Alte DDR-Zweiräder auf Kuba Die Insel der Ostalgie

Oldtimer und Kuba? Da denkt man sofort an stattliche Schlitten aus Amerika. Dabei gibt es noch eine ganz andere Sorte von Klassikern: Auf der Karibikinsel sind immer noch Zehntausende Fahrzeuge aus der DDR unterwegs.

DPA

Die DDR ist vor einem Vierteljahrhundert aufgelöst worden, doch auf Kuba, rund 8000 Kilometer von dem ehemaligen Staatsgebiet entfernt, wirkt die Deutsche Demokratische Republik noch merkwürdig lebendig. Es gibt sogar eine kleine Insel, die nach Ernst Thälmann benannt ist, dem einstigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands. Am auffälligsten erinnert aber das Straßenbild Havannas und anderer Städte an das alte Ostdeutschland: Dort fahren heute noch Zehntausende DDR-Fahrzeuge.

Das langjährige US-Wirtschaftsembargo und andere Einfuhrrestriktionen haben aus den Straßen des Landes längst eine Art lebendiges Museum für hochbetagte Motoren gemacht. Neben US-amerikanischen Oldtimern findet man Wagen russischer oder polnischer Hersteller - und manchmal sogar Wartburgs oder Trabants aus DDR-Fabrikhallen. Der Renner sind aber vor allem die MZ-Motorräder.

Die Zweiräder aus dem sächsischen Zschopau kamen bis in die Neunzigerjahre hinein auf verschiedene Art und Weise nach Kuba. Der 24-jährige Jorge fährt beispielsweise seit rund einem Jahr Passagiere gegen Entgelt mit seinem MZ TS 250, Baujahr 1983, im Stadtviertel La Palma im Süden Havannas. Für eine Fahrt nimmt er umgerechnet etwa einen US-Dollar.

Mehr als zehntausend Kubaner lebten in der DDR - und brachten zweirädrige Souveniere mit zurück

Sein Motorrad glänzt, auch wenn es nicht immer einfach ist, Ersatzteile zu finden. Jorges Vater kaufte das Motorrad in der DDR, bevor er Mitte der Achtzigerjahre zurück nach Kuba kam. Facharbeiter "durften zwei Stück nach Hause mitbringen", erzählt Jorge.

Rund tausend Kubaner gingen bis Ende der Achtziger zum Studium in den sozialistischen Bruderstaat, Zehntausende kubanische Arbeiter waren wie Jorges Vater in der Zeit in der DDR in der Ausbildung. Genaue Zahlen lassen sich schwer ermitteln, sagt Diplomingenieur Manuel Torres. Torres, der vor rund 50 Jahren in Dresden studierte, geht von mehr als 20.000 Menschen aus.

Santiago de Cuba gilt als MZ-Hochburg

Der junge Motorradtaxifahrer Jorge will seinen Nachnamen nicht nennen, denn seine Dienstleistung ist in Havanna trotz großer Not im öffentlichen Transportwesen offiziell verboten. In Santiago de Cuba im Osten des Landes haben sich die Behörden dagegen offenbar dazu durchgerungen, den Einsatz von Motorrädern als öffentliche Verkehrsmittel doch zu erlauben. Die zweitgrößte Stadt Kubas gilt als MZ-Hochburg.

Dort wird die Anzahl von Zweirädern auf 16.000 geschätzt, sagt Wilmenes Obregón. Davon könnte sogar die Hälfte von der Marke MZ sein, sagt der 57-Jährige. Obregón selbst fuhr zwischen 1991 und 2002 Taxi mit seinem Motorrad. Gekauft hat er es während seiner Ausbildung zum Dreher in Magdeburg zwischen 1979 und 1985.

Auch Roberto Quintero hat seine alte Simson wieder aus der Garage rausgefahren. Über 30 Jahre ist es her, dass der kubanische Ingenieur für Verkehrswesen das DDR-Moped von deutschen Freunden per Luftfracht geschenkt bekam. Das Zweirad sollte die Distanz zwischen ihm und seinem Sohn überbrücken, der bei seiner Mutter in der Nähe vom Badeort Varadero lebte - rund 140 Kilometer östlich von Havanna. Auch damals herrschte auf Kuba eine große Wirtschaftsnot, erinnert sich der Ingenieur. Eine MZ auf normalem Wege zu erstehen, wäre seinerzeit wohl undenkbar gewesen.

Inzwischen wohnt Quinteros Sohn in Havanna. Der heute 25-jährige Rainer - den Namen erhielt er in Erinnerung an einen alten Ausbilder seines Vaters in Rostock - darf nun oft selbst ans Steuer der MZ.

Von Isaac Risco, dpa



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
woyaya1, 24.11.2014
1. und ergänzend
kann man noch sagen , dass die Kubaner bescheiden, freundlich und dankbar auftraten , keinerlei Forderungen stellten , an ( Aus-) Bildung sehr interessiert waren und in der Kriminalstatistik nicht vorkamen . Die Fahrzeuge hatten sie sich mehr als redlich verdient . Noch Fragen ?
fast_weise 24.11.2014
2. ich war diesen
Sommer auf Kuba, das mit den Mzs stimmt auf alle Fälle, aber Trabant und Wartburg habe ich nicht gesehen, aber natürlich Unmengen von Lada und Moskwitsch.
winki 24.11.2014
3. In meinem Betrieb ...,
ein Bergbauunternehmen, lernten und arbeiteten viele Kubaner. Probleme gab es mit denen nie, im Gegenteil. Vor ein paar Jahren habe ich 3 davon in Varadero wieder getroffen. Das war ein herzliches Wiedersehen. Nach wie vor sind die Deutschen bei den Kubanern hoch angesehen. Warum hat die BRD auf politischer und wirtschaftlicher Ebene keine besseren Kontakte? Was geht uns das Embargo der Amis an? Die Kubaner haben es verdient besser behandelt zu werden.
Antares42 24.11.2014
4. Bild 2, noch mehr Ost-Fahrzeuge
In Bild 2, dem mit der Simson, sind im Hintergrund noch zwei andere Ost-Fahrzeuge zu sehen, wenn auch nicht aus der DDR: Links fährt ein Ikarus-Bus, rechts parkt ein himmelblauer Moskwitsch.
knieselstein 24.11.2014
5. Bischen mehr
Recherche ist auch bei so einem Artikel geboten. Bisher hatten Schiffe normalerweise ein Steuerrad, Autos ein Lenkrad und Motorräder einen Lenker ;-) PS: Weiß, bei den Schiffen ist der Joystick schon da, bei den Autos wird er kommen, aber eine Harley damit ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.