenen und plastikverkleideten Motorräumen keine Freude mehr haben und lieber zur Werkstatt fahren.
rogerwilco 24.06.2014
5. optional
"Gleichzeitig ist die iPhone-Generation technisch nicht mehr so versiert." JEPP, kann ich bestätigen und bekomme ich auch immer wieder bestätigt. Eine Generation praktischer Totalversager in bisher hierzulande nie gesehenen Ausmaßes hat sich erfolgreich bis zur Geschlechtsreife herangedaddelt. Zusätzlich noch mit drastischen motorischen, sozialen und kommunikativen Defiziten versehen mutieren diese vermeintlich mündige Bürger und eine einem immer wieder gerne präsentierte neue Elite der Informtionsgesellschaft bei fehlender Netzabdeckung zu komplett verstrahlten Nasebohrern. Andereseits sind das ideal ausbeutbare Untertanen der Kleptokratie hierzulande...
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