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Autosammlung Harnekop: Im Paradies der Ostlauben

Aus Harnekop berichtet

Sammlung alter Ost-Wagen: Autos im Atombunker Fotos
Tom Grünweg

In einer versteckten Großgarage in Brandenburg steht eine der größten Sammlungen von Ost-Autos. Hüterin des Schatzes ist eine resolute Frau.

Die Zufahrt, einen ziemlich überwucherten Plattenweg, übersieht man leicht. Sie liegt außerhalb der ohnehin schon abgelegenen Ortschaft Harnekop in Brandenburg, und nach ein paar Kilometern ins Nirgendwo erreicht man ein Gelände mit leicht gruseliger Atmosphäre - zumindest an einem nebeligen Herbsttag.

Es ist die Bunkeranlage des früheren Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR. Heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, ringen hier Denkmalschützer um den Erhalt der Anlagen, die sogar einem Atomschlag hätten standhalten sollen.

In den Fahrzeughallen des weitläufigen Areals ist die Vorwendezeit noch sehr lebendig. Sie beherbergen eine eindrucksvolle Sammlung von Autos, Lastwagen und Motorrädern, die eine resolute Frau zusammengetragen hat. Galina Brunner pflegt dort das Erbe ihres Mannes Lothar, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Für die Autos kaufte sie eigens einen Teil des abgelegenen Areals.

"Das Auto war sein Ein und Alles"

Nach Voranmeldung und gegen eine kleine Spende können Besucher die Sammlung besichtigen. Die Gemeinsamkeit der Exponate: Sie wurden im ehemaligen Ostblock gebaut. "Mein Mann hat schon immer für Autos aus dem Osten geschwärmt", berichtet die Witwe. Sie streichelt andächtig den weißen Wolga M21 aus den Sechzigerjahren, mit dem alles begann. "Das Auto war sein Ein und Alles, mit dem war er fast täglich unterwegs", erzählt Brunner. Ihr Gatte machte sich noch lange nach der Wende einen Spaß daraus, mit einem Wartburg der Volkspolizei durch die Hauptstadt zu fahren. "Mit roten Kennzeichen und ohne Blaulicht."

Als Galina und Lothar 1992 ein Paar wurden, erhielt die Sammelleidenschaft des Mannes einen Schub. Denn damals war die studierte Bauingenieurin Inhaberin einer Altauto-Annahmestelle im Osten Berlins. In einer Zeit, in der jeder Ostdeutsche so schnell wie möglich ein Auto aus dem Westen fahren wollte, war stetiger Nachschub für die Sammlung gesichert. Und die etwas exotischeren Modelle aus russischer Produktion, beschaffte die Verwandtschaft von Galina Brunner. "Ich komme aus der Ukraine und kenne dort Gott und die Welt", sagt sie und schreitet stolz die Tore ab, hinter denen die ehemaligen Prunklimousinen schon für den Winterschlaf vorbereitet sind.

Zur Entlastung der Reifen sind fast alle Autos aufgebockt und als Korrosionsschutz tragen die Chromteile eine braune Schmiere. So stehen sie parat, die Tschaika, Pobeda, oder SiM, als wären die Politbonzen gerade erst zu einer Besprechung im geheimen Kommandostand eingetroffen. Selbst ein offener UAZ-Geländewagen aus der Paradeflotte Erich Honeckers steht in der Garage; und ein ziviler Stasi-Dienstwagen auch. Denn was auf den ersten Blick aussieht, wie eine normale Limousine vom Typ Wolga 3102, ist ein ziemlich scharfes Agenten-Auto - unter der Haube steckt nämlich ein V6-Motor von Volvo.

Zu sehen sind die Fahrzeuge auch in etlichen Filmen

Eine Halle weiter parken im Schummerlicht rund 50 weitere Autos. Wartburg, Trabant und Lada, Saporoshez, Moskwitsch, IFA und was im Osten sonst noch auf die Räder gestellt wurde. Oft stehen die Karosserien so dicht aneinander, dass man kaum mehr die Türen öffnen kann. Schließlich brauchte Frau Brunner auch noch Platz für ein paar Dutzend Barkas-Transporter und die riesigen Ural-Laster.

Zu sehen bekommt man die Autos allerdings nicht nur in der brandenburgischen Weite im Nordosten von Berlin, sondern auch im Fernsehen. "Es gibt kaum einen neueren Film über den Osten, in dem nicht ein paar meiner Autos mitspielen", sagt Galina Brunner. "Der Untergang", "Sonnenallee", "Good-bye Lenin", "Polizeiruf 110", "Stalingrad", "Der Tunnel" oder "Baltic Storm" - wann immer in den vergangenen Jahren Ostalgie auf Rädern gefragt war, standen die Produktionsgesellschaften in Harnekop auf der Matte.

Die allermeisten Ausstellungsstücke sind auch fahrbereit, denn Brunners Sohn, der als Mechatroniker für Mercedes in Berlin arbeitet, kümmert sich um die Technik der Oldies. Galina Brunner dreht immer mal wieder in diesem oder jenem Wagen eine Runde über das weitläufige Gelände.

Altautos als Stimmungsaufheller

Die Sammlung ist tatsächlich einzigartig. In der ehemaligen Feuerwache auf der anderen Seite des Hofes stehen eine Handvoll Löschfahrzeuge, weiter hinten parken ein paar ausrangierte Panzer, danach kommt die Garage mit Lastwagen wie dem wunderbaren, königsblau lackierten Garant, und dann gibt es ja auch noch den Saal, in dem nahezu hundert Motoräder parken - von EMW-Modellen aus Eisenach bis zur Schwalbe aus Suhl.

Längst hat die Sammelleidenschaft auch Galina Brunner gepackt, ihre Wunschliste von Autos, die sie gern noch in der Sammlung hätte, ist lang. Der eigentliche Grund für die Sammlung und das Auto-Museum im Aufbau jedoch ist die Bewältigung der Trauer. "Wann immer ich mich alleine fühle, Kummer habe oder mich in meinen Erinnerungen verliere, muss ich nur durch die Garagen gehen und mich in die Autos setzen. Danach geht es mir gleich viel besser."

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Toll!
Pixopax 08.11.2014
Wenn ich da an den letzten Bericht einer Autosammlung denke, der Idiot hat seine Autos im Wald absichtlich verrotten lassen. Kunst.. Ein grosses Lob an diese Dame, die mit ihrer Sammlung ein Stück Geschichte vor dem Rost bewahrt.
2. Den GAZ (Wolga) 3102 gabs doch sogar mit V8
new_eagle 08.11.2014
Für die Sicherheitskräfte gab es den GAZ (Wolga) 3102 doch werksseitig mit einem 5,5l V8-Motor (ZMZ-505) der 195 PS leistete. Wozu also ein Volvo V6? Hatte der Volvo V6 mehr als 195 PS? Glaube eher nicht.
3. Schöne Sammlung
thlogical 08.11.2014
und ein Stück Geschichte. Eigentlich schade das sowas nicht für alle zugänglich ist. Es zeigt auch das im Osten nicht nur geschlafen wurde sondern auch was geschaffen. Sehr sehr schön
4.
totalmayhem 08.11.2014
Brandenburg mag ja ein grossflaechiges Bundesland sein, aber wie man dort so einfach eine Grossgarage verstecken kann, ist mir ein Raetsel. ;)
5. Bild 5
tepchen 08.11.2014
Ist kein W353 sondern ein Wartburg 1.3 mit 4-Takt Motor (von VW).
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