SPIEGEL ONLINE: Herr von Kuenheim, für 2010 hatten sie bisher 150.000 verkaufte Maschinen prognostiziert. Ende 2009 wird BMW bei lediglich 90.000 liegen. Müssen sie ihre hochgesteckten Ziele revidieren?
Kuenheim: Natürlich hat sich vieles geändert. Es gibt dramatische Rückgänge. Der weltweite Motorradmarkt hat sich in den letzten zwei Jahren quasi halbiert und davon ist natürlich auch BMW Motorrad betroffen. Wir sind aber sicher, dass es eine Erholung geben wird, und wir werden mit unserer Modellpalette vom Aufschwung überproportional profitieren können.
SPIEGEL ONLINE: Können sie ihre Zielvorgaben für 2010 erreichen?
Kuenheim: Nach derzeitigem Stand nicht, aber für 2013 oder 2014 sind unsere Zielvorgaben durchaus realistisch. Zusammen mit unserer zweiten Marke Husqvarna wollen wir bis dahin 150.000 Maschinen absetzen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen sie das erreichen?
Kuenheim: In den letzten Monaten sind wir vor allem auf den internationalen Märkten, wohin wir über 80 Prozent verkaufen, sehr gut im Rennen. Etwa in Japan, Australien, Kanada oder auch in Brasilien konnten wir deutlich Marktanteile hinzugewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Dafür ist der für BMW wichtige US-Markt massiv eingebrochen.
Kuenheim: In den USA und auch anderen Ländern, wie Spanien, ist der Markt richtig in die Knie gegangen, und das verdirbt natürlich die diesjährige Bilanz. Aber wir liegen auch in diesen Märkten gut im Rennen und gewinnen Marktanteile hinzu. Wir hatten insgesamt nur einen Rückgang von etwa 14 Prozent. Das schmerzt, ist aber noch zu verkraften.
SPIEGEL ONLINE: Dienstag beginnt die Mailänder Motorrad-Leitmesse Eicma, Honda und Yamaha haben ihre Teilnahme komplett abgesagt - geht es den Motorradherstellern so schlecht wie den Pkw-Konzernen?
Kuenheim: In den letzten Monaten hat sich eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet. Der Absatz der großen japanischen Hersteller Honda, Yamaha, Suzuki und Kawasaki, die über die Masse und Dumping-Preise an eine eher junge Zielgruppe verkauft haben, ist massiv eingebrochen. Premium-Marken wie BMW, Ducati oder Triumph stehen dagegen noch relativ gut da. In der Krise hat es sich als Vorteil erwiesen, wenn man auch die etwas grauhaarigeren Kunden anspricht.
SPIEGEL ONLINE: Das bleibt aber nur so, wenn man die richtigen Modelle baut. Was haben sie für die Eicma im Köcher?
Kuenheim: Wir zeigen die stark überarbeiteten GS- und RT-Modelle. Und als Höhepunkt stellen wir eine Motorradstudie vor, die einen völlig neuen BMW-Motorradmotor in den Vordergrund stellt. Das neue Honda-V4-Aggregat, so formidabel es sein mag, ist technisch nicht das Ende der Fahnenstange. Dem kann BMW Motorrad durchaus was entgegensetzen.
SPIEGEL ONLINE: Sie setzen neben den etablierten Tourenmaschinen weiter auf den Sport- und Premium-Bereich. Das ist ein stark umkämpftes Marktsegment. Müssten sie nicht eher billige Einsteiger-Bikes anbieten?
Kuenheim: In den vergangen Jahren haben wir uns bewusst sportlich positioniert. Aber es stimmt: BMW Motorrad muss auch nach unten wachsen, unter anderem in den Bereich der urbanen Mobilität, das entspricht der Vision der BMW Group. Wir werden innovative, alternative Antriebstechnologien zeigen, aber mit unseren Vorstellungen sicher nicht vor Ende 2010 an die Öffentlichkeit gehen.
SPIEGEL ONLINE: Bisher gab es nur die Studie eines C1-Rollers mit Elektroantrieb. Ist das nicht etwas dünn?
Kuenheim: Wir arbeiten parallel an ganz anderen Konzepten. Aber wir bringen nur Produkte auf den Markt, die den Kundenbedürfnissen entsprechen und wirtschaftlich tragfähig sind. Die Batterietechnologie ist heute noch zu teuer, vor diesem Hintergrund werden Sie von namhaften Herstellern erst ab 2012-13 Zweiräder mit Elektroantrieb in Großserie sehen. Bei einer Exportquote von über 80 Prozent muss BMW auch eine weltweit passende Lösung anbieten können.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Konkurrent Honda hat gerade eine Elektrostudie des weltweit am häufigsten verkauften Motorrads, der Super Cub, vorgestellt. Die E-Version soll 2011 in Serie gehen. Macht Sie das nicht nervös?
Kuenheim: Nein. Gehen Sie einfach davon aus, dass BMW mit seiner geballten Ingenieurskraft auf dem Markt für alternative Antriebe und Konzepte ganz vorne mitmischen wird. Wir sind notorisch optimistisch und der Wettbewerb muss sich warm anziehen.
Das Gespräch führte Jochen Vorfelder.
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