Dakar-Fahrerin Tina Meier Das Dirtgirl von der Steuerprüfung

Die Dakar 2011 ist eine Rallye der Rekorde. Das härteste und gefährlichste Offroad-Rennen meldet die meisten Teilnehmer seit der ersten Wüsten-Tour 1978. Am Start ist auch die Hamburger Motorrad-Pilotin Tina Meier. Wenn sie nicht auf dem Bock sitzt, arbeitet sie im Finanzamt.

Maindru

Die Rallye Dakar ist die Königsklasse, die Eiger-Nordwand der Offroad-Fahrer. Und sie ist eine mörderische Tortur: Die Dakar 2011 führt ab 1. Januar zwei Wochen quer durch Argentinien und Chile. Die Rennpiloten mit ihren aufgemotzten Pkw, Trucks, Quads und Motorrädern lieben den über 9000 Kilometer langen Rundkurs von Buenos Aires bis zur Pazifik-Küste und zurück mit nahezu religiöser Inbrunst. Doch der Preis, den sie für die Kasteiung zahlen, ist hoch: Seit der inzwischen selbst tödlich verunglückte Franzose Thierry Sabine die Dakar 1978 in Afrika aus der Taufe hob, starben 59 Teilnehmer und Zuschauer an und auf der Strecke.

Doch die Faszination für Racer und Schaulustige ist ungebrochen. Unter den 430 Teilnehmern, die sich im Rekordjahr 2011 gemeldet haben, sind 146 Auto-Starter, 68 Trucks, 33 Quad- und 183 Motorradfahrer. Unter den Bikern sind sechs Frauen - eine davon ist die Hamburgerin Tina "Dirtgirl" Meier. Sie startet zum dritten Mal in Folge bei der Dakar - ein vergleichsweise sonderbarer Zeitvertreib für eine Finanzbeamtin aus dem Stadtteil Bergedorf. Sie prüft im Alltag Bilanzen und hat erst spät ihren Führerschein gemacht.

"Mit 22 Jahren hatte ich einen Freund, der eine Geländemaschine und eine Harley hatte - er fuhr mit der Harley, und ich habe mir die Yamaha XT500 gegriffen. Erst das war der Grund, weshalb ich den Führerschein gemacht habe. Aber irgendwie muss das bei den Frauen in unserer Familie genetisch angelegt sein. Meine Schwester fährt auch Offroad, und unsere Urgroßoma Hertha ist um 1930 schon auf einer BMW durch die Gegend gerast."

Die Dakar - die einst Paris-Dakar hieß - ist aus Afrika weggezogen, nachdem das Rennen 2008 wegen Terrorwarnungen kurz vor dem Start abgesagt worden war. 2011 wird zum dritten Mal in Südamerika gefahren; durch die Pampa, über Andenpässe bis auf Höhen von 4700 Metern und durch die chilenische Atacama, die trockenste Wüste der Welt. Für die Fahrer haben sich die geografischen Gegebenheiten verändert, aber nicht die Herausforderungen - der große Sport und die Suche nach Sponsorengeldern. Ohne Geldgeber geht bei der Dakar nichts.

"Du kannst die Dakar natürlich alleine machen. Selber fahren, dein Motorrad in der Nacht im Camp warten, die News-Updates selbst schreiben. Dann lebst du praktisch aus einer Alu-Kiste, die von den Dakar-Organisatoren für dich transportiert wird. Unter uns Motorradfahrern gibt es davon vielleicht 30 oder 40, aber das macht dich total fertig. Da fährt man quasi nur, um irgendwie anzukommen. Das kann ich nicht. Ich möchte einen Mechaniker haben, ich möchte so viel schlafen wie möglich, und ich habe natürlich meinen sportlichen Ehrgeiz."

Meier hat ein konkurrenzfähiges Motorrad, eine Sherco mit 450 Kubik und knapp 50 PS. Ihr Team besteht aus einem Mechaniker, einer persönlichen Assistentin, die an der regelmäßigen Medien- und Pressearbeit feilt und einem eigenen Physiotherapeuten. Meier hat vom Organisationskomitee das Dakar-Medienpaket gebucht, mit täglichen Fotos, Videosequenzen und Updates. Ihre Blog-Einträge diktiert sie nur noch. So kommt sie auch nach den 700-Kilometer-Tagesetappen, bei denen sie bis zu 13 Stunden im Sattel sitzt, zu ausreichend Schlaf: vier bis sechs Stunden.

"Eine Teilnahme auf meinem Niveau kostet unterm Strich zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Die muss ich in den restlichen elf Monaten im Jahr erwirtschaften, über Sponsoren, über Kurse, die ich veranstalte, als Tourguide, Referentin und Selbstvermarkterin. Der 60-Prozent-Job im Finanzamt, das ist nur das nötige Grundrauschen."

Rasende Litfaßsäulen sind alle Teilnehmer, doch nur die Spitzenfahrer erhalten ein Gehalt dafür, dass sie gewinnen. Meier ist dafür viel zu spät zum Dakar-Tross gestoßen - quasi als eigene Seniorinnenklasse, 2008 mit 35 Jahren. Einem Alter, in dem die meisten Fahrer nach einem Dutzend Rennen schon wieder aussteigen. An ihrem Ehrgeiz ändert das nichts: Letztes Jahr wurde sie Dritte in der Frauenwertung, diesmal will sie wieder ankommen und noch schneller sein.

"Ich werde oft gefragt, warum ich mir die Tortur antue. Aber dieser Blickwinkel ist völlig falsch. Das ganze Jahr daran zu arbeiten, überhaupt an den Start zu kommen, das ist der Stress. In Buenos Aires Gas zu geben und die Strecke mit dem Motorrad zu fahren, das ist die Belohnung. Ich genieße jeden Kilometer."

9500 Kilometer will Tina Meier schaffen, dafür hat sie sich minutiös vorbereitet. Im Training hat sie endlose Kilometer auf dem Fahrrad abgespult, regelmäßige Geländeläufe hinter sich gebracht. Und natürlich ihr mentales Programm absolviert - beim Tango. Sie sagt, dass der Tanz ihr ideales Koordinationstraining sei; der Abschaltmodus, um ihre Batterien zu laden.

"Der Tango ist eine Spätfolge meiner ersten Dakar 2009. Da gab es vor der Rallye in Buenos Aires eine Tanzveranstaltung, da bin ich natürlich hin, und einer der Meister hat mich auf die Tanzfläche gezerrt. Faszinierend von der ersten Sekunde an. Seither bin ich eben nicht nur im Gelände, sondern auch in den Tangotempeln zu finden."



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