Cugnot Dampfwagen: Fünf Tonnen schwere Automobil-Geschichte

Aus Tampa berichtet

Zwar feiert die Branche derzeit den 125. Geburtstag des Autos, doch schon vor dem Benz Motorwagen gab es automobile Fortbewegung. Zum Beispiel mit dem Fardier von Nicholas Cugnot: Fast 250 Jahre nach seiner Erfindung stampft der Dampfwagen jetzt wieder - in Florida.

Cugnot Dampfwagen: Volldampf aus der Vergangenheit Fotos
Tom Grünweg

Hat er, oder hat er nicht? Wann immer die Rede auf den Erfinder des Autos kommt, fällt meist auch der Name Nicolas Cugnot. Denn schon mehr als 120 Jahre vor Carl Benz und Gottlieb Daimler hat der französische Militäringenieur ein ominöses Gefährt auf die Räder gestellt, das sich aus eigener Kraft und auf eigenem Kurs fortbewegen konnte: den "Fardier à Vapeur".

Damit wäre möglicherweise dieser Dampfkraftwagen von 1769 das erste Auto der Welt und Cugnot sein Erfinder. Allerdings endete die erste öffentliche Testfahrt des fünf Tonnen schweren, über sieben Meter langen und kaum fünf km/h schnellen Ungetüms im Jahr 1771 an einer Kasernenmauer und wenig später versandete die Entwicklung in politischen Ränkespielen am Hofe Ludwigs XV. Noch bevor das womöglich erste Auto der Welt tatsächlich in Fahrt kam, war seine Geschichte auch schon wieder vorbei.

"Statt Cugnot gebührend zu ehren, streitet man heute darüber, ob sein Dampfwagen überhaupt richtig fahren konnte", ereifert sich Alain Cerf. Er lebt im US-Staat Florida, ist aber Franzose mit Leib und Seele und hat sich zum Anwalt des verkannten Genies aus dem 18. Jahrhundert gemacht. Allerdings kämpft er nicht mit historischen Analysen, sondern mit einem originalgetreuen Nachbau des damaligen Dampfwagens. Das Gefährt ist der Star seines privaten Automuseums in Tampa; Cerf kann sich das leisten, er wurde als Verpackungsfabriankt zum Millionär.

Infiziert hat ihn das Cugnot-Virus bei einem Besuch in Paris. "Dort habe ich vor ein paar Jahren im Museé des Arts et Métiers das Original gesehen und mich in die Geschichte verbissen", sagt Cerf. Er las nach, wann und wie Cugnot von der Armee mit der Konstruktion einer Maschine beauftragt wurde, die Pferdekutschen für den Geschütztransport überflüssig machen sollte. Der Dampfwagen musste dazu stark genug sein, um eine Fünf-Tonnen-Kanone an die Front zu zerren, und er sollte flottes Marschtempo erreichen. Cerf kennt auch die Berichte, in denen Cugnot die Erfüllung dieser Vorgaben dokumentierte. Nur ob es das Dampfmobil tatsächlich schaffte, das lässt sich auch mit dem Relikt aus Paris nicht klären. "Leider ist der Fardier aus dem Museum nicht funktionsfähig."

In Nürnberg fand Monsieur Cerf die entscheidende Anregung

Also ging Cerf auf die Suche und kam ausgerechnet in Nürnberg ein entscheidendes Stück weiter: Dort, genauer im Deutschen Eisenbahnmuseum, fand er einen Nachbau des Dampfwagens, den die Reichsbahn 1935 zum 100. Geburtstag des Bahnverkehrs in Deutschland in Auftrag gegeben hatte. Denn die Bahner sahen im Fardier kein Auto, sondern den Vorläufer der Lokomotive. Cerf war auf einer heißen Spur, jedoch war auch das Fahrzeug aus Nürnberg nicht funktionsfähig. Allerdings liehen die Franken Cerf den Wagen für sein Museum aus - und erlaubten ihm sogar, einige Änderungen daran vorzunehmen.

Inzwischen hat Cerf alle wichtigen Teile an dem gewaltigen Dreirad funktionsfähig nachgebaut - vor allem den Motor. Nun ragen über dem Vorderrad mehr als mannshoch wieder zwei Zylinder im Bierfass-Format auf, deren Kolbenstangen über ein spezielles Ritzel direkt das Vorderrad antreiben. Vor dem riesigen Kessel, den Cugnot an stabilen Stangen vor seinen Wagen gehängt und der am Nürnberger Modell nur eine Attrappe war, hatte Cerf Respekt. Deshalb musste anfangs ein Pressluft-Kompressor für Dampfdruck sorgen und so zumindest die grundsätzliche Funktionstüchtigkeit des Gefährts demonstrieren.

Zufrieden war Cerf mit dieser Notlösung noch nicht, und eine Dauerleihgabe war ihm ebenfalls zu wenig. Und so baute er einen zweiten Dampfwagen - inklusive des monströsen Kessels samt Brenner und Kocher für viele hundert Liter Wasser. Sechs Jahre dauerten die Arbeiten an der Replika, vor einigen Monaten nun war es soweit: Zum ersten Mal wurde der Fardier tatsächlich wieder angeheizt und startete so fast 250 Jahre nach seiner Erfindung noch einmal zur Jungfernfahrt.

"...und der Wagen fährt ungehindert in die Kasernenmauer"

Auf einer Ausstellungstafel im Museum ist nachzulesen, wie kompliziert und aussichtslos die erste Probefahrt des Dampfwagens auf einem Exerzierplatz in Paris gewesen sein muss. "Der Erfinder schreitet neben der wackelnden und holpernden Maschine einher und ruft seine Befehle dem Steuermann zu. Gegen Ende des Platzes versucht der Fahrer verzweifelt und mit allen Kräften, das Fahrzeug zum Umkehren zu bewegen. Trotz übermenschlicher Anstrengung, die Kurbel zu drehen, bleibt das viel zu schwere Vorderrad auf Geradeauskurs und der Wagen fährt ungehindert in die Kasernenmauer. Für Cugnot ist dieses Unglück Grund genug, nie wieder seinen Dampfwagen anzurühren", lautet der Text.

Was der Erfinder damals verpatzte, hat sein größter Fan Cerf zunächst auf einem Parkplatz in Florida und vor wenigen Wochen auch bei der Retro-Mobile in Paris wieder gerade gebogen. Denn laut stampfend und schnaubend wie eine Dampflokomotive, rumpelnd und polternd, stur und unbeirrt kam der Fardier dort in Fahrt. Und mit jedem Meter wuchs die Freude seines Erbauers. "Ich weiß gar nicht, was all die Zweifel sollen", sagt Cerf seither. "Der Fardier fährt ausgezeichnet und ist für mich unbestritten das erste Auto der Welt."

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Traktor
BreitCalde 25.02.2011
Zitat von sysopZwar feiert die Branche derzeit den 125. Geburtstag des Autos, doch schon vor dem Benz Motorwagen gab es automobile Fortbewegung. Zum Beispiel mit dem Fardier von Nicholas Cugnot: Fast 250 Jahre nach seiner Erfindung stampft der Dampfwagen jetzt wieder - in Florida. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,747523,00.html
also wurde die Zugmaschine vor dem Auto erfunden und das noch vor der Dampfmaschine von James Watt. Nur das mit dem Lenken war etwas schwierig. erinnert mich ein bischen an die Probleme mit dem Dreirad in der Kindheit.
2. Nicht der Erfinder....schon wieder....
Gegengleich 25.02.2011
Zitat von BreitCaldealso wurde die Zugmaschine vor dem Auto erfunden und das noch vor der Dampfmaschine von James Watt. Nur das mit dem Lenken war etwas schwierig. erinnert mich ein bischen an die Probleme mit dem Dreirad in der Kindheit.
Wie andere beim Auto scheinen Sie hier Fehlinformationen aufgesessen zu sein: Ich habe mein Wissen zwar nur über 1 Quelle überprüft (Wikipedia), aber zumindest dort wird darauf hingewiesen, daß James Watt die Dampfmaschine nicht erfunden, sondern verbessert hat. Das geschah aber auch 1769, also gleichzeitig. Erfunden wurde die Dampfmaschine vorher von anderen. Gäbe es diese vorherigen nicht, Cugnot wäre wohl der Erfinder von beidem, denn die Erfindung eines damfgetriebenen Automobils OHNE die Erfindung des zugehörigen Antriebs wäre schwerlich möglich.
3. Alles eine Frage der Grenzziehung
Toebbens 25.02.2011
Schon Leonardo Da Vinci hat ein "Auto" entworfen, mit Uhrwerkantrieb. Und als das vor einigen Jahren nachgebaut wurde, ist es auch gefahren. Einige Meter allerdings nur. Der Benz Motorwagen bleibt das, was er schon immer war: Das erste funktionsfähige Auto.
4. Das Stahltier
gsm900, 25.02.2011
Zitat von BreitCaldealso wurde die Zugmaschine vor dem Auto erfunden und das noch vor der Dampfmaschine von James Watt. Nur das mit dem Lenken war etwas schwierig. erinnert mich ein bischen an die Probleme mit dem Dreirad in der Kindheit.
zeigt den ersten Autounfall der Geschichte. http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Stahltier Der Unfall: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Fardier_a_vapeur.gif&filetimestamp=20050419174251
5. Papin hat schon 1707 ein Dampfboot gebaut
gsm900, 25.02.2011
Zitat von GegengleichWie andere beim Auto scheinen Sie hier Fehlinformationen aufgesessen zu sein: Ich habe mein Wissen zwar nur über 1 Quelle überprüft (Wikipedia), aber zumindest dort wird darauf hingewiesen, daß James Watt die Dampfmaschine nicht erfunden, sondern verbessert hat. Das geschah aber auch 1769, also gleichzeitig. Erfunden wurde die Dampfmaschine vorher von anderen. Gäbe es diese vorherigen nicht, Cugnot wäre wohl der Erfinder von beidem, denn die Erfindung eines damfgetriebenen Automobils OHNE die Erfindung des zugehörigen Antriebs wäre schwerlich möglich.
http://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Papin Um nach London zurückkehren zu können, baute Papin 1707 ein durch seinen Dampfzylinder und Muskelkraft angetriebenes Schaufelradboot und wollte es auf Fulda und Weser von Kassel nach Münden überführen. Leider wurde er Opfer von "Wutbürgern": "Das Schaufelradboot wurde aber im Streit um Passierrechte von der Mündener Schiffergilde zerstört"
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Die Erfindung des Automobils

Der Patentantrag für ein Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb vom 29. Januar 1886 gilt als Geburtsurkunde des Automobils. Zweifellos hat Carl Benz damit Beachtliches geleistet und maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des Autos - doch den Erfinder des Automobils gibt es gar nicht; vielmehr waren Dutzende Tüftler und Ingenieure daran beteiligt.
Zu nennen wären James Watt, der um 1770 leistungsfähige Dampfmaschinen baute oder Nicolas Joseph Cugnot, der bereits 1769 eine fahrende Dampfmaschine konstruierte, die allerdings kaum lenkbar war. 1815 fuhr Josef Bozek mit einem Dampfmobil durch Prag, doch vor allem in England experimentierten zahlreiche Konstrukteure zu dieser Zeit mit Dampffahrzeugen aller Art. 1825 etwa stellte Goldsworthy Gurney einen Patentantrag für einen "Apparat, der ohne Pferdekraft Menschen und Waren auf Straßen und Schienen transportiert". Um 1830 fuhren bereits rund 20 Dampfbusse durch London, kurz darauf auch durch Paris und Edinburg; bald wurden auch Fernbuslinien eingerichtet. 1873 stellte Amédée Bollée einen zwölfsitzigen Dampfbus vor, der bereits über eine Achsschenkellenkung verfügte - eine Konstruktion, die später von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach noch einmal erfunden wurde.
Klar ist: Das Automobil hat kein Einzelner erfunden, es ist das Produkt vieler genialer Tüftler.

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