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Holzauto Cedar Rocket: Der schnellste Baumstamm der Welt

"Schnellster motorisierter Baumstamm der Welt": Ich glaub, da flitzt ne Riesen-Thuja Fotos
Amanda Fuller

Treffen sich ein Blockhausbauer, ein Turbinenhersteller und ein Mechaniker auf einer Autoshow. Klingt wie ein Witz? Dann schauen Sie sich bitte mal die Pointe an.

Im Nachhinein kommt es Bryan Reid Senior logisch vor, dass er einen fahrenden Baumstamm mit Elektromotor und Turbinenantrieb gebaut hat.

"Wir standen zu dritt auf einer Autoversteigerung: Ein Mechaniker; der Chef von einem Turbinenhersteller; und ich, der Leiter einer Firma, die Blockhäuser baut. Was hätte schon anderes dabei herauskommen sollen als die Cedar Rocket?"

Cedar Rocket, so heißt der fahrende Baum von Bryan Reid. Er besteht aus einem 3,80 Meter langen Holzstamm einer Riesen-Thuja (im Englischen Western Red Cedar), aus Fahrwerkteilen eines Mazda RX-7 und wird von einem 35-PS-Elektromotor angetrieben. "Der richtige Antrieb war eine der größten Herausforderungen", sagt der Kanadier. "Wir haben uns anfangs die Köpfe darüber zerbrochen, ob wir einen Dieselmotor nehmen oder lieber ein Lamborghini-Aggregat. Aber dann wurde uns klar: Das wäre alles nicht zeitgemäß - wir brauchen einen E-Motor".

Karosserieteile aus dem 18. Jahrhundert

Die Turbinen dienen dagegen hauptsächlich dem Erscheinungsbild und erzeugen kaum Schubkraft, auch wenn Bryan Reid darauf besteht, dass ihre Puste "den Leuten die Hüte vom Kopf fegt". Trotzdem machen sie natürlich Sinn: Jede Riesen-Thuja auf Rädern sieht mit Turbinen besser aus als ohne.

Dass die Wahl der technischen Komponenten auf den Mazda RX-7 fiel, lag vor allem an der Eigenheit von dessen Differentialgetriebe: "Dank des niedrigen Übersetzungsverhältnisses konnten wir den E-Motor und das Getriebe ohne ein weiteres Zwischenteil direkt verbinden", erklärt Reid. Auch die Scheibenbremsen, die Einzelradaufhängung und die Stoßdämpfer stammen aus einem Exemplar des japanischen Sportwagens.

Obwohl die Cedar Rocket innerhalb der vergangenen zwei Jahre entstanden ist und erst kürzlich fertiggestellt wurde, handelt es sich bei dem Mobil in gewisser Weise um einen Oldtimer. Schließlich ist die Karosserie - also der Baumstamm - nach der Einschätzung von Reid Senior etwa 240 Jahre alt.

"Mutter Natur hat hervorragende Arbeit geleistet"

Bryan Reid kennt sich aus mit Holz. Sein Unternehmen Pioneer Log Homes baut Blockhäuser in allen Größen. In seiner Heimat Kanada war er schon ein Star, bevor er eine Riesen-Thuja mit einem Mazda kreuzte: Seit zwei Jahren zeigt der Sender HGTV den Arbeitsalltag von Reid und seinen Mitarbeitern in der TV-Serie "Timber Kings". In der Motorsägen-Soap bauen die Handwerker Milliardärsvillen aus Holz. In Deutschland läuft die Show unter dem Titel "Blockhauspaläste XXL" auf Pro 7 Maxx.

Für die Entwicklung der Cedar Rocket hat Reid sein Lager durchforstet. "Wir haben uns mehr als 3000 verschiedene Stämme angeschaut und den besten ausgesucht", sagt er. Das gewählte Exemplar habe genau die richtige Größe gehabt und sei trocken genug gewesen. "Mutter Natur hat hier hervorragende Arbeit geleistet", sagt Reid, "auch wenn sie nicht wusste, dass aus dem Baum mal ein Auto wird."

Je weiter Reid und seine Helfer das Projekt vorantrieben, desto mehr packte sie der Ehrgeiz. Ein Baumstamm auf Rädern und mit Turbinen, das reichte ihnen nicht mehr; sie wollten einen Rekord aufstellen. Ihre Riesen-Thuja sollte die schnellste der Welt sein.

Vor einigen Tagen fand sich Bryan Reid deshalb in seiner etwa einer Tonne schweren Cedar Rocket mit einer Gesandtschaft der Guinness World Records auf einer Rennstrecke in Arizona ein. Die Vorgabe der Weltrekordbehörde: Das Baumauto sollte bei zwei Läufen jeweils eine Mindestgeschwindigkeit von 50 km/h erreichen. Reid raste zum Rekord.

Burgerbestellung im Holzauto

"Man muss selbst drinsitzen, um es zu verstehen", sagt der Kanadier über das Fahrgefühl. "Für mich war es wie damals mit 16 Jahren, als ich gerade meinen Führerschein hatte und endlich die Freiheit genießen konnte. Hinzu kommt, dass man in etwas fährt, das man selbst gebaut hat. In etwas, das aus Autoteilen aus Japan, aus Turbinen aus New York und aus einem Baum aus British Columbia zusammengebastelt ist."

So sehr Reid die Cedar Rocket auch mag, er wird sich bald von ihr trennen. Die Holzrakete kommt nächstes Jahr unter den Hammer. Bei der renommierten Versteigerungsaktion des Auktionshauses Barret-Jackson in Scottsdale verspricht er sich einen Erlös von 700.000 Dollar. "Das Geld geht an die Kriegsveteranen", sagt er.

Bis dahin bleibt der Baumwagen in der Garage. "Wissen Sie, er ist ziemlich wertvoll", sagt Reid, "außerdem hat er keine Straßenzulassung". Doch einmal habe er trotzdem eine Spritztour damit gewagt. "Ich bin zum Drive-Thru einer In-N-Out-Burger-Filiale gefahren und habe eine Bestellung aufgegeben. Ach, die Leute lieben dieses Auto."

cst

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1. Für einen guten Zweck,
alexanderschulze 11.03.2016
sehr schön.
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