Autodrehscheibe Bremerhaven: Schönheitsfarm für Neuwagen

Aus Bremerhaven berichtet

Waschen, Fönen, Polieren: Zwei Millionen Neuwagen landen jährlich in Bremerhaven. Reißt ein Autotransporter am Kaiserhafen seinen Schlund auf, beginnt für die Spezialisten der Firma E. H. H. Autotec die Arbeit. Binnen 24 Stunden macht Deutschlands größte Werkstatt 2000 Pkw landfein.

Der Schlüssel steckt immer: Wenn in Bremerhaven ein Schiff voller Autos ankommt, steigen die Techniker der Firma E. H. H. Autotec in die düsteren Container und starten die weitgereisten Fahrzeuge. Die Männer tragen weder Ringe noch Armbanduhren - die könnten Kratzer auf dem Lack hinterlassen. Stattdessen haben die Techniker spezielle Arbeitsanzüge an, die garantiert keine Flusen auf dem Polster hinterlassen. Auf kürzestem Weg rollen die Wagen vom Schiff in die Waschanlage.

Danach werden die Autos landfein gemacht. Am Ende der schlauchförmigen Halle warten zwei Qualitätsprüfer im Lichtbogen gerade auf einen silberfarbenen Hyundai. Mit weichen blauen Tüchern wischen sie über vermeintliche Kratzer. Gemächlich zuckelt der Wagen via Transportband dahin. "Lackschäden sind selten", sagt Jens Riepenhusen, Geschäftsführer der Autotec. Die Quote liegt bei unter einem Prozent, das sind rund 20 Autos am Tag. An Deck der Frachter werden die Autos geschützt wie rohe Eier: Vorne zwei Gurte, hinten zwei Gurte, so fest gezurrt, stehen sie während der vier Wochen auf dem Weg von Asien nach Europa stramm im Geschirr.

Autotec ist die größte Autowerkstatt Europas. In Bremerhaven kommen jedes Jahr rund zwei Millionen Fahrzeuge an - und bevor sie zum Händler können, müssen viele der Wagen zunächst zu Autotec, wo Sonderausstattungen und Extras eingebaut werden. 420.000 Autos durchliefen im vergangenen Jahr die Autofabrik. In diesem Jahr sollen es 500.000 sein - das wäre für jeden Bewohner Nürnbergs ein Wagen. 18 Hersteller lassen ihre importierten Neuwagen mittlerweile in Bremerhaven umrüsten und die Endabnahme durchführen. Darunter Daimler, BMW, VW, Porsche, General Motors und Ford.

Hübsch machen für die Landpartie

Finden die Qualitätsprüfer im gleißenden Licht kleine Schrammen, beseitigen sie diese vor Ort; größere Schäden erledigen später die Lackierer, denn dafür fehlt den Prüfern die Zeit. In einer Stunde schiebt das 80 Meter lange Transportband 40 bis 50 Fahrzeuge durch die Endkontrolle. Während dieser Zeit haben vier Mitarbeiter die Transporthaken entfernt, geprüft, ob innen und außen vom Aschenbecher bis zur Antenne alles an seinem Platz ist, sie haben Flüssigkeitsstände gecheckt und Sitze, Sicherheitsgurte und Türverkleidungen auf Funktion und Fehler geprüft.

Nach der Endkontrolle kommen die Wagen ins Technikcenter, einer Art Schönheitsfarm für Neuwagen. Hier werden Kundenträume wahr: Sonnendächer werden eingebaut, Heckspoiler aufgeklebt, Navigationsgeräte installiert. Transporter werden verlängert oder bekommen, wie die Wagen der Schornsteinfegerinnung, Firmenwerbung auf die Seiten und die Motorhaube geklebt.

Zehn Dieselpartikelfilter baut in Bremerhaven ein Mechatroniker an einem Tag ein, Sonnendächer je nach Modell ein bis zwei. "Das ist im normalen Werkstattbetrieb nicht möglich", sagt Riepenhusen. Die Autotec profitiert vom Outsourcing durch die Kfz-Hersteller. Die wollen lieber standardisierte Fahrzeuge produzieren und lassen die Extras von Autotec einbauen.

Parkplatz mit 100.000 Autos

Für das Wachstum ist Russland mitverantwortlich. "Der Markt dort boomt", sagt Riepenhusen. Weil Bremerhaven geografisch günstig liegt, schicken viele Hersteller ihre Wagen gerne zum "Waschen, Fönen, Legen", wie Riepenhusen das Aufrüsten der Fahrzeuge gerne nennt, zu Autotec. Danach geht es per Feederschiff weiter gen Osteuropa.

Allerdings ist nicht jedes Fahrzeug, welches das Technikcenter verlässt, bereits verkauft. Braucht der Händler es nicht für seinen Showroom, bleibt es auf dem Tourenfeld, dem Parkplatz der Werkstatt. Wieder offen, wieder mit Schlüssel. "Alles andere führte zum Chaos", sagt Riepenhusen.

110.000 Fahrzeuge können hier geparkt werden. Bei einem Durchschnittswert von 30.000 Euro pro Wagen stehen in Bremerhaven bei voller Auslastung Autos im Wert von mehr als drei Milliarden Euro in Reih und Glied unter freiem Himmel.

Riepenhusen schläft trotzdem gut, denn bei der Autotec komme keiner rein. Und falls doch, dann komme er nicht mehr raus. Mit hohen Stacheldrahtzäunen, Videoüberwachung und patrouillierendem Wachpersonal ist der Parkplatz fast so gut geschützt wie ein Gefängnis.

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