Mit dem Auto in China unterwegs Achtung, Geisterfahrer

Wer in China Auto fahren will, braucht als Westeuropäer einen speziellen Führerschein. Unser Autor Tom Grünweg hat ihn bekommen - auch dank Gymnastik. Dann ging das Abenteuer erst richtig los.

Tim Adler

Aus Shanghai berichtet


Unter mir liegt ein Tunnel, darüber windet sich eine Brücke spiralförmig in den Himmel. Ich fahre mit knapp 30 km/h auf dem Rücksitz eines Kleinbusses mitten durch Shanghai. Schaue ich aus dem Seitenfenster, sehe ich fünf weitere Spuren. Wie ein breiter Asphaltteppich führen sie alle in dieselbe Richtung. Kaum vorstellbar, dass ich mich in den nächsten Tagen im Auto selbstständig durch dieses Labyrinth aus Wolkenkratzern, Baustellen und Blechlawinen bewegen soll.

Noch befinde ich mich auf dem Weg zur Führerscheinstelle, einem angeranzten Büro im Nordwesten der Stadt. Erst seit wenigen Jahren ist es Ausländern in China überhaupt erlaubt, den Führerschein auf Zeit zu erwerben. Die Behörde gleicht einer weitläufigen Kaserne. Geduldig reihe ich mich ein in die Warteschlange. Dann geht es endlich los. In meiner Hand halte ich einen Laufzettel für die verschiedenen Stationen, die es zu absolvieren gilt. Erst lasse ich neue Passfotos anfertigen, weil die europäischen Bilder ein paar Millimeter zu groß sind, mein deutscher Führerschein wird ins Chinesische übersetzt. Eine ältere Dame bittet in gebrochenem Englisch zum Gesundheitscheck. Ihr Kittel strahlt nicht mehr ganz so weiß, sie wirkt gelangweilt.

Sehtest für den Führerschein
Tim Adler

Sehtest für den Führerschein

In einem Behandlungszimmer soll ich ein paar Kniebeugen absolvieren, die Stimmung ähnelt der bei der Musterung. Im nächsten Raum erfolgt ein Hörtest, im dritten Zimmer macht ein Kollege ein EKG. Ich pilgere über die langen Flure, auf denen weitere Patienten - ähm Führerscheinaspiranten warten. Beim Sehtest hält eine Mitarbeiterin mir einen Löffel erst vor das rechte, dann das linke Auge, um sicherzugehen, dass jedes Auge scharf sieht und Farben voneinander unterscheiden kann. Mein Gefühl ist, dass hier jeder besteht. Egal was ich auch antworte - am Ende geht der Daumen nach oben. Mittlerweile kann ich meinen Stapel an Unterlagen kaum noch tragen. Nach jedem Test habe ich ein paar Papiere in die Hand gedrückt bekommen, jedes Mal knallte zudem ein Stempel auf meinen Laufzettel. Nach etwa zwei Stunden in der Behörde ist es dann so weit. Mein Behördenlauf endet vor einem verglasten Tresen, hinter dem mir ein mürrischer Amtmann kommentarlos die Papiere aus der Hand nimmt und mich in ein Wartezimmer schickt.

Apps überwinden Sprachbarrieren

Dort laufen Videos zur Verkehrserziehung in Endlosschleife. Nach der fünften Wiederholung kommt endlich ein Beamter um die Ecke und wedelt mit einem schlampig laminierten Ausdruck in der Hand. Ein billig aussehendes Dokument für 50 Euro, das einem aber nun den Weg auf Chinas Straßen ebnet. Das Abenteuer Auto fahren kann beginnen. Auf den Straßen Shanghais wirkt die auf 4,78 Meter gestreckte Mercedes C-Klasse fast so wie ein Einstiegsmodell. Denn das Stadtbild prägen Luxuslimousinen und Supersportwagen.

Videos zur Verkehrserziehung in Endlosschleife
Tim Adler

Videos zur Verkehrserziehung in Endlosschleife

Ich versuche mich in dem Gewirr aus Hochstraßen und Tunnel zurechtzufinden. Mein Versuch, links abzubiegen, gerät zur Mutprobe. Denn zwischen der C-Klasse und der Ausfahrt liegen acht Spuren, die es zu überfahren gilt. Ich setze den Blinker - und bin damit in guter Gesellschaft. Blinkmuffel wie in Deutschland gibt es kaum, die Regeltreue der Chinesen ist beeindruckend - auch dank einer lückenlosen elektronischen Überwachung. Dennoch ist es schwierig, sich auf chinesischen Straßen zu bewegen.

Das liegt nicht allein an der schieren Menge an Autos, am dichten Verkehr und dem quirligen Durcheinander der unterschiedlichsten Fahrzeugkategorien. Auch die Navigation stellt kein Problem dar, Smartphone-Apps sei Dank, die alle Sprachbarrieren überwinden.

Nachwuchs in China kauft S-Klassen

Trotz ihrer Regeltreue ist der Fahrstil der Chinesen unberechenbar. Das liegt einfach an der mangelnden Erfahrung mit dem Auto, sagt Guan Shaoqing, der für Mercedes im Entwicklungszentrum in Peking die Trends im Fernen Osten untersucht. "Während die Europäer von Kindesbeinen an mit Autos zu leben gelernt haben, gibt es dieses Phänomen hier im Grunde erst seit 30 Jahren", sagt Shaoqing. Er datiert den Beginn der Massenmotorisierung auf die Premiere des VW Santana: "Man muss schließlich reich sein, damit man sich ein Auto leisten kann. Und privaten Reichtum gibt es bei uns erst seit Ende der Achtzigerjahre."

Weder die Fahrer hätten sich also so richtig ans Fahren gewöhnt noch die anderen Verkehrsteilnehmer. Und als wäre das noch nicht genug, flitzen selbst in der hintersten Millionenstadt Abertausende elektrische Roller durch die Straßen. Anders als bei den Pkw-Besitzern ist es um deren Regeltreue eher schlecht bestellt. Die rücksichtslosen Reiter werden für Autofahrer zu einem unkalkulierbaren Risiko. Gern kommen sie einem mal auf einer dreispurigen Straße als Geisterfahrer entgegen, und weil es mit der Akkuleistung offenbar noch nicht so weit her ist, fahren sie natürlich die allermeiste Zeit auch ohne Licht.

Unterwegs in Shanghai
Tim Adler

Unterwegs in Shanghai

Der späte Beginn der Massenmotorisierung und die enorme wirtschaftliche Dynamik des Riesenreiches hat auch einen Einfluss auf die Käuferstruktur, sagt Shaoqing: Die Kunden sind im Schnitt 15 bis 20 Jahre jünger als im Rest der Welt, hat er beobachtet. Während in Deutschland meist erst Senioren eine S-Klasse kaufen, steht in China der Nachwuchs bei den Händlern. Zumal in der Elterngeneration noch kaum jemand einen Führerschein habe.

Chinesen sind verrückt nach neuen Autos

Die Chinesen sind aber nicht nur jünger, sie sind auch gieriger auf neue Autos: Während Märkte wie Deutschland oder die USA mit mehr als 600 bis 700 Fahrzeugen pro 1000 Einwohner längst gesättigt sind, haben im Reich der Mitte erst 70 von 1000 Bürgern einen eigenen Wagen. Seit zehn Jahren verkauft Mercedes deshalb 70 Prozent seiner Neuwagen an Menschen, die noch nie vorher ein Auto besessen haben, im Rest der Welt liegt dieser Schnitt bei fünf bis zehn Prozent. Selbst ein Viertel der S-Klassen-Kundschaft zählt zu den Erstkäufern.

Kein Wunder, dass China längst zum wichtigsten Einzelmarkt für die allermeisten Hersteller geworden ist, Mercedes hat im vergangenen Jahr 570.000 Autos dort verkauft. Doch angesichts des starken Wachstums und der Luftprobleme in den Metropolen erlässt die Regierung strenge Vorgaben für den Spritverbrauch und fördert die Einführung alternativer Antriebe und Elektroautos. Ohne regulativen Eingriff würde das Land am Verkehr ersticken.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
hitman67 18.08.2018
1. Ein wahrer Held...
Ist dieser Author. Wortgewaltig beschreibt er die Odyssee einen Chinesischen Führerschein zu bekommen um dann im feindseligen täglichen Strassengewirr seine täglichen Schlachten zu schlagen. Wir haben uns jedenfalls riesig amüsiert und am Frühstückstisch Tränen gelacht. Anderen China Expats wird es genauso gehen. Wir haben den Führerschein hier vor über einer Dekade gemacht und bewegen uns seither unfallfrei in Shanghai sowie anderen Teilen Chinas. Es ist bei weitem nicht so abenteuerlich wie der Author Sie glauben machen will. Also lieber Author: slow clap!
duolin 18.08.2018
2. Widersprüchlich
Irgendwie widerspricht sich der Artikel. Einerseits wird gesagt, dass "Während die Europäer von Kindesbeinen an mit Autos zu leben gelernt haben, gibt es dieses Phänomen hier im Grunde erst seit 30 Jahren", andererseits wird darauf hingewiesen, dass die Autokäufer eher jünger sind (was tatsächlich auch stimmt. Man sieht relativ wenig ältere Autofahrer in China). Dann sind doch die jungen Autokäufer in China auch "von Kindesbeinen" mit Autos aufgewachsen. Was stimmt jetzt? Zweitens: Die Aussage "die Regeltreue der Chinesen ist beeindrucken [sic]" gilt wahrscheinlich wohl nur für Shanghai. In anderen chinesischen Millionenstädten kommen einem auch gerne Pkws und Lkws als Geisterfahrer entgegen.
rtzlwitz 18.08.2018
3. Seltsam?!
Ich war jetzt ein paar mal in Shanghai und Hangzhou und wenn mit etwas nicht aufgefallen ist, das war das besondere Regeltreue - eher das Gegenteil. Da werden auch gerne mal rote Ampeln überfahren oder Spurwechsel unter kräftigem Hupen aller Beteiligten nach dem Faustrecht vorgenommen. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Chinesen mit ihren teils anarchisch anmutenden Fahrstil weit besser zurecht kommen als z.B. die Nordafrikaner. Denn Unfälle sieht man so gut wie gar nicht. Und es fällt auf, dass sich eigentlich alle an das Tempolimit halten.
laxness 18.08.2018
4. in den80ern
war ich länger in Shanghai. Auf meine Frage an den Taxifahrer warum er nachts ohne Licht fährt war die Antwort: Aus Sicherheitsgründen, die vielen Radfahrer könnten geblendet werden ;-)
qoderrat 18.08.2018
5.
Der Artikel war interessant zu lesen, vor allem weil er geeignet ist aufzuzeigen wie viele Vorurteile der gute Mann hat. Nur mal so zur Info, wenn ich mir die Bilder so anschaue, angeranztes Büro, Wartezimmer mit Sitzgelegenheiten, da kann ich dem Herrn nur entgegnen, wohl schon sehr lange nicht mehr bei uns auf einem Amt gewesen. Bei der örtlichen Zulassungsstelle, die gerade erst vor zwei Jahren umgezogen ist, hätte man sich vor dem Umzug über solche Sitzgelegenheiten mächtig gefreut. Die Profis hatten einen Campinghocker dabei, denn unter zwei Stunden ging da auch nichts.
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