Borgward Traumwagen Das schönste Rüstungsexperiment aller Zeiten

Ein Fantasiemobil mit Boxermotor: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Dieses Mal: der Borgward Traumwagen.

Peter Kurze

Von Matthias Kriegel


Vielen Auto-Prototypen ist nur ein einziger großer Auftritt auf einer Fahrzeugmesse vergönnt, dann geraten sie wieder in Vergessenheit. Der Borgward Traumwagen schaffte es nicht mal auf eine Ausstellung - kaum ein Schicksal eines Konzeptwagens verlief so tragisch wie das dieser völlig überdrehten Limousine.

Ihre Geschichte beginnt in einem Gefängnis in Ludwigsburg, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dort saß Carl Friedrich Wilhelm Borgward hinter Gittern. Der Automobilfabrikant war Mitglied der NSDAP und deshalb von der US-Army für neun Monate eingesperrt worden. In seiner Zelle gab es guten Lesestoff: Autozeitschriften aus Amerika. Borgward fand in den prächtigen Straßenkreuzern aus Übersee jede Menge Inspiration, wie sich nach seiner Entlassung herausstellen sollte.

Zum Beispiel beim ersten Nachkriegsauto von Borgward, dem Hansa 1500 mit sogenannter Pontonkarosserie. Vor allem zeigte sich die Liebe des Industriellen zu den US-Vorbildern jedoch bei einer Designstudie, die in den Jahren 1954 und 1955 entwickelt wurde: dem Borgward Traumwagen - einem mit Seitenflügeln ausgestatteten, futuristischen Flitzer mit Kuppelkabine und innovativer Antriebstechnik.

Der Plan: Ein revolutionärer Antrieb für Bundeswehrfahrzeuge

Borgward, ein gelernter Schlosser und Selfmade-Unternehmer, schien mit dem Traumwagen offenbar beweisen zu wollen, dass seine Entwürfe es mit denen der "Big Three" aus Detroit aufnehmen können, so hieß das Autogiganten-Trio General Motors, Ford und Chrysler. "Wie kein anderer Automobilfabrikant der Welt hetzte Carl F.W. Borgward in seinen drei Werken von Neukonstruktion zu Neukonstruktion, von Novität zu Novität", schrieb der SPIEGEL 1960 über den zu dieser Zeit viertgrößten Pkw-Hersteller Deutschlands (nach VW, Opel und Daimler-Benz).

Carl Friedrich Wilhelm Borgward im Jahr 1960
AP/ Borgward Werke

Carl Friedrich Wilhelm Borgward im Jahr 1960

Doch so abgehoben der Traumwagen auch aussah: Sein Dasein hatte ganz pragmatische Gründe. "In erster Linie war das Auto ein Prüfstand für verschiedene Motoren", sagt Peter Kurze, Herausgeber und Autor mehrerer Bücher über Borgward. Tatsächlich sollte das fantasievolle Fahrzeug sogar Rüstungszwecken dienen.

"Mit Blick auf sogenannte Wiederbewaffnung, die 1955 in die Gründung der Bundeswehr mündete, plante Borgward ein Konstruktionsbüro für Militärfahrzeuge", sagt Kurze. Borgwards damaliger Entwicklungsingenieur Erich Übelacker habe die Idee unterstützt; er wollte einen leistungsstarken Antrieb konstruieren und die Motorisierung von Armeefahrzeugen revolutionieren.

Es handelte sich dabei um einen neu entwickelten Boxermotor, der für Hubräume von 2,0 bis 2,5 Liter ausgelegt war und bis zu 160 PS Leistung entwickelte. Der Vierzylinder war so stark, dass zur Verzögerung Scheibenbremsen an allen vier Rädern notwendig waren.

Pech, Pleiten und Schrottpressen

Trotzdem war der Traumwagen mehr als nur eine Verkleidung für künftige Rüstungstechnik. Die Designer und Ingenieure hatten sich mit dem Auftrag ans Werk gemacht, ein futuristisches Automobil zu entwickeln, das die technologische Stärke der Marke Borgward repräsentiert. Anders gesagt: Sie durften sich austoben.

Das Ergebnis war eine Karosserie aus Leichtmetall, im Interieur kamen erstmals in einem Automobil Nylon und Perlon zum Einsatz. Über die Passagierkabine wölbte sich eine Glaskuppel, die sich zur Seite aufklappen ließ. Außerdem gab es geschlossene Radhäuser und mit Glas verkleidete Scheinwerfer.

Für eine Extraportion Science-Fiction sorgten die überdimensionierten Heckflossen mit den aufgesetzten Rückleuchten, zwei Leitwerke wie bei einem Flugzeug. Der Traumwagen schien jederzeit bereit zum Abflug.

Den machte er dann auch. Allerdings anders als geplant.

Auf die IAA sollte er es nie schaffen: der Borgward Traumwagen
Peter Kurze

Auf die IAA sollte er es nie schaffen: der Borgward Traumwagen

Bei einer Testfahrt in Bremen krachte der Traumwagen im März 1955 gegen einen Baum. Unfallursache war angeblich ein Defekt der neuen Scheibenbremsanlage. Das Vorhaben, mit der Studie auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) zu glänzen, war samt dem Auto zu Bruch gegangen.

Der Prototyp wurde zwar noch einmal aufgebaut und modifiziert, doch ins Rollen kam das Projekt nicht mehr. 1961 ging das Unternehmen von Carl Friedrich Wilhelm Borgward pleite. Der Traumwagen gehörte zur Konkursmasse und parkte in den Werkshallen. Zwar fand sich ein Käufer - doch bevor das Auto den Besitzer wechselte, hatten nichtsahnende Mitarbeiter ihn schon in die Schrottpresse gesteckt. Die Idee vom Traumwagen war endgültig ausgeträumt.



insgesamt 13 Beiträge
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artifex-2 05.09.2016
1. Wo
ist die Klimaanlage für dieses (Alp)Traumschiff ! Die hätte schätzungsweise einen Anhänger gebraucht bei dieser Vollverglasung ; selbst bei arktischen Temperaturen ! Einmal mehr wird mir klar warum Hr. Borgward nicht nur geschäftlich erfolglos war !
chiefseattle 05.09.2016
2. kein Wunder
... dass die Firma pleite ging.
Haywood Ublomey 05.09.2016
3. Sieht aus wie ein Tatra 603, der sich gerade häutet.
Da wurde eine gute Design-Idee bis zur Lächerlichkeit aufgeblasen.
brooklyner 05.09.2016
4.
Grossartiges Design im Stil des Space Age. Mir fällt noch ein tolles Auto ein, das vor ca. 20 Jahren in einer Oldtimerzeitschrift vorgestellt wurde: der Opel Black Widow mit einer schwarzen Witwe als Logo. Den findet man nur auf sehr wenigen Webseiten, das Design entsprach dem Stil der italienischen hochpreisigen Wagen. Vielleicht taucht er ja auch Mal in dieser Rubrik auf.
John Meier 05.09.2016
5.
Die Bildunterschrift, die den Unternehmer als nicht guten Geschäftsmann bezeichnet, ist irreführend. Die Firma Borgward ist zwar in den Konkurs gegangen aber in erster Linie weil die Deutsche Bank die Kreditlinie gekündigt hatte. Denn im Gegensatz zu anderen Konkursen, konnten alle Gläubiger zu 100% bedient werden, was eher ein Zeichen einer gesunden Firma ist. Es wird seit langem behauptete, dass die Deutsche Bank, damals die "Hausbank" von BMW und Daimler Benz, auf Wunsch und Druck dieser beiden Firmen gehandelt hat.
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