Autos für Senioren Gib Gummi, Alter!

Alte Menschen kommen in der Auto-Reklame nicht vor. Dabei ist der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland jenseits der 50. Machen die Fahrzeughersteller etwas falsch?

Porsche

Von Kai Kolwitz


Glaubt man der Werbung der Fahrzeughersteller, dann nutzen in Deutschland nur junge, sportliche Menschen das Auto. In den Spots und Anzeigen hüpfen fast ausnahmslos Leute ans Steuer, die altersmäßig irgendwo zwischen bestandenem Abitur und vierzigstem Geburtstag liegen.

"Jeder Hersteller nennt als Zielgruppe immer die 25- bis 35-jährigen Gutverdiener. Aber die leisten sich in der Regel nur Gebrauchtwagen", sagt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Dabei bestehe die beste Kundschaft in Wirklichkeit aus älteren Menschen, sogenannten Best Agern: "Die haben Vermögen und Kaufkraft", sagt Diez.

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr belegt diese Einschätzung. Das CAR-Institut der Universität Duisburg fand heraus, dass der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland rund 52 Jahre alt ist - so alt wie noch nie. Rund ein Drittel aller Käufer hatte laut der Studie sogar den sechzigsten Geburtstag hinter sich.

Für die Hersteller waren diese Zahlen garantiert keine Überraschung. Aber warum tun sie dann immer noch so, als ob ihre Kundschaft faltenfrei sei? Und warum macht sich kein Autobauer die Statistik zunutze und baut ein Fahrzeug, das speziell auf die Bedürfnisse der Betagten zugeschnitten ist?

"Selbst ein Porsche 911 ist eigentlich ein Auto für Ältere"

Die zweite Frage kann Willi Diez rasch beantworten: "Natürlich haben die Hersteller bemerkt, dass die Käufer immer älter werden und entwickeln Autos auch dementsprechend."

Als Beispiele nennt er Assistenzsysteme wie Toter-Winkel-Überwachung, Abstandsradar oder Müdigkeitswarner. Diese Helfer zählen meistens zur Sonderausstattung und unterstützen eigentlich Fahrer aller Altersklassen, vor allem aber die Best Ager. Hinzu komme, dass viele neue Modelle auf den Markt kommen, die bequem gebaut sind: "Die Sitzposition ist höher, der Einstieg einfacher und sie lassen sich problemlos beladen. Das kommt älteren Fahrern natürlich zugute." Diese Beschreibung passt exakt auf die Vorzüge von SUVs - dem Segment, bei dem die Nachfrage in den vergangenen Jahren am stärksten gestiegen ist.

"Aber selbst ein Porsche 911 ist eigentlich ein Auto für Ältere", sagt Diez. Über die Jahre sei der Sportwagen immer größer und komfortabler geworden.

"Solche Türen sind ja auch für Mütter praktisch"

Trotz dieser offensichtlichen Veränderungen schüren die meisten Hersteller mit ihrer Reklame immer noch den Jugendwahn, anstatt gezielt die etwas grauere Generation anzusprechen.

Die Statements, die man dazu von den Herstellern erhält, sind beinahe deckungsgleich:

  • "Ein jugendliches Image ist auch für Ältere anziehend", heißt es bei Opel.

  • "Unsere Fahrzeuge werden für die Bedürfnisse aller Kundengruppen entwickelt", kommentiert ein VW-Sprecher.

  • "BMW-Modelle werden für verschiedene Nutzungsprofile und Bedürfnisse, nicht für bestimmte Altersgruppen entwickelt", heißt es in München.

Dabei macht BMW bei der Werbung für den kommenden 2er Active Tourer eigentlich eine Ausnahme: Das Aufmacherfoto zur Produkt-Website zeigt einen älteren Herrn mit Mountainbike.

Auch Opel hat ein reiferes Model gebucht, um den bequemen Einstieg in den Meriva zu demonstrieren - allerdings setzt sich der Mann auf die Rückbank, neben ein kleines Mädchen. "Solche Türen sind ja auch für Mütter praktisch, wenn sie ihre Kinder anschnallen wollen", sagt Opel-Sprecher Michael Blumenstein fast entschuldigend. Er räumt jedoch ein, dass die Gruppe der Älteren für die Autobauer lukrativer wird. "Das sind in der Tat oft Kunden, die wohlhabend sind und sich häufiger ein neues Auto kaufen."

Aber dann fügt er den entscheidenden Satz hinzu - und gibt die Antwort auf die Frage nach der fast seniorenlosen Werbung: "Ältere empfinden sich nicht als Ältere."

Frank Leyhausen von der Deutschen Seniorenliga gibt ihm recht. "Wenn es um den Autokauf geht, dann will niemand alt sein in Deutschland", sagt er. "Die Leute wollen etwas, was ihre Voraussetzungen erfüllt, aber trotzdem schick aussieht."

Der Schulterblick ist "ein Riesenthema"

Die Voraussetzungen erfüllen, das tun laut Leyhausen zum Beispiel Einparkassistenten - der Schulterblick sei bei den Senioren "ein Riesenthema". Aber die elektronischen Helfer können sie auch überfordern. Wer jemals in einem Auto versucht hat, die gefühlt 17 verschiedenen Pieptöne zuzuordnen, weiß vermutlich, was gemeint ist.

Die Seniorenliga fordert von Herstellern und Händlern deshalb, sich bei der Beratung mehr Mühe zu geben. "Da gibt es noch ein Riesenpotenzial", sagt Leyhausen. Der Lobbyist schlägt vor, dass sich der Händler beispielsweise einen Monat nach dem Kauf noch einmal mit den Kunden zusammensetzt, um offene Fragen zu klären.

"Das wäre etwas, was nicht nur Älteren helfen würde", sagt er. Denn auch beim Service sollte das Alter diskret behandelt werden. Denn die Marketingstrategie der Hersteller, Best Ager nicht gezielt zu umwerben, kann Leyhausen absolut nachvollziehen.

Die Autobauer müssten ja nicht den gleichen Fehler machen wie viele Gastronomen: "Niemand", sagt er, "bestellt im Restaurant einen Seniorenteller."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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zerr-spiegel 26.08.2014
1. Alte Menschen über 50?
Geht's noch? Ich bin Ü50, aber sicher nicht alt! Die andere Foristen werden das ähnlich sehen.
barrakuda64 26.08.2014
2. Spaß für die ergraute Bevölkerung
Erst gestern abend kam mir wieder einer dieser Porsches entgegen – am Steuer ein alter, grauhaariger Mann, so um die 60 oder 60+. Nichts gegen ältere Herren, zähle ich doch (obwohl ich´s gar nicht glauben kann) mit 50 Lenzen auch nicht mehr zum angeblichen Zielpublikum der Autoindustrie. Zum Zielpublikum zählte ich auch in jungen Jahren nicht, denn mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel waren immer schon (schnelle) Motorräder. Aber die Analyse, was den durchschnittlichen Porsche 911 Fahrer angeht ist korrekt. Immerhin durchzuckte mich gestern bei o. g. Anblick der Gedanke: ein Porsche ist tasächlich ein Auto für ältere Herren, die die Damenwelt mit anderen, als den mittlerweile verfallenen, körperlichen Qualitäten, zu beeindrucken versuchen. Aber mit immer üppigeren PS Zahlen aufwartende, dynamische Autos und alte Menschen bilden eine krassen Gegensatz. Und so wird mit den Gefühlen der "Alten" Geld gemacht, denn das haben sie. Und den Irrglauben, man würde sich mit einem jugendlich beworbenen Auto auch die Jugend kaufen, läßt man sich schon einiges kosten. Eine Frischzellenkur ist auch nicht billiger. Der durschnittliche urbane 25 bis 30-Jährige hat die Zeichen der Zeit erkannt. Verkehrsstau bis zum Infarkt, von Freiheit keine Spur, keine Parkplätze in Innenstädten (geht auch gar nicht mehr) und ein generell anderes Verhältnis zum Fahrzeug. Nur noch die "Landeier", für die das Auto den Anschluß zum Rest der Welt sicherstellt, sieht im Auto noch eine heilige Kuh, für die alles geopfert werden muss. Um noch einmal auf den Porsche- bzw. Sportwagenfahrer zurückzukommen. Für mich ergibt sich folgendes Fazit: ich bleibe beim Zweirad – das beeindruckt zunächst auf der Straße weniger, aber wenn man den Helm abnimmt, umso mehr, denn: AUF ZWEI RÄDERN BLEIBT MAN JUNG!
moulesfrites 26.08.2014
3.
"Machen die Fahrzeughersteller etwas falsch?" Nee, passt schon. Die bezahlen halt schlecht, grade die Jungen bekommen nicht mehr die Verträge wie die alten. Die Silver Surfer fahren Neuwagen, derjenige, der sie produziert wenn überhaupt eine alte Gurke. Naja, aber dass ein ehemaliger Dreher heute mehr Rente netto hat, als ein Ing mit Arbeit verdient juckt niemanden. Generationenvertrag brechen - jetzt!
arnewolf 26.08.2014
4. Neuwagen?
Selbst wenn man im Vergleich nicht schlecht verdient ist es allein schon eine Herausforderung, so ein Auto zu unterhalten. Wer sind die vielen tollen 25-35 jährigen, die sich locker Neuwagen jenseits der Kleinwagenklasse leisten können, ohne dass die Raten für Haus etc. nicht in Verzug kommen? Alles auf Pump?
deesdrei 26.08.2014
5. Mal ehrlich!
Unabhängig vom Alter des Fahrers: was, bitte, bringt bei modernen Autos noch der Schulterblick? Dass ich sehe, dass meine B-Säule noch da ist und welche Farbe mein Sicherheitsgurt hat?! Den nachfolgend versetzt fahrenden Verkehr sehe ich bestimmt nicht, denn der wird von der Karosserie erfolgreich verdeckt. Den Rest erledigen großformatige Kopfstützen und Sportsitze. Nicht umsonst findet man heutzutage schon in jedem besser ausgestatteten Kleinwagen Totwinkel-Assistenten und sogar Rückfahrkameras - eben weil man, wenn man aus den Fenstern sieht, eben nüscht mehr sieht. Zumindest, wenn der Blick, z.B. beim Spurwechseln oder Einparken, nach schräg hinten geht.
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