Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bonneville-Bildband: "Das Salz hält jung"

Ein Interview von

Bonneville-Bildband: Der schnellste Ort der Erde Fotos

Die ausgetrockneten Salzseen in Utah sind Schauplatz großer PS-Spektakel. Jahr für Jahr rasen Piloten mit teils abstrusen Gefährten über die Bonneville-Flats. Fotografin Alexandra Lier hat sie begleitet.

Zur Person
  • Alexandra Lier / SPEEDSEEKERS
    Alex Lier ist Konzepterin und Fotografin. Als Teenager entdeckte sie ihre Liebe zu Punkrock, die sich wenig später auch auf die amerikanische Auto-Subkultur ausdehnte. Seit 1999 besucht sie regelmäßig die Hochgeschwindigkeitsrennen auf dem Bonneville-Salzsee in den USA und hat ihre Eindrücke nun in dem Bildband "The World's Fastest Place" veröffentlicht. Lier wohnt in Hamburg und fährt einen 1967er Plymouth Barracuda.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr persönlicher Geschwindigkeitsrekord?

Lier: Der liegt bei knapp über 330 km/h nachts mit einem Porsche auf der Autobahn, allerdings als Beifahrerin.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland? Das kommt jetzt aber etwas überraschend. Sie haben einen Bildband über die Hochgeschwindigkeitsrennen auf den Salzseen in Bonneville, USA, veröffentlicht. Sind sie da nicht auch schon mal gefahren?

Lier: Nein, leider nicht. Würde ich aber gerne, es ist ein Traum von mir.

SPIEGEL ONLINE: Was hält Sie davon ab?

Lier: Das ist nicht ganz einfach. Man muss erst mal eine Lizenz erwerben, um dort überhaupt fahren zu dürfen. Die Leute wollen sehen, ob man mit den Bedingungen dort, der unfassbaren Hitze und natürlich der Geschwindigkeit, umgehen kann. Außerdem ist es so gut wie unmöglich, dort ohne eigenes Auto zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lier: So ein Auto für Bonneville ist ein teurer Spaß. Die Leute, die eins bauen, lassen nicht jeden ans Steuer. Die Teams, die sich Fremdfahrer suchen, nehmen bevorzugt Profifahrer oder ehemalige Kampfjet-Piloten, die hohe Geschwindigkeiten gewohnt sind. Ich bin leider weder Rennfahrerin noch Pilotin.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es überhaupt zu der Idee für dieses Buch?

Lier: Das ist eine lange Geschichte. Ich war schon immer fasziniert von der amerikanischen Punkrock,- Surf- und Hotrod-Kultur. 1999 bekam ich ein Buch von David Perry, einem Fotografen, Hotrodder und Ikone der Szene, in die Hand. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, ob er mir nicht Informationen über die Rekordrennen schicken kann. Er lud mich direkt ein, ihn dorthin zu begleiten. So stand ich ein Jahr später, das war 1999, mit zwei Freunden an einer Tankstelle unweit des Salt Lake und wartete auf David und seine Frau. Sie nahmen uns mit zu den Rennen. Seitdem bin ich immer wieder dort gewesen, weil es mich so fasziniert.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist denn daran so faszinierend?

Lier: Es ist ein eigener Mikrokosmos, in dem sich alle dem gleichen Ziel verschrieben haben: der oder die Schnellste zu sein. Trotzdem gibt es eine überraschende Kollegialität. Selbst Fahrer oder Teams, die um den gleichen Rekord kämpfen, helfen sich gegenseitig bei Problemen. Wer nicht Teil dieses Kosmos ist, bekommt nur schwer Zugang. Zum Glück bin ich schon lange genug dabei.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Lier: Als ich anfing, mich mit dem Phänomen zu beschäftigen, kamen zur Speedweek, das ist eine der vier Rennveranstaltungen dort, nur ein paar Hundert Zuschauer. Heute sind es mehr als zehntausend. Mir begegneten die Leute damals mit Offenheit und Neugierde. Wow, eine Fotografin aus Deutschland! Heute sind viele Teilnehmer der Presse gegenüber verschlossener, da hilft es mir enorm, über die Jahre viele Kontakte aufgebaut zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hört es sich eigentlich an, wenn man über das getrocknete Salz fährt?

Lier: Es knirscht ein bisschen wie beim Fahren über Schnee und ist auch ähnlich leise. Jedes Jahr ist das Salz anders. Besser oder auch schlechter für Rekorde. Einmal war es so klebrig, das man immer größer wurde, weil es sich unter den Füßen gesammelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird dort das ganze Jahr gefahren?

Lier: Nein, den Winter über steht dort ja das Wasser. Erst wenn das verdunstet ist, kann gefahren werden. Dann wird zwei Wochen lang die Piste präpariert, und es kann losgehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Moment, den Sie am allermeisten mit Bonneville verbinden, den Sie nie vergessen werden?

Lier: Der Rekord der Familie Burkland, bei dem ich beim Zieleinlauf dabei war. Es ist ja so: Am Start ist das Fahrerlager, die Zuschauer und viele Menschen. Von dort aus beschleunigen die Leute stur geradeaus, nach fünf Meilen wird der Top-Speed gemessen, sie ziehen die Bremsfallschirme. Bei Meile sieben oder acht ist dann der Wagen runtergebremst und ausgerollt - im absoluten Nirgendwo. Wären da nicht Hütchen aufgestellt, würde man nie den Weg zurückfinden. An diesem Tag war ich zur richtigen Zeit am Ende der Rennstrecke. Und genau an diesem Tag knackte das Team Burkland nach Jahren erfolgloser Versuche endlich den Rekord in seiner Klasse. Diese Kombination aus totaler Einsamkeit und dem Jubel des Teams, das seinen Fahrer am Ziel erwartet, werde ich nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Rekordfahrten auf dem Salzsee verbinden die meisten Menschen vermutlich nur die absoluten Top-Speed-Rekorde mit Überschallgeschwindigkeit, die in Autos, die wie Flugzeuge aussehen, erreicht werden. In ihrem Bildband aber sieht man die absonderlichsten Fahrzeuge. Sind die alle auf der Jagd nach dem Weltrekord?

Lier: Ja, es gibt ja Hunderte verschiedener Klassen, allein bei den Motorrädern sind es mehr als 1500. Und in jeder Klasse gibt es einen Rekord, den man brechen kann. Entsprechend breit ist auch das Teilnehmerfeld.

SPIEGEL ONLINE: Muss man eigentlich reich sein, um Rekordfahrer zu werden?

Lier: Natürlich gibt es auch wohlhabende Fahrer, die die Arbeit am Fahrzeug erledigen lassen. Aber die meisten der Teams dort bestehen aus Enthusiasten, deren Budget ihr Wissen und ihre Hingabe ist und die es trotz vergleichsweise eingeschränkter finanzieller Mittel auch mit den wohlhabenden Teams aufnehmen können. Wissen ist enorm wichtig in Bonneville.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Lier: Es gab vor Jahren mal einen Fahrer, der sein Fahrzeug ohne Rule Book gebaut hat. Er wurde nicht zum Rennen zugelassen. Selbst verschiedene Versuche, die Konstruktion zu verbessern, haben nicht geholfen. Gerade beim Thema Sicherheit verstehen die Inspekteure keinen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Passiert denn oft etwas bei den Rennen?

Lier: Es gab schon Tote und auch Schwerverletzte. Aber in der Regel gehen die Unfälle vergleichsweise glimpflich aus. Auch zig-fache Überschläge bei Geschwindigkeiten von 400 Stundenkilometern oder mehr haben in der Regel nicht mehr als Prellungen oder ein Schleudertrauma zur Folge. Gemessen an den Geschwindigkeiten, die dort gefahren werden, ist das schon erstaunlich.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert sie an den Fahrzeugen, denen man dort begegnet?

Lier: Das ist ganz unterschiedlich. Mein Liebling ist das Fahrzeug von Ferguson Racing, das auch das Titelbild ziert. Das ist optisch einfach perfekt, sowohl vom Karosseriedesign als auch bei der Lackierung. Besonders gern mag ich auch einen alten Buick Super Riviera aus den Fünfzigerjahren, der durch aerodynamische Veränderungen aussieht wie einem Madmax-Film entsprungen. Der hält sogar einen Rekord, sieht also nicht nur abgefahren aus, sondern ist auch schnell. Aber es gibt auch technisch faszinierende Fahrzeuge, bei denen man das Gefühl hat, die Gesetze der Physik seien ausgehebelt worden.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Lier: Es gibt dort Leute, die holen aus kleinen 1,5-Liter-Motoren Leistungen heraus, die für Geschwindigkeiten von mehr als 300 Meilen pro Stunde reichen. Das ist schon unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Schmeckt oder riecht man das Salz eigentlich?

Lier: Nein. Ich habe das Gefühl, dass es eher unmerklich zehrt, dass man noch mehr trinken muss dort. Kann aber auch von der Hitze kommen. Meine Theorie ist eher, dass das Salz jung hält. Gerade die älteren Fahrer dort sehen noch erstaunlich frisch aus.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Bildern wirken sie eher zerknittert, wie von Sonne und Salz gegerbt.

Lier: Das stimmt. Vielleicht sind es auch die Augen. Alle da haben so lebenslustige Augen.

Anzeige
  • Alexandra Lier (Fotos), Kevin Robert Thomson:
    The World's Fastest Place

    Bonneville Landspeed Racing (Englisch).

    Kehrer Verlag; 120 Seiten; 39,90 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Abgasfrei
GerhardFeder 03.11.2015
Sicher fahren die völlig abgasfrei, sonst müssten sich die strengen Wächter einschalten, die VW 40 Tote unterstellen.
2.
Frickleburt Frogfart 03.11.2015
Schräge Szene und faszinierende Bilder. Aber sicher nix für Jutefans mit grüner Plakette an der Frontscheibe. So richtig vorangekommen sind die Jungs und Mädels aber nicht in den letzten 75 Jahren: 430 km/h wurden anno 1938 auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt auch schon erreicht, wenn auch nicht ganz unschädlich für den Fahrer.
3.
1Apfel 03.11.2015
würde gerne mal wieder Bilder sehen, die nicht gephotoshopt wurden!
4. Schöne Serie
Schampusfüralle 03.11.2015
zeigt Frau Lier hier,ist schon ein besondere Menschenschlag in Bonneville. Zum Thema Photoshop vom "Experten 1Apfel" sollte man sagen das heutzutage ohne PS überhaupt nichts mehr geht in der Digitalfotografie und übertreiben wurde da auch nichts. Sogar zu Analogzeiten wurden Dias und Negative mit Tusche verschiedenen Entwicklern "gephotoshoped". Aber wer Apfel heisst,der weiss das sicher alles...
5.
tel33 03.11.2015
Dann empfehle ich eine Zeitreise. Bildbearbeitung ist nun mal ein Kernprozess der digitalen Fotografie und ersetzt die Dunkelkammer aus der Analog-Ära.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Aktuelles zu