dB Drag Racing: Jünger des Schalldrucks

Von Jürgen Pander

Manche drehen das Radio voll auf, andere löten 15 Lautsprecher ins Auto. Für Fans des dB Drag Racing ist das Kinderkram: Ihnen gilt ein Wagen erst dann als laut, wenn er Panzerglasscheiben braucht, um dem Schalldruck standzuhalten. Der Rekord liegt bei 179,5 Dezibel.

Was soll so kompliziert daran sein, Lautstärke zu erzeugen? Eine fette Anlage ins Auto gepfropft, alle Regler auf zehn und dann den Schalter umlegen. Wenn es so einfach wäre, gäbe es dB Drag Racing nicht. Bei diesem Wettkampf geht es um Lautstärke, und zwar um die in einem Auto. "Das ist richtiger Motorsport, denn hier geht es ums Ultimo, um reine Physik", sagt Fitzgerald Douven, Spitzname DeBurper.

Der 30-Jährige aus Hagen war zweimal Deutscher Meister, einmal Europameister und erzielte 2006 einen Weltrekord. Das ging so: Er baute einen Fiat Panda, Baujahr 1990, zum Schalldruckmonster um. Rund 65.000 Euro investierte er in das Auto, quasi als Rendite spuckte der Wagen beim Wettbewerb in Kleve 163,9 Dezibel aus – kein anderes Auto dieser Klasse war jemals so laut. Damit ein Pkw solchen Schallwellenbergen überhaupt standhält, sind umfangreiche Modifikationen nötig. Douven berichtet, den Boden seines Panda habe er mit Beton ausgegossen und anschließend mit Granit gefliest. Das Gewicht ist nötig, damit möglichst wenig Vibrationen entstehen, wenn die Mess-CD eingelegt und abgespielt wird – ein monotoner Sinuston. "Hört sich an wie ein dröhnendes Burp und ist für die Umstehenden deutlich im Brustkorb zu spüren", sagt Douven. Anstelle der normalen Scheiben wurde sechs Zentimeter dickes, in Stahlrahmen eingeschweißtes Panzerglas eingesetzt – denn: Während der 30 Sekunden, in denen der Spitzenschalldruck gemessen wird, muss das Auto geschlossen bleiben.

Falls eine Seitenscheibe platzt oder die Windschutzscheibe splittert und kollabiert – was mitunter vorkommt – erfolgt die sofortige Disqualifikation. Gleiches gilt für den Fall, dass die Endstufe Feuer fängt. Douvens Rekord-Panda beispielsweise hatte zwölf Gel-Batterien an Bord die den Strom lieferten für die mehr als 30.000 Watt starke Soundanlage mit sechs Endstufen und drei Subwoofern. Es kommt nämlich keineswegs auf die Zahl der Lautsprecher an, und auch nicht auf die äußere Größe des Autos; entscheidend ist der Resonanzraum im Wageninnern. Und die Physik. "Wenn wir an einem Wettbewerbsauto bauen, ist der Taschenrechner unser bester Freund", sagt Douven.

In der gerade abgelaufenen Saison nahm er erstmals seit vielen Jahren nicht am Schalldruck-Spektakel teil. Momentan widmet er sich seiner Car-HiFi-Firma Bassfactory und ergötzt sich am Klang der 18.000-Watt-Anlage in seinem Citroën Saxo. Anders als der 3,7 Tonnen schwere Panda, der nur noch auf dem Anhänger transportiert werden konnte, ist der Saxo normal zugelassen. Was er am liebsten hört? "Achtziger-Jahre-Musik, Aktuelles und vor allem Goa", erklärt Douven. Und er sagt auch: "Wenn mein roter Saxo auftaucht, dann weiß jeder Gegner, dass es jetzt um die Wurst geht."

Mehr als 3000 Lautstärkefans treten beim dB Drag an

"Die Autosound-Szene entstand schon vor mehr als 20 Jahren in Deutschland, doch erst als das dB Drag Racing aus den USA nach Europa kam, entstand eine richtige Wettbewerbskultur", sagt Detlef Hagel, Chef der bizarren Sportart im gesamten deutschsprachigen Raum. 1997 startete die deutsche Serie erstmals; inzwischen finden pro Saison, die jeweils von April bis Oktober dauert, insgesamt etwa 180 Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt; rund 1100 Teilnehmer sind registriert, dazu kommen weitere etwa 2000 Extrem-Akustik-Fans in der Nachwuchs-Serie dB Cup.

Fünf Messteams von Hagels Firma sind jedes Wochenende auf Parkplätzen von Elektronikmärkten, auf Messen, Autoshows oder großen Szenetreffen unterwegs, um den Schalldruck zu ermitteln. Das Regelwerk ist komplex, es gibt insgesamt 34 Klassen und neben der extremen dB-Drag-Serie auch die schon erwähnte dB-Cup-Liga für Einsteiger. "Da halten sich die Materialschlacht und damit auch die Kosten noch in Grenzen", sagt Hagel. Außerdem ersannen er und sein Team eine Monster-Klasse, in der alles an den Start gehen darf, was rollt und laut ist. "Wir hatten schon Vogelkäfige auf Rädern, Kinderwagen und rollende Toilettenschüsseln dabei", berichtet Hagel. Die Jux-Konkurrenz sei dB-technisch zwar unbedeutend, aber ein großer Spaß fürs Publikum.

Deutscher Meister mit einem 4,5-Tonnen-Volvo

Ansonsten nämlich erschließt sich die Dynamik des Wettbewerbs nur dem Insider. Die Wertung wiederum ist einfach: Die lautesten acht in jeder Klasse erhalten Punkte. Wer mindestens 50 Zähler über die gesamte Saison hinweg sammelt, ist automatisch für die deutsche Meisterschaft im Oktober qualifiziert. Bei der jüngsten Veranstaltung dieses Typs, die in Hamburg stattfand, holte das Team SGK aus Kleve den Titel in der Königsklasse, der Kategorie Extrem II. Der rund viereinhalb Tonnen schwere Volvo Kombi, der in seinen Einzelteilen und auf zwei Anhänger verteilt zum Wettbewerb angekarrt wurde, erreichte glatte 175 Dezibel – und stellte damit einen neuen deutschen Rekord auf.

Die geräumigen Volvo-Kombis scheinen – ähnlich wie übrigens auch Fiat Panda, Golf II oder VW Käfer – überaus geeignet für derartige Schalldruck-Eskapaden. Den absoluten Weltrekord nämlich stellte im vergangenen Jahr ein Team aus Finnland ebenfalls mit einem gut 20 Jahre alten Volvo Kombi auf. Bei einem Wettbewerb in Sinsheim ermittelte der Drucksensor 179,5 Dezibel. "Daran", sagt ein Insider, "wird die Szene noch einige Jahre zu knacken haben."

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