Fahrradmagazin "Bicycle Quarterly" Die Bike-Bibel

Ralf Neukirch

Mein erstes "Bicycle Quarterly" kaufte ich vor vielen Jahren in einem Fahrradladen in Berlin. Es war das Gegenteil der Bike-Magazine, die ich kannte. Genau deswegen machte mich der Inhalt sofort süchtig.

"Bicycle Quarterly" war nicht aus Hochglanzpapier, hatte keine Bilder von superleichten Zeitfahrrädern oder Tests atmungsaktiver Regenjacken. Die Seiten wurden von Heftklammern zusammengehalten, die Fotos waren schwarz-weiß. Sie zeigten Räder und Fahrer aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine Zeitschrift für Liebhaber alter Stahlrahmen, dachte ich. Also für Leute wie mich.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

"BQ" ist aber alles andere als ein Nostalgiemagazin.

Das Heft ist über die Jahre dicker und professioneller geworden, die Fotos farbig, die Heftklammern sind verschwunden. Geblieben ist die Sorgfalt, mit der über das Radfahren geschrieben wird.

Gründer, Chefredakteur und wichtigster Autor des Magazins ist Jan Heine. Der gebürtige Deutsche lebt mittlerweile in Seattle an der US-Westküste. Als Ingenieur verfasste er diverse Aufsätze über technische Aspekte des Fahrradfahrens, später wurde er Radjournalist. Bereits im Sommer 2002 veröffentlichte er die erste Ausgabe von "BQ", damals noch unter dem Namen "Vintage Bicycle Quarterly". Das war lange, bevor Fahrradfahren wieder en vogue wurde, Fixie-Bikes als hip galten und Großstädter sich ihre Rennräder individuell zusammenstellten.

Mittlerweile liegt die Auflage von "Bicycle Quarterly" bei 6500 Exemplaren. Das ist immer noch vergleichsweise wenig - und sagt rein gar nichts über den Einfluss der Zeitschrift aus. Denn einige Entwicklungen im Radfahren der vergangenen Jahre wurden von Heine und seinen Mitstreitern angestoßen oder entscheidend mitgestaltet.

Berühmtestes Beispiel: Dass viele Rennradprofis nicht mehr auf 18 oder 23 Millimeter breiten Reifen fahren, sondern 25 oder auf manchen Strecken gar 28 Millimeter aufziehen, ist auch das Verdienst von "Bicycle Quarterly".

Radikal pragmatisch

Das kam so: In Tests und Windkanalstudien wies Heine nach, dass knüppelhart aufgepumpte, schmale Rennradreifen langsamer als breitere, mit weniger Druck gefahrene Reifen sind. Ganz zu schweigen vom höheren Komfort. "Wir haben einem Berater des Herstellers Cervelo, der auch Profi-Teams ausstattet, unsere Daten über den Einfluss der Reifenbreite und des Luftdrucks auf die Geschwindigkeit gezeigt", erzählt Heine am Telefon. "Die haben daraufhin eigene Studien angestellt. Ein halbes Jahr später war Cevelo das erste Team, dessen Profis bei der Tour de France auf 25 Millimeter breiten Reifen fuhren. Das hat sich dann langsam durchgesetzt."

In der Neugierde und dem Forschungsdrang von Heine liegt das Geheimnis, warum ich "BQ" so schätze. Er ist stets auf der Suche nach dem Optimum: Dem besten Rahmen, der stärksten Bremse, dem schnellsten Reifen. Aber er verliert dabei nie die Perspektive eines Alltagsfahrers aus den Augen. Deshalb haben seine Räder Schutzbleche, auch wenn er sie für schnelle Touren nutzt.

Sein Ansatz ist radikal pragmatisch. Man könne Hunderte von Euro für eine superleichte Aero-Felge oder einen Triathlonlenker ausgeben, um den Windwiderstand zu reduzieren, meint Heine. "Für die meisten Fahrer ist aber die Bekleidung viel wichtiger", sagt er. "Der Verlust an Aerodynamik durch eine schlecht sitzende Windjacke ist viel größer, als man durch teure Technik wieder ausgleichen kann."

Mit seinem Anspruch, Höchstleistung und Alltagstauglichkeit zu verbinden, hat Heine eine Retrowelle in der Fahrradästhetik mitausgelöst. Er erzählt, wie er vor einigen Jahren am Start von Paris-Brest-Paris stand, der ältesten und berühmtesten Langstreckenfahrt der Welt. "Mir fielen dort einige alte Herren mit unglaublichen Fahrrädern auf", sagt er: Stahlräder mit Licht, Schutzblechen und Vorderradgepäckträgern.

Diese Räder stammten aus den Werkstätten der sogenannten Constructeurs, der berühmten französischen Rahmenbauer wie René Herse oder Alex Singer. Die Constructeurs waren weitgehend in Vergessenheit geraten, doch Heine erkannte die aktuelle Relevanz ihrer Prinzipien. Das galt vor allem für die Grundidee, leichte und schnelle Räder zu bauen, bei denen alle Teile sorgfältig aufeinander abgestimmt waren und die auch härtesten Belastungen standhalten. Denn die alten Stahlkonstruktionen brauchen einen Gewichtsvergleich mit modernen Rennrädern nicht zu scheuen.

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Fachmagazin "Bicycle Quarterly": Aus Freude am Fahrradfahren

Die sorgfältig recherchierten "BQ"-Berichte über Rahmen, Komponenten und Konstruktionsprinzipien der alten Meister haben eine ganze Reihe zeitgenössischer Rahmenbauer vor allem in Großbritannien und den USA inspiriert. Dank Heines Magazin gibt es heute wieder viele Fahrräder, die technisch und ästhetisch von den damaligen Randonneuren, also Rädern für lange Touren mit wenig Gepäck, inspiriert sind: Leichte Stahlrahmen, Schutzbleche aus poliertem Aluminium, Vorderradgepäckträger, weil selbst eine große Lenkertasche aerodynamischer ist als Satteltaschen.

Spürbare Leidenschaft

Der Einfluss von "BQ" auf moderne Räder ist somit nicht zu unterschätzen - ohne Heines Vorarbeiten wäre beispielsweise auch die Fahrradgattung der Gravelbikes kaum so populär geworden. Gravelbikes sind Räder mit Rennradlenker und breiten Reifen, mit denen man nicht nur auf der Straße, sondern auch im Wald und auf Schotterpisten schnell vorankommt. Sie sind die moderne Interpretation der Randonneure. Auch die steigende Beliebtheit der sogenannten Brevets - Langstreckenfahrten über 200, 300 oder mehr Kilometer - geht mit auf seine Reportagen zurück.

Darin liegt der Hauptgrund, warum ich "Bicycle Quarterly" so schätze: Am großen Lesespaß. Reportagen über Touren in Japan, Mexiko oder Frankreich stehen neben Berichten über die italienische Traditionsmarke Campagnolo; die mit Abstand beste Abhandlung über Funktion und Entwicklung der Felgenbremse habe ich bei "Bicycle Quarterly" gelesen. Es ist vor allem die spürbare Leidenschaft am Fahrradfahren, die das Heft zu etwas Besonderem machen.

"Bicycle Quarterly" kann man direkt auf der Webseite der Zeitschrift bestellen oder in Deutschland über www.Fahrradbuch.de. Ein großer Nachteil des Magazins soll nicht verschwiegen werden: Es erscheint auf Englisch. Einige Fachausdrücke wird man also nachschlagen müssen. Aus eigener Erfahrungen kann ich sagen: Die Mühe lohnt sich.

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14 Leserkommentare
steelbiker 21.10.2017
altocielo 21.10.2017
spontanistin 21.10.2017
stefan.albrecht@virgilio. 21.10.2017
Papazaca 21.10.2017
kurvenbremser 21.10.2017
kurvenbremser 21.10.2017
desoie 21.10.2017
JanHeine 22.10.2017
leoneo 22.10.2017
pcpero 22.10.2017
varesino 22.10.2017
Fahrradbuch_de 22.10.2017
edelrost 23.10.2017

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