Benz-Patent-Motorwagen Aller Auto Anfang

Es fauchte und knatterte - aber es fuhr! Vor 125 Jahren baute Carl Benz das erste Automobil. Auch wenn die Entwicklung seitdem ungeheure Fortschritte erzielt hat: Der Urahn bietet immer noch Fahrspaß. Tom Grünweg war mit einem detailgenauen Nachbau des Patent-Motorwagens unterwegs.

Daimler Archiv

Mannheim im Winter 1885. Aus der Werkstatt von Karl Benz dringen schon seit Wochen merkwürdige Geräusche. Man hört Fauchen und Knattern, und hätte sich nachts jemand auf die Lauer gelegt, wäre er wohl des Erfinders ansichtig geworden, wie er auf einer wahnwitzigen Maschine durch die Dunkelheit rollt. Was damals gespenstisch gewirkt haben muss, ist heute ganz normal: ein fahrender Wagen ohne Pferde. Carl Benz brachte ein solches Vehikel im Winter 1885/1886 erstmals ins Rollen. Es war das erste Automobil der Welt - und der Patentantrag mit der Nummer DRP 37435 vom 29. Januar markiert seinen Geburtstag. In diesem Jahr wird die Erfindung 125 Jahre alt.

Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel feiert Mercedes-Benz am Wochenende in Stuttgart das denkwürdige Jubiläum. Damals hingegen hielt sich die Begeisterung für die neue Art der Fortbewegung in engen Grenzen. "Die Menschen sammeln sich an, lächeln und lachen. Das Staunen und Bewundern schlägt um in Mitleid, Spott und Hohn", schrieb Benz in seinen Erinnerungen. "Wie kann man sich in einen armseligen, laut lärmenden Maschinenkasten setzen, wo es doch genug Pferde gibt auf der Welt". Es muss ernüchternd für ihn gewesen sein, war es doch sein Traum, "die Lokomotive aus ihrer Zwangsläufigkeit zu befreien. Sie sollte nicht mehr gebunden sein an die eiserne Linie der Schiene, an den starren Schienenstrang."

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Benz-Patent-Motorwagen: Der dreirädrige Erstling
Ehe die neue Erfindung die Welt bewegte, brauchte es noch etliche Jahre und zahlreiche weitere Verbesserungen und mutige Entscheidungen. Die werbewirksame Fahrt von Benz' Ehefrau Bertha von Mannheim nach Pforzheim im August 1888 etwa, oder die Arbeit von Tüftlern wie Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach, die keine 150 Kilometer entfernt von Mannheim, in Cannstatt, und nahezu zeitgleich ebenfalls einen pferdelosen Wagen konstruierten.

Der Erstling aus Mannheim kam in der Folge beinahe unter die Räder. Schon kurz nach der Jungfernfahrt demontierte Benz das Dreirad und baute es immer wieder um, berichtet Winfried Seidel, der das "Automuseum Dr. Carl Benz " in Ladenburg leitet. Danach wurde der Motorwagen nach seinen Recherchen zur Weltausstellung nach St. Louis in die USA verschifft. Später schenkte Benz den Wagen dem Deutschen Museum. "Dort wurde er während des Krieges beschädigt", erzählt Seidel. Zwar sei der PS-Pionier wieder restauriert worden, "doch so richtig original ist das Original nicht mehr".

Die Nazis bauten zu Propagandazwecken drei Motorwagen nach

Damit ist es in guter Gesellschaft. Denn wo immer Ingenieure, Industrielle oder talentierte Tüftler die Bedeutung des Motorwagens erkannten, bauten sie ihn nach. Später geschah dies zu Propagandazwecken, etwa als die Nazis für die Olympischen Spielen 1936 in Berlin drei Exemplare des Motorwagens neu auflegen ließen. Und in den folgenden Jahrzehnten gehörte der Nachbau des Patent-Motorwagens zum festen Programm in den Lehrwerkstätten des Konzerns.

Dass man das erste Automobil der Welt selbst heute noch als Neuwagen kaufen kann, ist jedoch kein Verdienst von Mercedes. Sie geht eher auf die Unternehmenslust des Engländers John Bentley zurück, der nach Angaben von Museumsmann Seidel, frech ein paar Nachbauten anfertigte und damit die Juristen von Daimler auf den Plan rief. Der Zwist endete allerdings gütlich, Mercedes und Mister Bentley einigten sich, und nun baut der Plagiator den Ur-Oldie, während Mercedes die Motorwagen-Replicas exklusiv vertreibt.

Von Mercedes selbst gibt es zu diesem Thema keine weitere Auskunft. Auch Angaben darüber, wie viele Handwerker mit dem Nachbau beschäftigt sind, wie lange an solch einem Fahrzeug gearbeitet wird und welche Maschinen zum Einsatz kommen, ist aus Stuttgart nicht zu erfahren. Immerhin wird offiziell bestätigt, das bislang bei verschiedenen Zulieferern rund 150 Exemplare hergestellt wurden.

Ein originalgetreuer Nachbau kostet 66.400 Euro

Diese nachgebauten Patent-Motorwagen stehen heute meist bei Mercedes-Niederlassungen und -Händlern. Sie werden in Museen ausgestellt oder von privaten Sammlern gekauft. Und sie tauchen ab und zu bei Auktionen oder in Kleinanzeigen auf. Gebraucht gibt es die Benz-Dreiräder ab 40.000 Euro aufwärts, berichtet Seidel. Bei Mercedes kostet ein neuer Nachbau 66.400 Euro.

Mit einem davon unternahm SPIEGEL ONLINE anlässlich des Jubiläums ein kurze Ausfahrt. Dabei erwies sich der Patent-Motorwagen - ganz anders als etwa der Reitwagen von Gottlieb Daimler aus dem Jahr 1885 - als beinahe alltagstaugliches Gefährt. Zum Anlassen des mit konventionellen Zündkerzen bestückten Benz-Motors genügt ein kräftiger Dreh am riesigen Schwungrad. Schon meldet sich der Motor mit einem gemütlichem Tuckern zu Wort.

Auch das Fahren geht überraschend leicht von der Hand. Während Daimlers Erstling eher als Urahn des Motorrades gelten kann, thront man auf dem Patent-Motorwagen auf einem bequemen Ledersofa hoch über der Straße. Dabei regelt man das Tempo mit der linken Hand und hält mit der rechten den Kurs.

Die ersten Typen krachten an die Werkstattmauer

Trotzdem wird bei dieser Fahrt nach 125 Jahren klar, warum die ersten Probeläufe von Benz damals jäh an der Werkstattmauer endeten. Denn wendig ist das Dreirad mit den fast mannshohen, dünnen Speichenrädern nicht. Und es gerät leicht aus der Balance. Doch nach einer Eingewöhnung bekommt man ein Gefühl für das Gefährt. Mit jedem Meter geht die Bedienung leichter von der Hand, parallel dazu wagt man auch eine schnellere Gangart. Auf 16 km/h beschleunigt der knapp ein PS starke Einzylindermotor das rund 300 Kilogramm schwere Dreirad. Für Benz und seine Zeitgenossen muss das atemberaubend gewesen sein.

Glaubt man Mercedes, dann haben sich die Entwickler in Stuttgart und die Handwerker in England beim Nachbau peinlich genau an das Original gehalten. "Sie gleichen einander bis ins kleinste Detail", schreibt die Classic-Sparte auf ihrer Webseite. Nur in einem Punkt beugt sich das erste Auto der Welt inzwischen dem technischen Fortschritt und den aktuellen Anforderungen: Statt wie damals mit dem hochprozentigen Fleckentferner Ligroin aus der Apotheke, kann der Patent-Motorwagen von heute mit handelsüblichem Benzin betrieben werden.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
chilip 28.01.2011
1. Keineswegs aller Auto Anfang!
Entgegen der weitverbreiteten Meinung ist das Automobil keinesfalls erst 125, sondern exakt 204 Jahre alt. Im Jahre 1807 meldete François Isaac de Rivaz (1752-1829), Offizier der französischen Armee, ein Patent an. Es handelte sich dabei um das erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Strassenfahrzeug. Es bewegte sich von "selbst", war also trotz seiner Einfachheit das erste "Auto-mobil". Mehr dazu bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_de_Rivaz SPON ist auf die Propaganda der deutschen Automobilindustrie hereingefallen.
founder 28.01.2011
2. Verherlichung einer Knatter Stink Kiste
Warum wird nur diese kantternde und stinkende Kiste als erstes Auto verherrlicht? Auf der Elektrizitätsmesse 1881 in Paris präsentierte der Franzose Gustave Trouvé erstmals ein Elektroauto.
Layer_8 28.01.2011
3. Tja, sehr verehrte Schwaben...
Zitat von sysopEs fauchte und knatterte - aber es fuhr! Vor 125 Jahren baute Carl Benz das*erste Automobil. Auch wenn die Entwicklung seitdem*ungeheure Fortschritte erzielt hat: Der Urahn bietet immer noch Fahrspaß. Tom Grünweg war mit*einem detailgenauen Nachbau*des Patent-Motorwagens unterwegs. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,741261,00.html
...ihr könnt euch winden wie ihr wollt. Es war nicht euer Daimler. Es war unser Mannemer Carl! Guter Mann. Ein Exilbadener aus Berlin :D
bicyclerepairmen 28.01.2011
4. ...
Zitat von founderWarum wird nur diese kantternde und stinkende Kiste als erstes Auto verherrlicht? Auf der Elektrizitätsmesse 1881 in Paris präsentierte der Franzose Gustave Trouvé erstmals ein Elektroauto.
Und von dessen "Nachfolger" noch vor der Jahrhundertwende den 100 KmH Rekord geknackt wurde.... http://de.wikipedia.org/wiki/La_Jamais_Contente
biobanane 28.01.2011
5. .
Zitat von chilipEntgegen der weitverbreiteten Meinung ist das Automobil keinesfalls erst 125, sondern exakt 204 Jahre alt. Im Jahre 1807 meldete François Isaac de Rivaz (1752-1829), Offizier der französischen Armee, ein Patent an. Es handelte sich dabei um das erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Strassenfahrzeug. Es bewegte sich von "selbst", war also trotz seiner Einfachheit das erste "Auto-mobil". Mehr dazu bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_de_Rivaz SPON ist auf die Propaganda der deutschen Automobilindustrie hereingefallen.
Es gibt "Erfindungen" die liegen einfach inder Luft, da ist es eigentlich egal, wer der erste war. Ist wie mit der Glühbirne oder dem Telefon. Ist auch müßig zu streiten, ob nicht auch schon die dampfbetriebenen Wagen Autos waren, ober eben der zitierte mit dem Gasgemisch. In D. ist es eben das erste Patent und mit dem Verbrennungsmotor mit elektrischer Zündung, eben ganz nah am heutigen Auto. Wobei wir Mannheimer dabei natürlich sehr pateiisch sind. Da war doch letzes Wocheneden der Schwabe Mappus in der Stadt und besuchte einen Fasnachtsstitzung. Also eigentlich sein Publikum. Trotzdem wurde er ausgebuht, weil er die Erfindungen von Daimler und Benz auf eine Stufe stellte. So macht man sich keine Freunde außerhalb Stuttgarts.
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