Rentner als Motorrad-Neuling "Ich fahre, bis ich 85 bin"

Führerschein, den macht man doch mit 18! Manche brauchen etwas länger. Udo Schmidt begann erst mit 67, Motorrad zu fahren - und noch nicht mal freiwillig. Über seine Karriere als alternder Easy Rider hat er nun ein Buch geschrieben.

Udo Schmidt

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SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, sie sind seit einigen Jahren Rentner. Wer im Internet nach Hobbys für ihre Altersgruppe sucht, bekommt Empfehlungen wie Lesen, Rätsel lösen oder VHS-Kurse besuchen.

Schmidt: Schrecklich…

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen haben Sie mit 67 noch den Motorradführerschein gemacht. Wieso das?

Schmidt: Mein Sohn hat sich nach dem Abi eine BMW gekauft. Von da an ging die Post bei uns zu Hause ab, er ließ mich nicht mehr in Ruhe. Er wollte unbedingt, dass ich mir ebenfalls eine Maschine kaufe, weil das Biken für ihn das Größte war. Er fand eine einflussreiche Verbündete - meine Frau. Die hatte noch eine Kluft aus früheren Jahren im Keller und fährt heute als Sozia auf meiner Honda regelmäßig mit.

Der Autor
  • Udo Schmidt
    Udo Schmidt, geboren 1944, studierte Wirtschaftswissenschaften, Politik und Pädagogik in Bochum. Der 69-Jährige ist Autor mehrerer Bücher. Nach seiner Pensionierung als Lehrer machte er vor zwei Jahren den Motorradführerschein, seitdem ist er begeisterter Biker. Mit seiner jüngsten Veröffentlichung "Nie zu alt für Easy Rider" will er mit dem Vorurteil aufräumen, Motorradfahren sei nur etwas für junge Leute. Mit seiner Frau Ulrike lebt er in Sprockhövel, hundert Kilometer entfernt vom Biker-Paradies Eifel.

SPIEGEL ONLINE: In den meisten Fällen läuft es genau umgekehrt.

Schmidt: Das hat in der Nachbarschaft auch keiner verstanden. Weder, dass meine Frau mich zum Motorradfahren überreden wollte, noch, dass ich tatsächlich damit angefangen habe. Die Reaktionen waren eher: "Der spinnt doch, der kann nicht alt werden, der hat ein Problem." Aber schon mit der Fahrschule begann die aufregendste Zeit in meinem Leben. Mit 15-, 16-Jährigen auf der Schulbank sitzen - das war einfach zum Brüllen.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn daran so besonders?

Schmidt: Am ersten Tag in der Fahrschule sagte ein Schüler zu mir: "Jetzt kommen die Rentner schon zum Sterben hierher." Ein anderer feixte und sagte: "Das Krematorium ist nebenan."

SPIEGEL ONLINE: Ganz schön gemein….

Schmidt: Ich kenn das noch aus meiner Lehrerzeit. Deshalb kratzt mich das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das Motorradfahren mit 67 Jahren anders als mit 17 oder 27?

Schmidt: Ich wusste zum Beispiel nicht, dass ich Probleme mit der Hüfte habe. Erst als ich das erste Mal auf mein Motorrad klettern wollte, habe ich das gemerkt. Damit ich beim Aufsteigen nicht ungelenk wie ein Maikäfer auf dem Rücken lande, habe ich spezielle Übungen für mehr Beweglichkeit gemacht - und die haben gewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich in der Motorrad-Szene zurechtgefunden?

Schmidt: Anfänglich hielt ich alle Biker für Bankräuber, Technikfreaks oder ungebildete Rüpel. Gucken Sie sich doch Motorradfahrer im Fernsehen an - das sind alles Bandidos oder Hell's Angels. Die Typen, die ich bei Biker-Treffen kennengelernt habe, sind dagegen ganz liebe Leute. Ich selbst gehöre noch zur 68er-Generation. Viele Motorradfahrer bei den Treffs sind in dieser Zeit stehen geblieben. Sie drehen ihre Zigaretten selber, haben lange Haare und sind sehr zugeknöpft. Wenn man aber das Zauberwort sagt, "schöne Maschine", dann werden diese coolen Typen ganz gesprächig. Ich habe mein Bild total revidiert. Motorradfahrer sind soziale und kommunikative Menschen. Man sieht es schon beim Grüßen unterwegs…

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie mal bitte.

Schmidt: Da herrscht ein Kastensystem: Bis 125 Kubikzentimeter Hubraum wird prinzipiell nicht gegrüßt, auch Rollerfahrer werden von Motorradfahrern nicht gegrüßt. Menschen auf zweirädrigen Oldtimern winkt man hingegen schon zu. Damit zollt man ihnen Respekt, in der Annahme, dass das alles erfahrene Fahrer und Schrauber sind. Harley-Davidson-Fahrer grüßen gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Schmidt: Weil die Angst haben, ihre breiten Lenker loszulassen. Nein, Scherz beiseite, das sind einfach Dünkel. Auch viele Menschen auf großen BMW- oder Rennmaschinen grüßen nicht. Aber der größte Teil winkt sich zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie lang wollen Sie denn Ihre Zeit auf dem Motorrad noch genießen?

Schmidt: Mindestens, bis ich 85 bin.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie damit nicht zu einem Risiko für andere?

Schmidt: Es bauen weitaus mehr junge als alte Leute Unfälle. Ich bin allerdings dafür, dass man in regelmäßigen Abständen im Alter einen Check macht, der Hör-, Seh- und Gleichgewichtssinn überprüft. Ich unterziehe mich dem jedes Jahr.

Udo Schmidt: "Nie zu alt für Easy Rider - Als Pensionist aufs Motorrad umsatteln", Westflügel Verlag, ISBN: 978-3-939408-26-0. Preis: 15,99 Euro.



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Seite 1
FrankDr 24.08.2014
1. Motorrad
Super Typ. Mal nicht dran denken, was die Nachbarn denken. Auf dem Motorrad ist man an der Luft, fühlt sich frei und kann die schönsten Ecken Deutschlands und Europas selbst erkunden mit etwas Abenteuer... Perfekt für die Rentenzeit - neutral gesehen.
andy9258 24.08.2014
2. Einfach nur klasse...
...ich bin erst 56, aber die nächssten 30 Jahre werde ich auch noch fahren, mindestens :-)
snubble 24.08.2014
3. kann man nur sagen....
....immer und allzeit gute Fahrt! Ach ja, und: Schöne Maschine!!
two-wheels 24.08.2014
4. Also.....
Ich hab auch mit 52 angefangen. Und ich fühl mich seitdem jeden Tag jünger. Bis 85 möchte ich nicht fahren. Eher länger
fatboy92 24.08.2014
5. wie Harley-Fahre grüßen nicht?
Leider fahre ich nicht mehr, zwecks Kindererziehung, abet als ich moch fuhr grüßte ich alle und auch 125er, die mich grüßten. Und viele um mich taten dasselbe, aber eben nocht alle. Aber im Betrieb gibt es ja auch die Wandschleicher, die nicht grüßen. Also dann, schönen Tag ...
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