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12. September 2018, 04:21 Uhr

Cadillac Escalade

Trumps Trumm

Der Cadillac Escalade ist das luxuriöseste SUV, das Amerika zu bieten hat. Rapper fahren ihn gern und der Secret Service. Autor Michael Specht durfte ihn ebenfalls testen - und schämte sich ein bisschen.

Der entgegenkommende Fahrer grüßt freundlich mit Lichthupe. Wie das Besitzer von speziellen Autos gern machen, wenn sie glauben, dass der Pilot des anderen Wagens nicht nur im selben Typ Fahrzeug sitzt, sondern deshalb auch ein Seelenverwandter sein muss.

Bei den Wagen handelt es sich um das größte und luxuriöseste SUV, das Amerika derzeit zu bieten hat - den Cadillac Escalade. In Kalifornien steht er an fast jeder Straßenecke oder fährt die Luxusmeilen in Beverly Hills rauf und runter.

Am Steuer sitzen dann meist junge Frauen oder dubiose Rapper, die oft "gepimpte" Versionen mit riesigen Chromfelgen fahren. Auch im täglichen US-Fernsehen ist er präsent, wenn Trumps Truppe, der Secret Service, mal wieder auf dicke Hose macht. Seine Frau Melania soll den Wagen bei seiner Präsentation enthüllt haben.

In Deutschland hingegen ist der Cadillac Escalade eine echte Rarität. Voriges Jahr registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg gerade einmal 151 Neuzulassungen. Was einen nicht wirklich wundert.

Denn mit dem Ungetüm in Kleinlaster-Dimension erkauft man sich einen Nachteil nach dem anderen. Die Nachbarn schütteln plötzlich mit dem Kopf, wenn sie einen sehen - und deren Kinder laufen erschrocken davon, sobald der Wagen in die Spielstraße einbiegt. Sozial verträglich ist der Wagen nicht.

18 Liter Sprit auf 100 Kilometer Autobahn

Deshalb kann man aus dem Auto auch nur schwer unbefangen aussteigen. Zumindest mir ging es so, ich fühlte mich ständig unter Rechtfertigungsdruck. Keine Konversation mit Passanten endete ohne die obligatorische Frage nach dem Verbrauch.

Wenn acht Zylinder über 2,7 Tonnen Masse in Bewegung bringen müssen, ist der Durst natürlich groß. Der Fahrer des Dienstes, der den Testwagen aus Frankfurt nach Hamburg überführte, berichtete von 134 Euro an Sprit für die Tour von etwa 500 Kilometer Autobahn. Bei einem durchschnittlichen Literpreis von etwa 1,50 Euro ergäbe das einen Verbrauch von 90 Liter (98 Liter passen in den Tank). Macht also 18 Liter auf 100 Kilometern. Städtischer Einsatz und Kurzstrecke knackten sogar die 20-Liter-Marke, wie die Testfahrten danach ergaben. Den amerikanischen Autofahrer interessiert das kaum, schließlich zahlt er umgerechnet kaum mehr als 70 Cent für den Liter Benzin.

Der teilt auch nicht die Sorgen eines Escalade-Fahrers in einer deutschen Stadt - beispielsweise bei der Suche nach einem Stellplatz. Der Wagen braucht Parkplätze, die einer Bushaltestelle gleichen. Riskiert man es, ins Parkhaus zu fahren, bricht der Angstschweiß aus. 5,18 Meter in der Länge sind zwar noch halbwegs manövrierfähig, eine Mercedes S-Klasse ist ähnlich lang. Aber 2,06 Meter Breite (ohne Seitenspiegel) und 1,90 Meter Höhe in Verbindung mit der truckermäßigen Sitzposition erzeugen fast klaustrophobische Zustände in sonst eher luftigen Gebäuden.

Die meisten Parkplatzmarkierungen sind nur zwei Meter - und damit viel zu eng für den Cadillac. Wer es schafft, sich trotzdem irgendwie in die Lücke zu quetschen, kommt selbst nicht mehr aus dem Auto heraus (oder der Nachbar nicht mehr in seinen Wagen hinein). Beulen in Türen sind programmiert.

Ausfahrbare Trittbretter als Highlight

Schafft man es, sich mit den Abmessungen zu arrangieren, gibt es im Gegenzug ein nie gekanntes Fahrgefühl. Der Escalade ist ein angenehmer Gleiter ohne sportliche Ambitionen, ein komfortabel abgestimmtes Riesen-SUV, in den Cadillac gefühlt alle Extras reingepackt hat, die es derzeit in der Autoszene überhaupt zu kaufen gibt.

Das erinnert ein wenig an 1957, als der Eldorado Brougham auf den Markt kam. Das Flaggschiff mit den Heckflossen war damals der teuerste Cadillac überhaupt und hatte für die damalige Zeit eine außergewöhnliche Ausstattung - beispielsweise einen klimatisierten Kofferraum, Luftfederung, Tempomat oder ein Radio mit Sendersuchlauf.

Heute sind es Dinge wie Head-up-Display, Bose-Surround-Audioanlage, Dreizonen-Klimaautomatik, gekühltes Fach in der Mittelkonsole oder das Magnetic-Ride-Control-Fahrwerk. Letzteres passt innerhalb weniger Millisekunden die Stoßdämpfer an die Straßenbeschaffenheit an.

Die coolste Nummer allerdings - wenn beim Gartenfest mal wieder nur über Autos geredet wird - sind die elektrisch ausfahrbaren Trittbretter. Kein Witz, es gibt sie, und sie sind sogar äußerst sinnvoll. Denn der Escalade ist in seiner Höhe mehr Lkw als Pkw, weshalb man in den Wagen hineinklettern muss. Auch beim Aussteigen helfen die Bretter, die dafür sorgen, dass die Füße dann nicht in der Luft hängen.

Es gibt auch noch eine Langversion

Über ungewöhnliche Räumlichkeiten verfügt das US-SUV ebenso. Bis zu acht Personen finden in drei Reihen Platz und dahinter können immer noch 431 Liter Gepäck verstaut werden. Umzugsqualitäten tun sich auf, werden die beiden hinteren Sitzreihen flach gelegt und Raum für bis zu 2668 Liter geschaffen. Die Ladefläche misst 1,20 mal 2,00 Meter. Zur Not lässt es sich auf ihr übernachten - selbst in der Kurzversion. Cadillac bietet den Escalade auch noch in einer verlängerten Variante an. Sie erreicht 5,70 Meter.

So überdimensioniert das amerikanische Luxus-SUV (Preis ab 99.900 Euro) in Europa erscheint, so provokant er sich in Sachen Umwelt- und Ressourcen-Schonung gebärdet, erzieht er seinen Fahrer doch zu Gelassenheit und Ruhe. Nie kamen Ambitionen auf, jemanden noch schnell überholen oder vor ihm einscheren zu müssen, um ein paar Sekunden zu gewinnen. Easy going, entspanntes Rollen, souveränes Gleiten, erhabenes Gefühl. Hat auch was. In gewisser Weise kann man die Amerikaner mit ihren dicken Dingern verstehen.

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