Stillgelegte Rennstrecke in Spanien Die Geisterbahn des Señor Mora

Auf dem Autodrom Terramar in Katalonien wurde einst Motorsport-Geschichte geschrieben. Heute stehen dort Hühnerställe. Salvador Mora sorgt dafür, dass die Rennstrecke nicht vollends verfällt - und rast bisweilen freihändig über das Oval.

Miquel Liso

"Die hier stammen von Pirelli, die von Dunlop. Und die hat Tazio Nuvolari hinterlassen." Mühsam stemmt sich Salvador Mora in einer Steilkurve gegen die Schwerkraft, beugt seine alten Knie und zeigt auf die Reifenspuren auf der rissigen Piste des Autodroms Terramar in Katalonien. Über 90 Jahre sind die im feuchten Beton verewigten Profilabdrücke alt. "Willkommen auf der ersten und ältesten Rennstrecke Spaniens" sagt der 71-jährige Mora, drückt sich wieder in die Senkrechte und lässt den Blick über ein gespenstisches Areal von stiller Schönheit schweifen.

Viel mehr als ein zwei Kilometer langes Betonoval mit zwei Steilkurven, zwei Boxengebäuden und einer Tribüne sind nicht geblieben von der Anlage, die 1922 für vier Millionen Peseten in nur 300 Tagen aus 350.000 Tonnen Beton gebaut wurde. Die Tribüne ist leer, in der Mitte des Ovals wuchert Gebüsch. Dazwischen stehen noch ein paar Hühnerställe; mit dem Federvieh haben sich die Besitzer des Geländes zuletzt über Wasser gehalten.

Vorbei die Zeiten, als der Rundkurs eine echte Sensation war.

Der Unternehmer Eusebi Bertrand i Serra am Steuer eines Rennwagens während der Glanzzeiten des Autodroms Terramar
Autodrom Terramar

Der Unternehmer Eusebi Bertrand i Serra am Steuer eines Rennwagens während der Glanzzeiten des Autodroms Terramar

Zehntausende Besucher wurden Zeugen, als der spanische König Alfons XIII. am 28. Oktober 1923 zum ersten mal den "Gran Premio d'España" startete und damit die Strecke offiziell eröffnete. Nach Brooklands in England und Monza in Italien war Terramar erst die dritte dauerhafte Rennstrecke in Europa. Um vom 40 Kilometer entfernten Barcelona über Schotterpisten zur Strecke zu gelangen, benötigte man mehr als drei Stunden.

Heute gibt es eine Autobahn, die Fahrt dauert weniger als eine halbe Stunde. Spielt aber keine Rolle. Denn während der Formel-1-Zirkus wie am vergangenen Wochenende auf dem Circuit de Catalunya im Norden der Stadt tobt, fährt auf dem Autodrom schon seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr. Außer Señor Mora.

Der Textil-Millionär ist so etwas wie der Majordomus der einzigartigen Rundstrecke und von der Familie dazu auserkoren, den Kurs zu verwalten und zu erhalten. Eine Schwägerin seiner Mutter hatte das Areal vom tschechischen Rennfahrer und Investor Edgar Morawitz übernommen, als dieser von Diktator Franco aus dem Land geekelt worden war. Die neue Besitzerin ließ die Hühnerställe bauen, richtete in den Tribünen eine Tierfutterfabrik ein, trieb Schafe über die Strecke und scherte sich kein bisschen um Rennwagen.

Erst als Mora in seinen Sturm- und Drangjahren jede Nacht mit ein paar Kumpels kam und heimlich seine Runden drehte, war plötzlich wieder ein Hauch von Leben auf der Strecke. Es roch wie früher nach Benzin und Gummi - bis die Señora die Hunde aus dem Zwinger holte und dem wilden Treiben ein Ende machte. Der PS-Pensionär schüttelt sich noch heute vor Lachen, wenn er an die nächtlichen Eskapaden seiner "Scuderia Racing" zurückdenkt.

Hütchen warnen vor einem Hindernis auf der Strecke
Miquel Liso

Hütchen warnen vor einem Hindernis auf der Strecke

Rennen sind auf der zwei Kilometer langen Runde zwar schon seit Jahrzehnten keine mehr ausgetragen worden. Doch seit Mora vor rund zehn Jahren die meterdicke Schicht aus Müll, Mist und Kompost von der Piste gekratzt und den Urwald darauf gerodet hat, ist die Anlage zumindest wieder befahrbar.

Der vermögende Unternehmer lässt bei Classic-Rallyes bisweilen eine Oldtimer-Karawane durch seinen geschichtsträchtigen Vorgarten rollen, vermietet die Strecke für Fotoshootings wie etwa für den neuen Mercedes AMG GT oder Neuheiten aus der Seat-Fabrik im benachbarten Martorell. Und vor allem fährt er so oft es geht selbst.

Egal, ob er sich die Autos seiner Besucher schnappt oder in seinem klapprigen Nissan sitzt - wenn er länger als eine halbe Stunde auf der Anlage ist, muss er einfach ans Steuer, muss Gas geben, auf der Gerade hoch beschleunigen, vor der Kurve herunterschalten und das Gefühl genießen, wenn sich in den Steilkurve Flieh- und Schwerkraft aufheben. Dann nimmt er die Hände vom Lenkrad, lässt sich Runde für Runde weiter nach oben tragen - und fühlt sich "dem Himmel näher, als ich ihm auch später jemals kommen werde".

Freihändig: Salvador Mora ist der einzige, der auf dem Autódromo noch regelmäßig seine Runden dreht
Miquel Liso

Freihändig: Salvador Mora ist der einzige, der auf dem Autódromo noch regelmäßig seine Runden dreht

An Tempo mangelt es dabei nicht: Den offiziellen Streckenrekord von 157,2 km/h aus dem Jahr 1923 hat der Spanier Carlos Sainz quasi en passent eingestellt, als er für einen Videodreh mit seinem GT3-Audi mit 175 km/h über die Geisterbahn gefahren ist als wäre es ein Sonntagsspaziergang.

Und wenn man Señor Mora glauben darf, geht das noch schneller. "Viel schneller", lacht der 71-Jährige und erzählt von einer Runde, die er im allradgetriebenen Porsche 911 eines Freundes absolviert hat. Als er da - wie immer auf seiner Hausstrecke - in der Steilkurve die Hände vom Lenkrad nahm, habe der Tacho schon bei 230 km/h gestanden. "Und da bin ich nicht vom Gas gegangen."

Die großen Rennfahrer einer vergangenen Zeit fahren nur noch in Moras Erinnerung, und die Herren Hamilton, Rosberg oder Vettel drehen ihre Runden hundert Kilometer weiter im Norden auf dem sterilen Circuit de Catalunya. Wenn Mora mit seinem alten Micra nicht mal wieder selbst in der Steilkurve hängt und jauchzend die Hände vom Lenkrad nimmt, geben hier deshalb längst zwei andere Stars buchstäblich den Ton an: Pushkin und Shiva - die Mops-Hunde seiner Begleiterin.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, Carlos Sainz habe in einem DTM-Audi den Streckenrekord aufgestellt. Tatsächlich handelte es sich aber um einen Audi, der in der GT3-Rennserie zum Einsatz kam. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.



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Mertrager 17.05.2015
1. Interessant und gut gemacht
... ist dieser Artikel. Mehr davon.
akg-1 17.05.2015
2. Ideal
Wäre ideal um E- Autorennen oder gar Radrennen durchzuführen. Welches E auto schaft mehr runden mit 100kw?
jberner 17.05.2015
3.
Der "Hauch von Leben" war eher auf der öden Betonfläche, als sie überwachsen war. Und nicht, als sie mit Stinkekisten befahren wurde.
kritischerleser50 17.05.2015
4. Das waren Zeiten
Der Artikel war wirklich mal lesenswert. Und man bedenke: Gebaut damals in 300 Tagen. So lange würde heute schon die Zertifizierung der Toilettenanlagen dauern.
mattbarna 17.05.2015
5. Gran Premio d'España
Entweder auf Spanisch, dann ist es der Gran Premio de España oder auf katalanisch, dann muss es
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