Aus Mexiko berichtet Tom Grünweg
3113 Kilometer in 18 Stunden, 51 Minuten, 19 Sekunden: Wer einmal in Mexiko am Steuer saß, der ahnt, wie diese Leistung einzuschätzen ist. Zudem ist der Rekord 58 Jahre alt, gefahren in einem Auto ohne ABS und ESP, ohne Servolenkung und ohne Klimaanlage. Geschafft haben das damals die deutschen Rennfahrer Karl Kling und Hans Klenk, die mit einem Mercedes 300 SL und einem Durchschnittstempo von 165 km/h den Sieg bei der Carrera Panamericana sicherten.
Die mittelamerikanische Marathonfahrt zählte neben der Mille Miglia und der Targa Florio zu den legendären Straßenrennen der fünfziger Jahre und war eigentlich eine Propagandaveranstaltung. Denn der von allen amerikanischen Staaten beschlossene Bau einer Magistrale von Alaska bis Feuerland war zuerst in Mexiko fertig. Um das zu feiern, wurde 1950 erstmals das Rennen Panamericana auf der frischen Asphaltpiste ausgetragen. "So eine tolle Strecke gab es sonst nirgends", erinnert sich Hans Herrmann, der 1954 bei der letzten Auflage (das Rennen wurde wegen zu vieler Unfälle verboten), mit einem Porsche antrat.
Heute ist die Strecke nicht mehr ganz so tadellos. Es gibt knöcheltiefe Schlaglöcher und der Asphalt ist rau. Doch dafür entschädigt die Route mit fabelhaften Kurvenkombinationen in grandioser Einsamkeit und einer für Mexiko typischen Szenerie.
Im Slalom durch Kakteenwälder gen Himmel
Die gesamte Strecke von Tuxtla Gutiérrez im tropischen Süden nach Ciudad Juarez im Norden Mexikos ist für Touristen eher nicht zu empfehlen. Denn während Kling und Klenk 1952 die acht Etappen mit ihrem 180 PS starken Mercedes-Flügeltürer in vier Tagen abspulten, braucht man heute dafür wahrscheinlich ein oder zwei Wochen. Doch zum Beispiel das Teilstück von Puebla nach Oaxaca auf den berühmten Highways 150, 125 und 190 schafft man mühelos an einem Tag.
Nur kurz folgt man von Puebla aus der Autobahn Richtung Süden, lässt dann links den Vulkan Popocatépetl liegen und im Slalom die großen Lastwagen mit unberechenbarem Fahrstil hinter sich. Kaum wird die Bebauung lichter und das Panorama dichter, folgt kurz vor Tehucan die Abfahrt auf die Landstraße - und es beginnt der vielleicht schönste Streckenabschnitt des Tages: Erst in weiten und dann in immer engeren Kehren führt die Straße durch schier endlose Kakteenwälder, während das Kino im Kopf die besten Westernszenen der persönlichen Fernsehgeschichte einspielt und sich im Ohr die Musik von Ennio Morricone einnistet, der unter anderem den Soundtrack zum Klassiker "Spiel mir das Lied vom Tod" komponierte.
Erstaunliche Temposchwellen malträtieren Auto und Insassen
Immer höher führt die Straße, man erreicht auf dieser Route weit mehr als 2000 Höhenmeter, durchschneidet ein verschlafenes Bergbaugebiet für Marmor und das Mineral Onyx und schwingt anschließend durch sanfte Täler. Schließlich folgt die Straße dem Saum atemberaubender Klippen.
Gegenverkehr ist hier selten, und wenn, dann sind es vor allem alte VW Käfer und noch ältere VW Busse, die einem entgegentuckern. Eine Stadt wird auf diesem Teilstück nicht passiert, doch es gibt zahlreiche kleinere Ortschaften, und auch in Drei-Häuser-Nestern setzen die Mexikaner auf drastische Mittel der Verkehrserziehung. Es gibt auf den Ortsdurchfahrten Temposchwellen, die beinahe schon Straßensperren sind. Es empfiehlt sich, möglichst sanft über diese Wälle zu fahren - sonst könnte die Tour gar durch einen Achsbruch enden.
Wer langsam fährt, hat ohnehin mehr von dieser zauberhafte Route. Außerhalb der Ortschaften sowieso, aber auch in den Dörfern gibt es pittoreske Straßenzüge mit bunten Häusern zu entdecken.
Idealerweise liegt der größte Ort der hier beschriebenen Route, sein Name ist Huajuapan de León, ungefähr auf der Hälfte der Strecke. Hier lohnt sich ein Kaffeestopp oder Mittagsimbiss in einem der ebenso kleinen Restaurants. Und Tankstellen mit geregelten Öffnungszeiten gibt es hier auch.
Rote Felsen, grüne Hügel und viele unvorhersehbare Hindernisse
Frisch gestärkt geht es von hier auf die zweite Etappe der Tour, und schon nach drei, vier Kilometern zeigt die Landschaft ein ganz anderes Bild. Es wird gebirgig, rote Felsen rahmen die Straße ein, als Kontrast dazu leuchten grüne Hügel zwischen dem schroffen Gestein. Allmählich werden die Kurvenradien wieder weiter, und kurz vor Oaxaca wird aus der Landstraße sogar so etwas wie eine Autobahn. Spätestens hier fühlt man sich an die Herren Kling und Klenk erinnert und spürt die Lust, das Gaspedal etwas tiefer zu drücken.
Größtmögliche Aufmerksamkeit ist jedoch stets geboten. Zwar herrscht wenig Verkehr, und das Tempolimit wird von kaum jemandem ernst genommen, doch so schnell wie die Mercedes-Piloten von einst sollte man keinesfalls fahren. Denn immer wieder begegnet man Eseln, Rindern oder Felsbrocken auf der Straße, und am Rand zeugen zahlreiche Kreuze von den Gefahren auf dieser Route. Der Tankwart in Huajuapan de León drückte es so aus: "Cuenta con todo ." Hier kann alles passieren.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fahrkultur | RSS |
| alles zum Thema Schöne Autorouten | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH