Daimler-Reitwagen von 1885 Mutprobe auf Gottliebs Feuerstuhl

Gottlieb Daimler gilt als Wegbereiter des Automobils - was kaum einer weiß: Quasi en passant entwickelte er das erste Motorrad der Welt: Im Jahr 1885 ließ sich der Pkw-Pionier seinen Reitwagen patentieren. SPIEGEL ONLINE war an historischer Stätte auf dem Nachbau unterwegs.

Dieter Rebmann

Bis eben war es noch beschaulich und romantisch im Kurpark von Bad Cannstatt. Doch nun stört Michael Plag das Idyll. Der Mechaniker hantiert an einem merkwürdigen Gefährt, das stinkt und qualmt, manchmal Flammen spuckt und nervtötend tuckert. Neugierig, aber auch vorsichtig blicken Passanten dem Daimler-Mitarbeiter über die Schulter.

So ähnlich muss es gewesen sein vor 125 Jahren, als genau an dieser Stelle genau diese Maschine zum ersten Mal zum Leben erweckt wurde.

Denn was heute der Kurpark ist, das war damals der Garten von Gottlieb Daimlers Villa. Der weiße Pavillon war die Werkstatt von Daimler und seinem Partner Wilhelm Maybach. Und was dank Plags kundiger Hand allmählich warmläuft, ist der legendäre Reitwagen - das erste Motorrad der Welt, das Gottlieb Daimler am 29. August vor 125 Jahren zum Patent anmeldete.

Auch wenn die Fahrleistungen Lichtjahre von dem entfernt sind, was man heute von Motorrädern kennt, ist der Reitwagen ein echter Feuerstuhl. Denn wenn Plag vor dem Starten des aufrecht stehenden Einzylinder-Motors das Glührohr mit einer Lötlampe vorheizt, wird der Sitz des Gefährts gefährlich warm. Und dass während der Fahrt immer wieder mal Flammen zwischen den Beinen des Fahrers hochzüngeln, ist völlig normal. "Es passiert zwar immer seltener, aber kleinere Verbrennungen gehören beim Umgang mit dem Reitwagen einfach dazu", sagt Plag, der im Mercedes-Classic-Center arbeitet.

So viel Hubraum wie ein Bierglas

Läuft der heiße Ofen erst einmal rund, erwartet den Zeitreisenden im Park der "Gottlieb Daimler Gedächtnisstätte" ein abenteuerlicher Ritt. Die Sitzposition ähnelt der sprichwörtlichen "Affe auf dem Schleifstein"-Haltung, die Balance zu wahren ist trotz der ungewöhnlichen Stützräder nicht ganz einfach; mit einer Hand wird die dünne Lenkstange gehalten. Die andere krallt sich um den Fahrhebel auf dem Rahmen, an dem ein Seilzug befestigt ist. Zieht man den heran, spannt sich ein Lederriemen und überträgt - ähnlich wie heute noch bei jeder Harley - die Motorkraft aufs Hinterrad. Drückt man ihn nach vorn, löst sich der Riemen und es drückt nun eine riesige Bremsbacke gegen das Rad aus Eschenholz.

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Wackelig rumpelt der Reitwagen auf eisenbeschlagenen Rädern im flotten Schritttempo über Kieswege. Aus einem Zylinder von der Größe eines kleinen Bierglases (Hubraum 264 ccm) entwickelt der Motor ungefähr ein halbes PS und beschleunigt den Reitwagen auf vielleicht 10 oder 15 Kilometer pro Stunde. Es gibt auch ein zweites Ritzel, das Plag als Schnellgang bezeichnet, doch damit soll heute nicht experimentiert werden.

Schon bei der Kriechfahrt läuft der Mechaniker neben dem Probanden auf dem Reitwagen her wie ein Vater neben einem Kind, das zum ersten Mal auf einem Fahrrad sitzt. Mit jedem Meter auf dem Reitwagen wächst der Respekt vor Daimlers Sohn Adolf, der 1885 die Jungfernfahrt von der Familienvilla in Cannstatt nach Untertürkheim absolvierte; hin und zurück sind das etwa sechs Kilometer.

Der aktuelle Reitwagen ist eine Rekonstruktion, das Original verbrannte

Der Reitwagen, den wir heute fahren, sieht zwar nach Gründerzeit aus, ist aber relativ jung. Das Original von 1885 wurde bei dem verheerenden Werksbrand von 1903 zerstört. In der Folge ließ Mercedes den Reitwagen immer mal wieder nachbauen, doch in Fahrt kam Daimlers Feuerstuhl erst wieder bei den Vorbereitungen für das hundertjährige Jubiläum vor 25 Jahren.

"Damals wurden zehn Fahrzeuge rekonstruiert, von denen neun als Ausstellungsstücke und eines zum Fahren gedacht war", sagt Plag und schiebt den einzig fahrbereiten Reitwagen vor die weiße Gartenlaube.

Rund anderthalb Jahre bastelten ein Kutschenbauer aus dem Schwarzwald, ein Feinmechaniker aus Stuttgart und das Team des Mercedes Classic Centers, um aus Eschenholz, Bronze, Messing und Leder das 90 Kilo schwere Vehikel zu rekonstruieren, für das ein Modell aus dem Jahr 1903 Pate stand.

Im Oktober wird erstmals seit 125 Jahren wieder ein Zweirad vorgestellt

Für Mercedes ist der Reitwagen ein Meilenstein; die Schwaben feiern ihr Gefährt "als erstes von einem Menschen kontrolliertes Straßenfahrzeug mit Verbrennungsmotor". Doch der hölzerne Einsitzer war eigentlich nur ein Erprobungsmodell und Wegbereiter für Benz' Motorwagen vom Januar 1886 und die erste vierrädrige Motorkutsche, die Daimler wenige Monate später vorstellte.

"An eine Produktion hat Daimler damals nie gedacht," sagt Mercedes-Classic-Sprecher Josef Ernst. Obwohl die Idee des Motorrades für die Minimal-Mobilität zwischen den beiden Weltkriegen im Unternehmen noch einmal aufkam, blieb Mercedes bei vier Rädern.

Für den Pariser Autosalon im Oktober hat Firmenchef Dieter Zetsche nun jedoch ein Zweiradkonzept für den Stadtverkehr avisiert. Mit dem Reitwagen hat das neue Modell allerdings nichts mehr gemein: Denn das erste Daimler-Zweirad nach 125 Jahren wird elektrisch fahren.

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insgesamt 8 Beiträge
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darmstädter 05.08.2010
1. Bis zum Erbrechen
Immer wieder die selben Themen, entweder der 2 Weltkrieg und die kaltblütigen Nazis oder 100 Jahre alte deutsche Erfindungen, und jetzt ein Motorrad aus Holz, super! Gibt es keine aktuellen deutschen Erfindungen mehr? Mit Sicherheit gibt es die, auch die aktuelle geopolitische Lage biette viel zur Analyse bereit. Lasst uns die Zukunft verändern und nicht nur in der Vergangenheit schwelgen!
Realo, 05.08.2010
2. Geil !
Ich liebe diese Artikel aus der Gründerzeit ! Wenn ich doch nur ein bisschen mehr Zeit hätte, dann würde ich sofort damit beginnen so ein Gefährt nachzuempfinden. Einen alten Rasenmähermotor habe ich noch. Genau wie einen alten Elektromotor aus einer Nähmaschine, ein Holzfahrrad haben wir vor vielen Jahren schon im Werkunterricht in der Schule gebaut. Daran ein paar Solarzellen montieren und los gehts..... Ach nee, wir sind ja in Deutschland, mit so einem Gefährt würde ich mich sofort strafbar machen, wie schade.
wegavision 05.08.2010
3. "Gottlieb Daimler gilt als Erfinder des Automobils "
Eigentlich hat man sich darauf geeinigt, dass Herr Daimler nicht das Automomil sondern den ersten "vierrädrigen Kraftwagen" entwickelt hat. Herr Benz war da mit seinem dreirädrigen Wagen ein Jahr früher. Auch wenn die Firma Daimler das selbst in ihrem neusten Werbeclip nicht mehr so sieht, muss es aus Dicht eines Mannheimer hier doch gesagt werden.
DoppelhirnRinde 05.08.2010
4. Feuerstuhl
Der Autor schreibt "Quasi en passant entwickelte er das erste Motorrad der Welt". Kann der Autor kein Deutsch mehr sprechen? Vielleicht hat er ja schon zu der Zeit gelebt und hat sein Deutsch nach so langer Zeit vergessen. Oder er will den dicken Hengst markieren oder wie das heisst.
SchneiderG 05.08.2010
5. .
Zitat von wegavisionEigentlich hat man sich darauf geeinigt, dass Herr Daimler nicht das Automomil sondern den ersten "vierrädrigen Kraftwagen" entwickelt hat. Herr Benz war da mit seinem dreirädrigen Wagen ein Jahr früher. Auch wenn die Firma Daimler das selbst in ihrem neusten Werbeclip nicht mehr so sieht, muss es aus Dicht eines Mannheimer hier doch gesagt werden.
Sie haben fast Recht: dreirädriger Motorwagen Benz Juli 1886 vierrädrigen Kraftwagens Daimler Okt. 1886 Auch als Nicht-Mannheimer ist es ärgerlich so was zu Lesen was Tom Grünweg für den Spiegel schreibt.
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