Chevrolet Lumina, Baujahr 1999: Schlittenfahrt  durch Kanada

Einen Ami-Schlitten wünschte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Johannes Daniel Gutzmann als erstes Auto - und fand einen Chevrolet Lumina. Der Mittelklasse-Pkw schlug sich trotz etlicher Mängel wacker im schneereichen Winter Kanadas.

Chevrolet  Lumina, Baujahr 1999: Made in Kanada Fotos
Johannes Daniel Gutzmann

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Johannes Daniel Gutzmann über das Leben mit seinem Chevrolet Lumina , Baujahr 1999.

In der elften Klasse schwärmten meine Kumpels von ihren Autoplänen und davon, was sie nach der Fahrprüfung anstellen wollten. Bei mir reichte das Kleingeld nicht. Ich beschloss, Fahrstunden erst zu nehmen, wenn ich mir auch gleich ein Auto leisten könnte - und das sollte ein amerikanischer Straßenkreuzer sein.

Wahr wurde der Traum während meines Zivildienstes in Antigonish in Kanada, an Weihnachten 2008 nach zehn Fahrstunden. Ein paar Tage zuvor hatte ich kurzentschlossen auf eine Annonce hin einen Chevrolet Lumina, Baujahr 1999, mit 280.000 Kilometer Laufleistung erstanden.

Am Tag der Fahrprüfung bekam ich nach dem Papierkram mein Nummernschild, in Kanada nur eins, fürs Heck. Der braun-violette Schlitten wartete im Vorgarten. Mit dem ersten Schlüssel ging die Fahrertür auf, der zweite startete den 3,1 Liter großen Sechszylindermotor, und los ging's.

Beim Kauf hatte ich den Wagen nur kurz über einen schwach beleuchteten Parkplatz gesteuert und war noch recht unsicher, was die zwei verschiedenen Gänge anging, die am Lenkrad geschaltet wurden. Im Handbuch stand nur, dass der zweite Gang more power bereitstellen würde. Mit den 160 PS kam ich locker über das kanadische Tempolimit von 110 km/h hinaus.

Nur wenig Gegenverkehr

In den folgenden Tagen und Wochen war ich richtig viel unterwegs. Am Fahren in Kanada gefiel mir vor allem die Weite und Menschenleere des Landes, die Geschwindigkeitsbegrenzung (die wegen der strengen Polizei auch von fast allen beachtet wird) sowie die komfortable Ausstattung der Fahrzeuge mit Automatik. Auf der Strecke Quebec City-Toronto - etwa 900 Kilometer, die fast ausschließlich geradeaus gehen - begegnen einem etwa 100 weitere Verkehrsteilnehmer. Sein Ziel erreicht man dann in etwa so ausgeruht wie nach 20 Kilometern auf einer deutschen Autobahn.

Natürlich machte sich bald das Alter des Fahrzeugs bemerkbar. Nach drei Monaten und weiteren 3000 Kilometern fing der Chevy an, in den Kurven arg zu schlingern. Ich brachte den Wagen sicherheitshalber zu einer billigen Werkstatt am Stadtrand. Die Diagnose war erschütternd: Die Radaufhängung hinten hing praktisch am seidenen Faden. Das ABS war kaputt. Das Handbremsseil war durchgerostet und gerissen. Der freundliche Mechaniker besorgte mir jedoch schnell gebrauchten Ersatz für die Aufhängung. Er meinte, die Handbremse brauche ich sowieso nicht, und das ABS sei in diesem Modell ohnehin nur eine optische Täuschung.

Derart motiviert machten meine Freundin und ich uns auf eine 5000-Kilometer-Rundreise quer durch Kanada. So kam der Lumina auf seine alten Tage noch zu den Niagarafällen, nach Montreal, Toronto, Quebec City, Ottawa, zum St.-Lorenz-Strom und auf die Prince-Edward-Insel. Hin und wieder musste bei einem Reifen der Druck erhöht werden, doch sonst machte er eine sehr gute Figur.

Launische Elektronik und viel zu lachen

Meine Freunde mochten den Chevy, weil sechs Personen bequem auf der Vorder- und Rückbank Platz fanden. Immer für einen Lacher gut waren das Radio und die Scheibenwischer. Die automatische Lautstärkeregelung wusste nie, wie laut sie werden durfte, und die Wischerarme tauchten jedesmal von weit unterhalb der Motorhaube auf, bevor sie sich quietschend über die zwei Meter breite Scheibe schoben.

Die Elektronik war launisch: Der Blinkerhebel musste korrekt bedient werden, sonst blinkte das Auto nur hinten, und der Tempomat funktionierte nur sporadisch. In diesen Fällen bewegte sich das Gaspedal automatisch mit, was für manche Schrecksekunde sorgte. Die wenig vertrauenswürdige Tankanzeige schlug bei jeder Wankbewegung des Autos stark aus.

Trotzdem leistete sich der Chevrolet keine Schwächen, wenn er wirklich gefordert war. Im Tiefschnee kam er gut voran, wenn der Overdrive deaktiviert war. Der Kofferraum öffnete sich im Winter trotz Hydraulik immer erst nach einem kräftigen Klaps aufs Blech, steckte dafür aber zwei große Reisekoffer und mehrere Getränkekästen locker weg. Mit dem 70 Liter großen Benzintank konnte ich auch längere Strecken ohne Nachfüllen bewältigen, und der Spritpreis von umgerechnet ca. 0,50 Euro pro Liter (Stand Ende 2008) ließ auch den hohen Verbrauch verschmerzen. Im Sommer 2009 beendete ich meinen Dienst in Antigonish und gab den geliebten Lumina an einen Schrotthändler ab.

Zurück in Deutschland bin ich mit einem alten Opel Astra unterwegs. Der tut brav seine Dienste, ist aber nicht dasselbe. Dennoch käme der Lumina hier nicht in Betracht: Mit der mehr als fünf Meter langen Kiste ist die Parkplatzsuche so gut wie aussichtslos, von den Benzinkosten mal ganz zu schweigen.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Kein Problem auch bei uns
a.weishaupt 05.12.2010
Mein A8 ist ebenfalls von 1999, verbraucht aktuell auf Kurzstrecke 17-18l Super+ und ist 5,03m lang. Man muss so ein Schiff eben wollen. Kleinwagen sind für mich der Versuch, das Auto in Gebieten zu verbreiten, für die es überhaupt nicht geeignet ist, nämlich die mit dichter Besiedelung.
2. 100 Verkehrsteilnehmer?
groovebuster 05.12.2010
So so, zwischen Quebec City und Toronto ca. 100 Verkehsteilnehmer im Gegenverkehr? Ich weiß ja nicht, in welchem Kanada der Autor unterwegs war, aber bestimmt nicht in dem, was ich kenne. Ich mag Kanada ebenfalls, weil es diese Weite hat, aber dennoch muss man die Klischees nicht auch noch so maßlos zu übertreiben. Dass er nur 100 Autos getroffen haben will ist einfach megamäßiger Bullshit. Alleine im Großraum Toronto schafft man das noch weit außerhalb der Stadt in 10 Minuten. Quebec CIty ist ebenfalls kein Dorf, sondern eine richtige Stadt. Und gerade auf den Verbindungstrecken zwischen den wenigen kanadischen Metropolen (wir reden hier über die Achse Quebec City - Montreal - Ottawa - Toronto) ist immer relativ viel los, weil es eben nicht arg so viele Strecken gibt, die man sinnvoll nehmen kann. Und es sind übrigens nur 800km und nicht 900km. Quer durch Kanada, wenn er gerade mal bis zu den Niagara Fällen gekommen ist? Vielleicht sollte er mal auf die Landkarte gucken, wie viel im da noch gefehlt hat bis nach Vancouver. Und wir er so 5000 km auf die Uhr bekommen hat ist mir auch ein Rätsel. Aber bei Kanada kann man ja immer ein bisschen übertreiben, das merkt schon keiner... Genauso wie die Kanadier nur Fisch essen und in Iglus leben. Immerhin hat der Autor es geschafft mit diesem geistigen Durchfall auf die Titelseite von zu kommen. Das spricht Bände in vielerlei Hinsicht... ... P.S.: Ich selbst habe Familie in Kanada, bin regelmäßig drüben und kenne das Land dadurch sehr gut. Und solche "Berichte" (nicht nur über Kanada) gehen mir megamäßig auf den Keks.
3. :)
glücklicher südtiroler 05.12.2010
Zitat von sysopEinen Ami-Schlitten wünschte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Johannes Daniel Gutzmann als erstes Auto - und fand*einen Chevrolet Lumina. Der Mittelklasse-Pkw schlug sich trotz etlicher Mängel wacker im schneereichen Winter Kanadas. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,654858,00.html
Danke für den schönen Artikel... Erinnert mich an mein erstes Auto, auch eine große Stufenhecklimousine mit "Eigenheiten"... http://de.wikipedia.org/wiki/Austin_Montego Ein seltenes Auto von einer Marke, die heute verschwunden ist. Viele Erinnerungen verbinde ich mit dem Auto, die erste morosa und Reisen von Süditalien/Ischia bis zum Odenwald. Das Auto funktionierte meist einwandfrei und man konnte viel selber tun, die 1,6 Liter, 86PS Maschine lief recht verbrauchsgünstig und garantierte dem 1000kg-Auto trotzdem ein einigermaßen rasches Fortkommen. Dem Auto konnte auch ein grimmiger Südtiroler Bergwinter nichts anhaben, auch bei -23 Grad ist ein Anspringen garantiert. Schöne Erinnerungen wie ich einen Golf Diesel durch die Gegend zog, dessen Fahrer die Autowintervorbereitung schlicht vergessen hatte. Unvergessen die vielen Scheibenwischerintervallmöglichkeiten. Braucht man in Südtirol vielleicht 10x im Jahr, war aber dann recht praktisch. Die schönen komfortablen Sitze mit ausgezeichnetem Stoff und Rückbank mit Ausziehlehne waren Anfang der 80er eine Rarität. Früher hatten die Autos noch den Geschmack eine Landes. Der Montego war unverkennbar ein Engländer... :) Viele Grüße aus Südtirol...
4. ...
FoxhoundBM 05.12.2010
Zitat von glücklicher südtirolerDanke für den schönen Artikel... Erinnert mich an mein erstes Auto, auch eine große Stufenhecklimousine mit "Eigenheiten"... http://de.wikipedia.org/wiki/Austin_Montego Ein seltenes Auto von einer Marke, die heute verschwunden ist. Viele Erinnerungen verbinde ich mit dem Auto, die erste morosa und Reisen von Süditalien/Ischia bis zum Odenwald. Das Auto funktionierte meist einwandfrei und man konnte viel selber tun, die 1,6 Liter, 86PS Maschine lief recht verbrauchsgünstig und garantierte dem 1000kg-Auto trotzdem ein einigermaßen rasches Fortkommen. Dem Auto konnte auch ein grimmiger Südtiroler Bergwinter nichts anhaben, auch bei -23 Grad ist ein Anspringen garantiert. Schöne Erinnerungen wie ich einen Golf Diesel durch die Gegend zog, dessen Fahrer die Autowintervorbereitung schlicht vergessen hatte. Unvergessen die vielen Scheibenwischerintervallmöglichkeiten. Braucht man in Südtirol vielleicht 10x im Jahr, war aber dann recht praktisch. Die schönen komfortablen Sitze mit ausgezeichnetem Stoff und Rückbank mit Ausziehlehne waren Anfang der 80er eine Rarität. Früher hatten die Autos noch den Geschmack eine Landes. Der Montego war unverkennbar ein Engländer... :) Viele Grüße aus Südtirol...
Chevrolet gibt's in den USA nach wie vor, heißt nur in Südkorea noch Daewoo. Für für den Rest der Welt wurde Daewoo zu Chevrolet. www.chevrolet.com
5. falscher Bezug
ICBM 05.12.2010
Zitat von FoxhoundBMChevrolet gibt's in den USA nach wie vor, heißt nur in Südkorea noch Daewoo. Für für den Rest der Welt wurde Daewoo zu Chevrolet. www.chevrolet.com
Damit war wohl eher der Austin der Vorposters gemeint. In der Mittelklasse und darunter haben die Engländer auf Dauer nix dauerhaftes etablieren können... Austin, Morris, Triumph, MG, Rover alles Schnee von gestern. Richtig dass die in D erhältlichen Chevrolets größtenteils der Konzernsparte GM Deawoo ais Korea entstammen. mfg
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Markus Gölzer
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