Rennwagen Typ 650 Stalins Silberpfeile

Im August 1949 werden in Chemnitz zwei Rennwagen entwickelt - im Auftrag sowjetischer Behörden. Ein Buch erzählt nun erstmals die Geschichte der rätselhaften Renner.

Von Jürgen Pander

Der Typ 650 / Delius Klasing Verlag

Beim Stadtparkrennen von Moskau gingen am 30. Juni 1952 zwei besondere Rennwagen an den Start. Sie gehörten dem Motorkommando der Luftstreitkräfte des Moskauer Militärbezirks, dessen Kommandeur Stalins jüngster Sohn Wassilij war. Die silberfarbenen Autos waren mit dem Namen Sokol ("Falke") beschriftet. Boliden mit Zwölfzylinder-Saugmotoren, importiert aus: Deutschland.

Die Entwicklung der beiden Rennwagen vom Typ 650 hatte 1949 in Chemnitz begonnen, dem Sitz der ehemaligen Auto Union. Das dort von den sowjetischen Militärbehörden eingerichtete Entwicklungsbüro kümmerte sich um den Nachlass der Auto Union und war der BMW-Entwicklungsabteilung in Eisenach angegliedert.

Bis zum heutigen Tag haben die Typ-650-Flitzer eine weite Reise hinter sich gebracht. Sie gehören einerseits in die Ahnenreihe der Auto-Union-Silberpfeile, und spiegeln andererseits die Zeitumstände der Nachkriegsjahre in der sowjetischen Besatzungszone wider. Der Historiker Peter Kirchberg hat jetzt, gemeinsam mit vier Co-Autoren, ein Buch zur mysteriösen Geschichte der beiden Rennautos vom Typ 650 vorgelegt und erzählt ihre spannende Geschichte.

Desaströse Filmauftritte

Kirchberg war zu DDR-Zeiten Professor an der TU Dresden und forscht seit langem zu Stoffen aus der Auto-Historie des Ostens. Seinen Recherchen zufolge wurden die beiden Rennautos Typ 650 im Frühjahr 1952 aller Eile demontiert und in Kisten nach Moskau geflogen - unmittelbar nach den ersten Probefahrten auf der Autobahn, nahe des sächsischen Städtchens Wüstenbrand.

Für die Ingenieure, Mechaniker und Testfahrer in Deutschland war der Auftrag damit erledigt. Die Probleme mit den Autos jedoch fingen erst an.

Denn in Moskau kannte sich niemand mit diesen Rennwagen aus, geschweige denn mit Feinheiten wie der komplizierten Abstimmung der jeweils vier Vergaser pro Motor. Oder dem richtigen Mischungsverhältnis des Rennbenzins.

Das Stadtparkrennen von Juni 1952 in Moskau geriet dann auch gleich zum Fiasko: Wegen Pannen kamen die Autos gar nicht erst im Ziel an.So schnell wie sie aus Deutschland in die Sowjetunion gekommen waren, wurden sie auch schon wieder zurückgeschickt. Doch in der jungen DDR fehlten - mitten in der Wiederaufbauphase - Zeit und Material für die Beschäftigung mit Rennwagen. Und vor allem fehlte ein Auftrag von den zuständigen Behörden. Auch deshalb, weil Wassilij Stalin kurz nach dem Tode seines Vaters im Frühjahr 1953 ins Gefängnis gesteckt worden war.

Die "Sokol"-Renner gerieten in Vergessenheit und wurden erst einmal eingelagert. Dann nutzten sie die technischen Hochschulen in Chemnitz und Dresden als Anschauungsobjekte, ehe sie schließlich doch noch groß rauskamen. Allerdings nicht auf der Rennstrecke: Für die Defa-Produktion "Rivalen am Steuer" (1957) und später für den Fünfteiler "Ohne Kampf kein Sieg" (1966) dienten sie als Filmrequisite.

Durch Plastik-Attrappen, die für die Dreharbeiten über die Autos gestülpt waren, wurden die Originalkarosserien stark beschädigt. Während die Überreste des einen Wagens dann im Keller der Dresdner Hochschule verstaubten, geriet der andere über mehrere Oldtimer-Sammler im Jahr 1978 in die Hände der Firma Interport, die zum Einflussbereichs des DDR-Wirtschaftsfunktionärs Alexander Schalck-Golodkowski gehörte und sich um die Beschaffung von Devisen kümmerte.

Tausche Rennwagen gegen West-Devisen

Interport verkaufte das Rennwagen-Fragment ans englische Rennsport-Museum in Donington, das den Wagen restaurieren und mit einer neuen Karosserie versehen ließ. So wurde er als "Auto Union"-Einzelstück in der Ausstellung postiert. 2010 verloren die Briten offenbar das Interesse an dem Wagen und boten ihn zum Verkauf an. Der deutsche Unternehmer und Sammler Karl-Heinz Rehkopf zeigte Interesse, die Verhandlungen zogen sich jedoch hin. Erst 2012 einigte man sich auf einen Preis und das Auto kam wieder nach Deutschland.

Nächstes Jahr soll es im "PS-Speicher" in Einbeck ausgestellt werden, wo Rehkopf eine große Zahl von Motorrädern und Automobilen präsentiert. Die Reste des Typs 650 aus Dresden wurden vor einigen Jahren an der Westsächsichen Hochschule in Zwickau wieder präsentationsfähig gemacht. Sie sind als sogenanntes "Rolling Chassis" im Industriemuseum in Chemnitz zu sehen.

Kirchberg dokumentiert all dies akribisch in seinem Buch. Es gibt dazu erstaunliche Fotos, detaillierte Konstruktionszeichnungen und viele Anekdoten. Ihm ist damit ein spezielles Werk gelungen: Immerhin geht es um Rennwagen, die nie ein richtiges Rennen fuhren.

Peter Kirchberg: "Der Typ 650. Auto Union, BMW, Awtowelo - die Geschichte eines rätselhaften Rennwagens", Delius Klasing Verlag, 152 Seiten, 129 Fotos, 25 Abbildungen, 29,90 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
piffel 08.09.2014
1. War noch vor der Übernahme der BRD
Die Rennwagen kamen nicht in die junge Bunselrepublik zurück, sondern in die damalige DDR.
diderot_2013 08.09.2014
2. Rätselhaft? Mysteriös?
Und was genau ist an den Autos "rätselhaft"? Was ist an der Geschichte "mysteriös"? Entweder hatte der Schreiber ein paar Adjektive zu viel, oder er hat beim Schreiben den wichtigsten Teil seiner Story vergessen.
Luckyman 09.09.2014
3. Nichts Neues
Herr Kirchberg kocht nur schon Bekanntes wieder auf. Im Buch "Dem Silber auf der Spur" (ISBN 3-613-02402-0) von Nikolai Alexandrow wurden die Wirrnisse um die ehemaligen Auto Union Rennwagen in der ehemaligen UdSSR schon recht ausführlich beschrieben. Herausgeber war eben jener Herr Kirchberg. Hier soll nur Silber zu Geld gemacht werden.
saldat_bumaschny 09.09.2014
4.
---Zitat--- Doch in der jungen DDR fehlten - mitten in der Wiederaufbauphase - Zeit und Material für die Beschäftigung mit Rennwagen. ---Zitatende--- Naja. Die DDR hatte von 1951 bis 1956 mit dem "Rennkollektiv" einen eigenen staatlichen Rennstall, der 1953 sogar beim Großen Preis von Deutschland angetreten ist. Und 1955/56 war man bei den Rennsportwagen mit den Werks-Porsche durchaus auf Augenhöhe. An mangelnden Möglichkeiten für die "Beschäftigung" mit Rennwagen dürfte es also wohl nicht gelegen haben.
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