Radel verpflichtet

Fahrrad-Blog Von Monstern und Mulis

Madlen Krippendorf

Auf der Berliner Fahrradschau trafen sich neulich wieder viele Exoten der Branche. Einige Neuvorstellungen haben mich daran erinnert, was ich am Radkosmos so faszinierend finde - Rachegelüste an den Grunewaldseekläffern inklusive.

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  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Zum Beispiel am Stand von Truebike: Der slowakische Hersteller zeigte auf der Berliner Fahrradschau Bikes mit riesigen 36-Zoll-Laufrädern. Als ich sie sah, kam mir sofort der Vergleich mit einem Unimog oder Monstertruck in den Sinn.

Einen kleinen Testparcours gab es in Berlin auch, und natürlich wollte ich wissen, wie sich das Rad mit den Riesenreifen fährt. Erstaunlich unkompliziert und wendig, so mein erster Eindruck. Kurven auf engem Raum sind kein Problem. Die Sitzposition ist angenehm entspannt. Allerdings muss man sich daran gewöhnen, dass das Lenken zumindest bei langsamer Fahrt deutlich mehr Kraft als bei einem normalen Fahrrad erfordert, weil das Vorderrad ziemlich schwer ist.

Auf dem Truebike fühlte ich mich wie bei der Fahrt durchs Gelände, die ich vor einigen Jahren mal mit einem Land Rover unternommen habe: Ich hatte Lust, über alles hinwegzubrettern, was im Weg lag. Dabei musste ich an die Meute von Kläffern denken, die mich bei meinen Fahrradfahrten am Grunewaldsee immer so nerven.

Bevor meine Fantasie mit mir durchging, schaute ich auf den Preis des Truebikes: Mit ordentlicher Schaltung kostet es knapp 3000 Euro - eine Menge Geld für ein Rad, das ich im Alltag kaum nutzen würde.

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Berliner Fahrradschau 2017: Ein Monstertruck für den Radweg

Trotzdem: Skurrilitäten wie das Truebike sind einer der Gründe, warum ich Fahrräder liebe. Bei einer Autoschau präsentieren vor allem Großkonzerne ihre neuesten Entwicklungen, es geht um PS, Energieeffizienz oder die neueste Einparkhilfe. Dieses ganze "leichter, schneller, effizienter" gibt es auch beim Fahrrad, in Berlin waren die Laufräder oder Schaltungen zu sehen, mit denen Gewichtsfanatiker noch einmal 30 Gramm sparen können. Aber daneben ist Platz für die Ideen von kleinen Firmen und Tüftlern, denen es nicht um Leistung geht, sondern um Originalität, um Schönheit und vor allem um Spaß.

Mitleidige Blicke vom Tretroller-Verkäufer

Das kann eine Klingel mit einem besonders schönen Klang sein oder ein Schutzblech, das man in der Trikottasche mitnimmt. Vieles verschwindet rasch wieder, weil sich nicht genug Käufer finden. Aber manches überlebt in Nischen, weil es unter Fahrradfahrern viele Liebhaber kurioser Entwicklungen gibt. Räder wie das Truebike wird man auch künftig nicht in einem konventionellen Fahrradladen finden.

Das Gegenstück zum Truebike ist der Scooter der tschechischen Firma Yedoo. Ein hübsches Gefährt mit vergleichsweise kleinen Reifen - 26 Zoll vorne, 20 Zoll hinten - einem niedrigen Einstieg und ohne Pedale. Ein Tretroller also, aber ein besonders schöner. Er ist fast so groß wie ein Fahrrad und fährt sich überraschend flott und stabil. Die zupackenden V-Brakes bringen ihn deutlich schneller zum Stehen als andere Modelle, die ich ausprobiert habe.

Mir war allerdings nicht ganz klar, welche Nische der Yedoo-Roller bedient. Er lässt sich nicht zusammenklappen und bringt daher in U- oder Straßenbahn wenig Vorteile gegenüber einem Fahrrad. Zudem ist er langsamer, dafür aber anstrengender zu fahren. Als ich den freundlichen Herrn am Stand fragte, wo der Vorteil des Rollers gegenüber einem herkömmlichen Rad sei, erntete ich einen mitleidigen Blick. Der Roller solle ein Fahrrad nicht ersetzen, sagte er: Man fahre ihn, weil es Spaß mache. Das tut es tatsächlich. Auch wenn rund 350 Euro für ein Spielzeug für Erwachsene nicht wenig Geld ist.

In der Abteilung für Lastenräder ging es eher um den praktischen Teil des Fahrradfahrens. Für mich war das Muli eine echte Entdeckung: Das ist eine Kreuzung aus kompaktem Stadtrad mit einem Cargobike. Herausgekommen ist ein vergleichsweise leichtes Lastenrad, kaum länger als ein herkömmliches Fahrrad, das mit einem Lastenkorb aus Aluminium ausgestattet ist. Der lässt sich mit allerhand Zubehör auch für den Kindertransport herrichten. Der Korb hat gegenüber den Aufbauten aus Holz, wie man sie zum Beispiel beim beliebten Bakfiets-Lastenrad findet, den großen Vorteil, dass er zusammenklappbar ist. So lässt sich das Rad auch im Hausflur parken oder bei Bedarf mit in die S-Bahn nehmen. 24 Kilo muss man wuchten, das ist für ein Lastenfahrrad sehr wenig.

Anders als die weit verbreiteten Dreiräder fährt sich das Muli sehr sportlich. Es kommt natürlich darauf an, was man transportiert. Derzeit suchen die Erfinder per Crowdfunding Investoren. Die angestrebte Summe ist fast erreicht. Wer sich jetzt entscheidet, zahlt 1800 Euro, das liegt für ein gutes Lastenrad im unteren Bereich.

Fahrradtaschen mit Stil - es gibt sie tatsächlich

Praktisch ist auch das Zweigang-Getriebe Doppio der deutschen Firma Kappstein. Es lässt sich in einem herkömmlichen BSA-Tretlagergehäuse einbauen, mit dem die meisten Alltagsfahrräder ausgestattet sind. Zweigangschaltungen sind für die Stadt sehr praktisch, aber mich haben die, die ich bisher gefahren bin, nicht überzeugt. Das Modell der Firma Sturmey-Archer wird zum Beispiel durch ein leichtes Zurücktreten der Pedale geschaltet. Die Gänge springen oft um, wenn man es nicht braucht, etwa an der Ampel. Auch die Zweigangautomatik der Firma SRAM fand ich nicht überzeugend.

Dagegen lässt sich das Doppio bei Bedarf auch wie eine normale Schaltung mit einem Drahtzug schalten. Das funktionierte tadellos und ist auch interessant, wenn man eine Sieben- oder Achtgang-Nabenschaltung im Hinterrad hat und ohne großen Aufwand die Zahl der Gänge verdoppeln möchte.

Ich kaufte mir diesmal nichts auf der Fahrradschau, nur an einem Stand wurde ich beinahe schwach. Das hatte rein mit ästhetischen Erwägungen zu tun: Die Lederfahrradtaschen der britischen Firma Hill & Ellis sehen so elegant und überhaupt nicht nach Fahrrad aus, dass man sich damit auch auf einem Geschäftstermin sehen lassen kann. Die Gepäckträgerhaltung lässt sich per Reißverschluss unsichtbar machen und gegen den Regen gibt es eine Schutzhülle.

Das ist nicht so praktisch wie die Gepäckträgertasche von Ortlieb, mit der ich unterwegs bin, aber um einiges schöner. 195 Pfund sind natürlich ein Wort, aber ich setze auf den Brexit. Sobald man für einen Euro zwei Pfund bekommt, werde ich eine der Taschen ordern - und mir einen Teil meines geliebten Fahrradkosmos in den Alltag retten.

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33 Leserkommentare
FrankMarx 10.03.2017
ka888amazon 10.03.2017
cultourist 10.03.2017
ElOmda 10.03.2017
berndasbrot 10.03.2017
lucie 10.03.2017
ahemi 10.03.2017
didi2212 10.03.2017
pecos 10.03.2017
Evolution 10.03.2017
brehn 10.03.2017
pecos 10.03.2017
FrankMarx 10.03.2017
andre7.0 10.03.2017
fundador 10.03.2017
Victor Salomakhin 10.03.2017
dalbrechto 10.03.2017
brehn 10.03.2017
Flari 10.03.2017
dalbrechto 10.03.2017
benmartin70 10.03.2017
brehn 10.03.2017
Flari 10.03.2017
blueberryhh 10.03.2017
zivcoedge540 10.03.2017
dalbrechto 10.03.2017
dalbrechto 10.03.2017
moontrane 11.03.2017
schlaueralsschlau 11.03.2017
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