Preisverfall bei Modellfahrzeugen Kleine Autos, große Depression

Die Automania ist Deutschlands größte Börse für Spielzeugautos. Das Angebot bei den Treffen steigt seit Jahren, doch die Preise rauschen in den Keller. Ein Besuch bei gefrusteten Händlern und Sammlern.

Roland Löwisch

Von Roland Löwisch


Als Hans-Werner Diener seinen Stand auf der Automania aufbaut, weiß er genau: Er braucht einen Star. Schließlich herrscht auf der Sammlerbörse für Modellautos in Hannover ein harter Wettbewerb: Mehr als 100.000 Exemplare werden ausgestellt.

Die Automania ist eine der größten Veranstaltungen dieser Art in Europa und die größte in Deutschland, in diesem Jahr findet sie auch im Rahmen der Nutzfahrzeugmesse IAA statt. Und natürlich hat Hans-Werner Diener, Spielzeughändler aus Gummersbach, einen Star dabei.

Er wiegt nur ein paar Gramm, ist schwarz-rot, kürzer als eine Kinderhand und auf einen schwarzen Sockel geschraubt. Ein Plastikdeckel schützt ihn vor fremden Fingern. Es ist die Miniaturausführung eines Mercedes-Benz Actros 3243, ein Betonmischer. Nur 100 Exemplare wurden davon angefertigt, der Actros von Diener hat die Nummer 31. "Der kostet das, was ein Sammler dafür zahlt", sagt er.

1,50 Euro statt 150 Mark

Nimmt man den aktuellen Modellautomarkt als Basis, kann das nicht viel sein: Das Gros der vielen Mini-Vehikel auf der Automania wird für ein bis zwei Euro verhökert. "Der Markt hängt von den Sammlern zwischen 50 und 75 Jahren ab", sagt Kai Seehase, Organisator der Börse. "Aber die werden immer älter. Irgendwann gehen sie nicht mehr auf solche Sammlertreffen, sondern ins betreute Wohnen", sagt der 68-Jährige.

Die Börse ist an diesem Samstag im September trotzdem gut besucht. Es sind hauptsächlich Trucker, die sich an den vielen Ständen tummeln. Einige Modelle werden in die Hand genommen, begutachtet, gedreht - aber gekauft wird wenig. "Die Leute haben einfach kein Geld mehr für so etwas", sagt Diener. "Wer früher bis zu 150 Mark für ein Wiking-Auto ausgegeben hat, bekommt heute gerade mal 1,50 Euro dafür." Seehase ergänzt: "Wer jetzt eine komplette Sammlung auf den Markt schmeißt, erzielt höchstens noch die Hälfte der Summe, die er reingesteckt hat."

Das Internet macht den Börsen keine Konkurrenz

Der Preisverfall hält die rund 50 Händler mit ihren 100 Tischen jedoch nicht davon ab, auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern Modellautos, Bausätze und Zubehör anzubieten. Laut Angaben aus dem Verband der Automobilindustrie hat sich das Angebot bei solchen Börsen seit dem Jahr 2006 nahezu verdoppelt.

Seehase kann diesem Trend nichts Gutes abgewinnen: "Es ist schlicht zu viel Ware auf dem Markt", sagt er. Das liegt nicht nur an den desinteressierten Erben, die die Kollektionen ihrer Väter verscherbeln, sondern auch an der Massenproduktion in Asien. Das Internet ist dagegen kein Konkurrent. Seehase: "Richtig teure Autos wechseln unter Kennern nur persönlich den Besitzer."

Einige Händler in Hannover reagieren empfindlich, wenn man sich ihren Ständen mit einem Fotoapparat nähert. "Keine Bilder", heißt es dann, "nicht in Zeiten von Facebook." Vorlagen für Fälscher müssen um jeden Preis vermieden werden.

Schuld am Abschwung sind die Autohersteller - sagen die Sammler

Auf der Börse gehört ein alter Bus mit 400 Euro zu den teuersten Exponaten, aber manchmal gehen seltene Modelle auch mal für 1500 oder 2000 Euro über den Ladentisch. "Schuco-Lkw, eine Günthermann-Feuerwehr, ein echter Distler-Porsche oder alte Märklinautos werden hoch gehandelt", sagt Seehase. Bei den "Neuwagen" stehen hauptsächlich detailgenaue Druckgussmodelle wie zum Beispiel von Minichamps im Kurs. Sie werden in Deutschland entwickelt und in China produziert. Als Spielzeug taugen sie nichts, dafür sind sie zu zerbrechlich.

Das gleiche gilt für Dieners Betonmischer. Solche limitierten Serien bringen die Hersteller "großer" Autos extra für bestimmte Veranstaltungen mit, um sie ihren Kunden zu schenken oder sie am Tresen dem Publikum zu verkaufen. Laut Seehase einst ein lohnendes Geschäft: "Früher haben Lkw-Hersteller damit ihren ganzen Stand finanziert", sagt der Szenekenner. "In den Neunzigerjahren hätte ich bei Renault rund 1200 Mark für eine Serie von etwa 20 Modelltrucks hinlegen müssen."

Doch nach Ansicht von Diener haben die Hersteller das Geschäft überreizt: "Es gab irgendwann zu viele verschiedene Sondermodelle, und das machte uns Sammler sauer." Trotzdem sind diese Modelle nach wie vor begehrt. Händler wie Diener benötigen gute Kontakte, um ein Exemplar zu ergattern: "Das geht nur mit 'Vitamin B', wenn man vor der Börse seine Freunde bei den Autoherstellern besucht."

Dieners Star, der kleine Betonmischer, findet auf der Automania kaum Beachtung. 36 Stunden nach Ende der Börse stehen die Exemplare Nummer 89 und Nummer 7 bei Ebay im Internet: Null Gebote für einen Festpreis von 83 Euro und zwölf Gebote für 37,50 Euro. Auch der Spielzeughändler wird mit seiner Nummer 31 nicht reich werden.

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archback 01.10.2014
1. Ohne Sammler keine Sammlerpreise
Altes Spielzeug wird von Leuten gesammelt, die als Kind damit gespielt haben; wenn die sterben, gibt es keine Sammlerpreise mehr. Ich merke das gerade an meinen Micky-Maus-Heften aus den Fünfzigern, die mal bis zu 1000 Euro wert waren.
exHotelmanager 01.10.2014
2. Das Modellhobby stirbt aus
Es ist zum teil die Schuld der Händler selbst, die durch unseriöse Preisforderung ein Wertgefühl geschaffen haben, dass so nicht vorhanden ist. Zudem pressen nun Wiking und Schuco aus alten Formen, die Jahrzehnte lang ungenutzt waren, zu recht hohen Verkaufspreisen Neuware auf den Markt. Wie bei den Briefmarken schrumpft aber die Sachkenntnis der Sammler. So ist auch kaum noch jemand bereit, für einen WIKING Aral-Mercedes L3500 in Enzianblau eine größere Summe zu bezahlen, da kaum noch Sicherheit besteht, dass diese rare Modell nicht durch Zusammenbau aus verschiedenen LKW gefälscht ist. Das ist aber genau auch der Grund, warum das Internet hier keine Plattform für Raritäten sein kann. Die "Einstandspreise" sind aber dennoch heute noch leicht zu erlösen, kostete doch ein WIKING-PKW um 1965 1,- DM und ein LP1620-Sattelzug 3,50 DM. Für gewerbliche Händler ist der Markt aber nun schon eng - und das ist gut so. Angesichts des besseren Preis/Leistungsverhältnisses und einer riesigen Auswahl ist der 1:43-Markt derzeit eine echte Wachstumsbranche, zumal gerade in dieser Größe viele Youngtimer aufgeleget werden. Auch kommt dieser Baugröße dem typischen Alter der Sammler entgegen. Ob Sieper eines Tages die alten SIKU-Plastimodelle wieder auflegt?
expendable 01.10.2014
3. Sammlerschicksal...
...egal ob Plastikautochen, Briefmarken, Münzen, Fußballerbildchen, Bindfäden, Zuckerwürfeleinwickelpapierchen oder sonstwas: Der Moment der Wahrheit kommt, wenn man die ach so tolle Sammlung, für die man schubkarrenweise Geld verplempert hat, und die nach Meinung des stolzen Besitzers X Bazillionen wert ist, zu Geld machen will oder muß: Der Moment nämlich, in dem man entgeistert erkennen muß, das niemand auf dem Planeten auch nur einen Furz dafür gibt. Besonders Sammelgebiete, die langsam außer Mode geraten, Briefmarken z.B. Da sitzen manche auf riesigen Sammlungen bunter Papierchen, jedes mit einem irrwitzig hohen Preis gekennzeichnet...nur gibt es niemanden, den das irgendwie jucken würde. Das einzige Sammelgebiet, das sich lohnt, sind gültige Geldscheine.
genugistgenug 01.10.2014
4. vorher Münzen, Briefmarken, Telefonkarten.....
das war doch abzusehen - es gilt einfach Angebot und Nachfrage und wenn man kein Geld mehr zum Leben hat, dann wird sicher kein Hobby gepflegt. Außerdem geht sammeln nur, wenn man noch einen größeren Deppen findet der noch mehr Geld dafür ausgeben möchte = GIER Hier ist vor ein paar Jahren ein Briefmarken- Münzensammler gestorben - der Händler hat in derselben Straße gewohnt und als der Abends seinen Hund ausführte, sah er wie die Erben die Mülleimer füllten. Neugierig geworden schaute er nach und 'rettete' die ganze Sammlung die er über die Jahre an den Kunden TEUER verkauft hatte.
R1181 01.10.2014
5. Generationswechsel oder Ende der Fahnenstange?
Eine große Sammlergeneration tritt ab, die in den Siebzigern und Achtzigern riesige Kollektionen toller Dinge aus den Jahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg angehäuft hat. Münzen, Briefmarken, Oldtimer, Modellautos, Militaria, etc. etc. Deren überlebende Kinder, Enkel und Ehefrauen (!) haben oft keine Kenntnis der Materie, kein Interesse oder sogar einen lange aufgestauten Groll gegen den vergötterten "Trödel". Es wachsen zwar Sammler nach, aber längst nicht soviele. Die wiederum sammeln vor allem die Dinge aus ihrer Jugend. Ein heute Dreißigjähriger träumt vom seltenen Golf II Sondermodell, nicht von einer Isetta. Und selbst, wenn Interesse an den alten Sammelgegenständen besteht: Wer kann und will schon fünfstellige Summen für komplette Sammlungen aufbringen? Und widerspricht es nicht gerade dem Geist dieses Hobbys, dem des Jagens und Aufsprürens, lediglich bereits bekannte, dokumentierte und katalogisierte Sammlungen zu übernehmen? Man kann nur alle echten Liebhaber, denen es zeitlebens nie auf Wertsteigerung ankam, raten, zeitig ein Konzept für die Weitergabe zu entwickeln, bevor ein eBay-Shop an der nächsten Ecke jedes Stück einzeln anbietet und alles zerstückelt wird.
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