Oldie von Papst Johannes Paul II. Pilgerfahrt in einem Heiligtum

Marek Schramm fährt das Auto eines Heiligen: Der Immobilienhändler hat den ehemaligen Wagen von Papst Johannes Paul II. restauriert. Jetzt plant er damit eine lange Reise. Auf den rechten Rücksitz wird er sich dabei unter keinen Umständen setzen.

DPA

Ilmenau - Mäuse nisteten sich in den Polstern ein, der Rost fraß sich durch die Karosserie. Fast 35 Jahre lang gammelte der frühere Wagen von Papst Johannes Paul II. in einer Scheune in Polen vor sich hin. Jetzt steht das blau lackierte Auto pünktlich zum neunten Todestag des Kirchenführers am 2. April fahrbereit auf einem Grundstück im thüringischen Ilmenau. Der Immobilienhändler Marek Schramm hat das Auto restauriert und will darin eine große Fahrt durch halb Europa antreten.

2012 erstand Schramm den knapp 60 Jahre alte FSO Warszawa - den Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau benutzt hatte - über einen Autohändler in Düsseldorf. Dort hatte ihn Alexander Gawron, der Neffe eines ehemaligen Papst-Chauffeurs, zum Verkauf abgestellt. Zahlreiche Originaldokumente wie das Garantiebuch, der Kaufvertrag und die Zulassung beweisen die Herkunft des Autos. Auch Fahrgestell- und Motornummer waren dem neuen Eigentümer zufolge noch vorhanden und identisch mit den Nummern auf den Dokumenten. Die originalen Nummernschilder sind ebenfalls da, schwarz mit der weißen Schrift "KR 96 13".

Schramm habe eines Abends im Internet nach Oldtimern gesucht und sei dabei auf die Anzeige von Alexander Gawron gestoßen. Er konnte nicht widerstehen. "Der Papst-Wagen war ein Schnäppchen", sagt er. Wie viel er dafür auf den Tisch blätterte, verrät der 45-jährige Unternehmer nicht. Nur soviel: Ein sechsstelliger Euro-Betrag sei es gewesen.

Plötzlich ein Star

Eine Menge Geld für einen Schrotthaufen - denn als Schramm den Wagen zum ersten Mal sah, war er geschockt: "Das Auto entpuppte sich als Rostlaube vor dem Herrn", schreibt der Immobilienhändler in seinem Blog. Die Fahrertüre habe sich nicht mal öffnen lassen, so verzogen und durchgerostet sei das Fahrzeug gewesen.

Um den Oldie wieder fahrtüchtig zu machen, waren laut Schramm 2800 Arbeitsstunden und die Unterstützung von insgesamt 17 Helfern nötig. Die Ersatzteile besorgte er in Polen, wo sich die Restaurierung des alten Papstmobils rasch in der dortigen Oldtimer-Szene herumsprach. "Ich erfuhr eine Welle der Unterstützung", erzählt Schramm. Um manche Teile ausfindig zu machen, habe er trotzdem wochenlang recherchieren müssen.

Der Wiederaufbau fand ganz behutsam statt: Einige Roststellen waren lieblos überpinselt; dort hat er mit seinen Helfern den Skalpell angesetzt und die Farbe entfernt, sagt Schramm. Mit einer Messingbürste schrubbte er den Rost vorsichtig ab und überzog das Metall schließlich mit Konservierungswachs - denn überlackiert wurden die Stellen nicht.

"Der Vater der Widerstandsbewegung im Ostblock"

"Millimeter für Millimeter" habe er das Auto restauriert. Nur die Uhr ist immer noch nicht funktionstüchtig, stattdessen stehen die Zeiger auf der angeblichen Uhrzeit, in der der Papst im Jahr 2005 verstarb. Und am Schlüsselbund hängt ein kleines Foto von Johannes Paul II. - ein Geschenk von einem arbeitslosen Polen, sagt Schramm. Der Mann habe es ihm überreicht, als er von der Restaurierung des Wagens erfahren habe.

Das Papst-Auto hat für Schramm eine ganz besondere Bedeutung. Es sei die Verbindung zwischen dem Leben des früheren Kirchenführers, der zum Fall der Mauer beigetragen habe, und seinem eigenen. Denn als Kind zog Schramm mit seinen Eltern von Danzig zunächst nach Berlin und dann nach Ilmenau. Als 13-Jähriger habe er etwa Solidarnosc-Anstecker verteilt und mächtig Ärger bekommen. Er saß mehrere Jahre in DDR-Gefängnissen, unter anderem wegen Republikflucht. "Für mich ist Johannes Paul II. der Vater der Widerstandsbewegung im Ostblock", sagt Schramm.

Hinten rechts bleibt der Platz leer

Alexander Gawron, dessen Onkel Ende der siebziger Jahre das Auto dem späteren Papst abkaufte, wusste dagegen nicht so recht, was er damit machen sollte. Jahrelang habe der Wagen in dem Autohaus in Düsseldorf zum Verkauf gestanden. Nach mehreren gescheiterten Versuchen - etwa über das Auktionshaus Christie's - landete der Oldtimer in Ilmenau. Nun habe es das "Papa-Mobil" gut, sagt Gawron.

Bald will Schramm mit dem Wagen eine Reise antreten: "Natürlich zur Heiligsprechung von Johannes Paul II. am 27. April". Seine Route führt von Berlin über Danzig, Warschau, Wadowice, und Krakau - den Stationen im Leben des Papstes und im Leben von Marek Schramm.

Der rechte hintere Sitz wird dann aller Voraussicht unbesetzt bleiben: Dort hat Wojtyla immer gesessen, sagt Schramm. Aus Respekt vor ihm hat er bisher nicht gewagt, diesen Platz einzunehmen.

von Stefan Engelbrecht, dpa/cst

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
barlog 02.04.2014
1.
In wenigen Wochen ist es für fundamentalistische Katholiken wahrscheinlich ein erhebendes Erlebnis, mal am (verbliebenen) Lack dieser hässlichen Karre zu lecken, oder dort den Fuß hin zu setzen, wo die Reifen den Asphalt berührten, oder den letzten Hauch, der dem Auspuff entströmte, zu inhalieren - hier treten ab Heiligsprechung des Vorbesitzers umgehend homöopathische Prinzipien in Kraft.
afrikarl 02.04.2014
2. Wie ist es möglich
bei der nachweislichen Fachkompetenz polnischer KFZ-Spezialisten mit 2800 Arbeitsstunden eine so schreckliche Renovierung durchzuführen? Ist nur so eine heilige Authentizität auf der Basis originaler Patina erreichbar? Möge die Karre den Heiligen Stuhl fristgerecht erreichen und dann gen Himmel fahren.
ortega9999 02.04.2014
3. Sehr Schön
Schöne Auto alte Warszawa.:).Hatte ich so was auch.
nicolasgrupe 02.04.2014
4. Hut ab
Ein wunderschönes Beispiel für eine respektvollen Restaurierung, die dem historischen Material seine Würde lässt. Möge Patina keine Modeerscheinung bei der Wiederaufarbereitung von Oldtimern sein. Ich bin froh, nie eine High-End Restaurierung verbrochen zu haben und wünsche Ihnen eine frühlingshafte Alpenüberquerung.
graf.koks 02.04.2014
5. Restauriert???
Zitat von sysopDPAMarek Schramm fährt das Auto eines Heiligen: Der Immobilienhändler hat den ehemaligen Wagen von Papst Johannes Paul II. restauriert. Jetzt plant er damit eine lange Reise. Auf den rechten Rücksitz wird er sich dabei unter keinen Umständen setzen. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/auto-von-papst-johannes-paul-ii-restauriert-a-962207.html
Unter "Restaurierung" verstehe ich allerdings etwas völlig anderes. Im Artikel wird dann erwähnt, daß der Wagen "fahrbereit gemacht" wurde, was den Zustand sehr viel besser beschreibt. Aber dafür alleine 2.800 Stunden??? Ist darin die Wartezeit auf Teile enthalten? Ich habe selber Fahrzeuge restauriert und weiß wovon ich rede. Da steckt viel Blut, Schweiß und Tränen drin. Und Zeit! Sehr viel Zeit! Aber beim nur "fahrbereiten" Warszawa kann davon nicht die Rede sein. Ich mein ja nur.
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