Citroën Dyane 6 Mondlandung einer Französin

Für viele Menschen sind Autos Beziehungskisten. Margret Meincken berichtet von prägenden Erlebnissen mit automobilen Klassikern. Diesmal: Wie ein isländischer Junge sich in Citroën verliebte.

Baldvin Thoroddsson

Sveinn sitzt in einem oberbayerischen Gasthaus und schwärmt von seiner ersten großen Liebe. Die Citroën Dyane sei vielleicht kein perfekt verarbeitetes Auto, sagt er, aber sie schaukele sehr sympathisch durch die Gegend. Ein VW Käfer knattere ja eher, während die Dyane so schön schnurre. "Ffffrrrr" macht der 47-Jährige und schlürft seinen Cappuccino, die eisblauen Augen mit melancholischem Glanz, die wasserstoffblond gefärbten Haare mit Gel zu kleinen Antennen geformt.

Drei Jahre war er alt, als sein Vater Baldvin Thoroddsson nach Reykjavík flog, um eine dunkelblaue Dyane 6 zu kaufen. Die Familie stammt aus Akureyri im Norden Islands. Abends ging es zurück - über 400 Kilometer Schotterpiste. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht. Sveinn erinnert sich noch heute wie er auf's Sofa kletterte, um die Neuanschaffung seines Vaters zu bewundern.

Zur Autorin
  • privat
    Oldtimerfahrer haben (fast) alle etwas gemeinsam, fand Margret Meincken bei ihrer Arbeit als Motorjournalistin heraus: Die Liebe zum alten Blech entstand schon in der Kindheit, oft geprägt durch die Eltern.

    Bei Meincken war es nicht anders. Ihre Automacke entwickelte sich noch im Mutterleib bei einer Tour mit dem Ford Bronco ihres Vaters.

    Von prägenden Erlebnissen mit der ersten motorisierten Liebe erzählt sie regelmäßig für SPIEGEL ONLINE in unserer Serie "Im Rückspiegel".

Technisch gesehen ist die Dyane ein 2CV mit 32 PS und großer Heckklappe. Im Cockpit das für Citroën so typische Einspeichenlenkrad, Revolverschaltung, drei Gänge. Auf dem Armaturenbrett prangt ein überdimensionierter Aschenbecher, in dem Berge von Gauloises oder Gitanes Platz finden, die seilzuggesteuerte Heizung belüftet wahlweise Hut oder Schuh. Entenliebhaber kritisieren, sie habe kaum einen höheren Nutzwert als der "Döschwo", dafür aber überhaupt keinen Charme. Mit Sveinn jedoch hat sie einen glühenden Fan.

Verlassene Mondlandschaft

In den Siebzigerjahren gleicht Island einer verlassenen Mondlandschaft. Die 200.000 Bewohner leben von Landwirtschaft und Fischerei, sein Vater gerbt Schaffelle in Akureyri, Touristen gibt es so gut wie keine. Schotterwege durchziehen die schroffe Natur, asphaltierte Straßen findet man nur in den Städten, Brücken sind Mangelware. Die Dyane leidet unter Flussdurchquerungen und Steinschlägen. Drei Jahre wird sie alt, dann muss sie ersetzt werden.

Die Dyane hat die perfekte Höhe, um durchs Wasser zu pflügen
Baldvin Thoroddsson

Die Dyane hat die perfekte Höhe, um durchs Wasser zu pflügen

Wieder reist Vater Baldvin nach Reykjavík, wieder verhandelt er mit dem selben Citroën-Verkäufer und ersteht diesmal einen GS Club, Stromlinienform, elfenbeinfarbener Lack. An Bord die Revolution der großen Schwester DS, die Hydropneumatik. Das Federungssystem mit automatischer Niveauregulierung und variabler Bodenfreiheit erzeugt einen schaukelnden Schwebezustand, den nicht jeder Magen verträgt. Immer, wenn die helle Haut des kleinen Sveinns bei Autofahrten noch blasser wird, reicht ihm die Mutter einen Kaugummi, Wrigley Juicy Fruit, künstliche Banane, dazu ein Hauch synthetische Ananas. Der Junge kaut, wohler wird ihm nicht, das Auto vergöttert er trotzdem.

"Das war die Zukunft", sagt er. "Eine Handbremse, die aus dem Armaturenbrett ragt, rund um das Lenkrad angeordnete Schalter und die Hydropneumatik, mit der man über die Straße schwebte". In seiner Erinnerung fliegt Sveinn noch einmal in einem französischen Raumschiff über die karge Mondlandschaft.

Ende der Siebzigerjahre wird die wirtschaftliche Situation in Island immer schlechter, Vater Baldvin sucht nach neuen Möglichkeiten, zieht mit Frau und Söhnen nach Geretsried südlich von München. Sveinn vermisst seine Heimat, seine Freunde. Und als wäre das noch nicht genug, kommt 1982 der nächste Schock: Die Eltern brauchen ein größeres Auto, ein Schwesterchen kündigt sich an, und kaufen einen nagelneuen VW Passat B2, stolz auf die deutsche Wertarbeit. "Ich war stinksauer!", sagt Sveinn. "Langweiliges Design, einfache Technik, nichts Besonderes. Ein totaler Rückschritt." Der damals Elfjährige schwört, einen Citroën zu kaufen, sobald er dazu in der Lage sei.

Das Raumschiff: Citroën CX Prestige

Mit 18 schwärmt er für die Citroën "Déesse", doch die Göttin ist teuer. Für 1000 Mark ersteht er einen VW Käfer, der bis heute in seiner Garage steht. Sechs Jahre später findet er einen Citroën CX Prestige, dunkelgrünmetallic, erste Serie. Er vereinbart eine Probefahrt, gleitet auf den hellbraunen Fahrersitz, startet den Vierzylinder. Flashback, Sveinn wird in seine Kindheit gebeamt, schwebt in einem französischen Raumschiff, mit futuristischem Design und intelligenter Technik.

Die hydraulisch unterstützte Servolenkung stammt aus dem Citroën SM, funktioniert abhängig von der Geschwindigkeit und führt die Räder auch im Stand in die Geradeausstellung zurück. Das Cockpit wirkt wie eine elliptische Kanzel, Tacho und Drehzahlanzeige sind durch orange beleuchtete Walzen ersetzt, vergrößert durch eine Lupe. Darunter wird die jeweilige Fahrstufe der Drei-Gang-Automatik mit einer Lampe beleuchtet. Licht, Blinker und Wischer befinden sich an trapezförmigen "Satelliten" um das einspeichige Lenkrad herum. Sveinn schwebt weiter. Diesmal im siebten Himmel. Er kauft den Wagen.

Das jähe Ende einer langen Liebe

Selbst vor teuren Reparaturen schreckt er nicht zurück, lässt ihn sogar restaurieren in Yalova bei Istanbul. Doch zehn Jahre später findet die lange Liebe ein jähes Ende. Die Hydraulik leckt, der Druck im System baut sich nur noch langsam auf. Deshalb funktioniert die Bremse nicht so wie sie soll.

Als ein Handwerker in die Tiefgarage will, um kaputte Rohre zu flicken, steht das Auto im Weg. Sveinns Freundin startet den Motor, legt den Rückwärtsgang ein, setzt zurück. Weil der Wagen nicht bremst, denkt sie, das falsche Pedal erwischt zu haben, tritt stattdessen aufs Gas - und setzt den Citroën CX links hinten gegen die Wand. Der ist nun ein paar Zentimeter kürzer. Eine Reparatur lohnt sich nicht. "Ich bin explodiert", sagt Sveinn mit sanfter Stimme. Seine Freundin heiratet er später, Citroën hat er keinen mehr. Doch noch immer träumt er von einer Göttin, der Citroën DS. Und wenn es die nicht wird, dann wird es die Dyane. Seine erste große Liebe.



insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
scxy² 29.04.2018
1. Die Lenkung vom SM?
Ich bin keine wandelnde Citroën-Enzyklopädie, aber dass der CX die Lenkung vom SM hat, glaube ich ja nicht so recht. Eher vom DS/ID, von dem auch der SM sie hatte. Ansonsten eben eine typische Oldie-Geschichte, wohl auch typisch für Jungs. Allem gender mainstreaming zum Trotze.
sametime 29.04.2018
2. 3 Gänge?
Die Dyane hatte wie die Ente über die gesamte Produktion 4 Vorwärtsgänge. Die ersten Dyanen hatten nur 18PS. Der 32PS-Motor vom Ami 8 wurde erst später übernommen.
rjsedv 29.04.2018
3. Citroën hat früher einfach geniale Autos gemacht
Dieser Citroën-Virus hat mich auch gepackt. Vermutlich haben die Autos meines Vaters da auch mitgespielt. Wobei das Renault waren. Aber der französische Stil hat sich eingeprägt und später in zig Enten und sogar einer DS manifestiert. Und die Dyane habe ich auch als überzeugter Entenfahrer immer akzeptiert. Die Story von dem isländischen Jungen kann ich voll nachvollziehen - ich kann den heutigen Autos nichts abgewinnen und würde am liebsten wieder Ente oder DS fahren.
polarbear67 29.04.2018
4. Schade auch
Es ist sehr traurig zu hören, dass es diesem Citroen Fan nicht möglich ist sein Traumauto zu fahren. ich habe immer Alles dafür getan, dass mir das nicht passiert. Ich hab die Top 3 meiner Traumautos vor der Tür und fahre sie täglich. Ich bin damit immer gerne unterwegs und wenn man die Gesamtumweltbilanz betrachtet erheblich umweltfreundlicher als mit einem neuen E-Auto. Das jüngste ist 24 und hat bereits 3 Neuwagen überflüssig gemacht... So fahre ich mit Sicherheit CO2-neutral.
alterLeser 29.04.2018
5. Dyane 6
Meine ersten Autos waren Dyane 6. Die Technik war identisch mit dem berühmteren 2CV, aber der Kofferraum mit der oben angeschlagenen Tür war praktischer. Deshab hatte ich trotz dem Mehrpreis die Dyane gewählt. Heute fahre ich "Premium"-Modelle aus deutscher Produktion, doch hängen meine schönsten Erinnerungen noch immer an der Dyane 6. Schade, dass solche Autos heute nicht mehr gekauft werden können!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.